Wild.Wechsel.Saitig. – Wechsel Garlands “Dreams Become Things”

Juni 18, 2012

Was ist das eigentlich für ein Vorname, Wechsel?! – Über die Hintergründe dieser Namenswahl schweigt sich Jörg Follert aus. Gut, dass es auf seinen Tonträger-Veröffentlichung nicht ganz so stille zugeht. 2000 veröffentlichte Follert seinen ersten Longplayer als Wechsel Garland. Mit "Dreams Become Things" ist jetzt das fünfte Album unter diesem Pseudonym erschienen.


Wechsel Garland
Dreams Become Things

 

Strzelecki Books
1. Juni 2012

 

Erhältlich bei:
Myx2U | iTunes | musicload


Als Jörg Follert ist Wechsel Garland übrigens ein viel weniger unbeschriebenes Blatt als andersrum. Ganz im Sinne eines Borderline-Poppers allerdings, erarbeitete und forstete Follert sich durch die Randbezirke der Popular-Kultur weitaus intensiver als dessen Zentren. Ob als Wunder, 17 Pictures oder eben Wechsel Garland: Seine Engagements als Filmmusik- und Theater-Komponist legen davon reichlich Zeugnis ab. Und dass der gelernte Grafiker Klang gern in Bildern denkt und vice versa, liegt irgendwie auch auf der Hand – auch ohne Synästhetiker-Pass.

Kaum ein Wunder, dass "Dreams Become Things" optisch eine Eins ist: wer kann schon von sich behaupten, mit einem Farbkreis Subtilität zu kommunizieren? - Andererseits zeigt sich auch beim Hörern, dass Follert unterschwellige Kontraste zu einer Art Prinzip erhoben zu haben scheint. Noch dem am opulentesten instrumentierten und arrangierten Track "Box Of Clouds" geht eine gewisse Unaufdringlichkeit nicht ab. Die großen Gesten werden wie mit einem Augenzwickern kommentiert und pathetische Übertreibungen immer genau dann unterbunden, wenn man glaubt, das Kitsch-Gras wachsen zu hören.

Follerts Film- und Theater-Aktivitäten haben einen mehr als deutlichen Einfluss auf die Fertigstellung von "Dreams become Things" ausgeübt; was sich nicht nur an den deskriptiven Titeln der Tracks und Songs bemerkbar macht. Der Album-Opener "Box of Clouds" scheint wie aus einem französischem Western. Das sich daran anschließende "The Waiting Hall" beginnt wie Satie und endete wie Air – keine so schlechte Leistung in 1 Minute und 27 Sekunden. Auf "Vessels" werden die beiden ersten Tracks unter Zuhilfenahme einer Harfe dann miteinander fusioniert. Und Follert alias Garland ergänzt lyrisch: "Sometimes You Stumble, Sometimes You Wonder, Sometimes You Jump Like A Horse." Sowas auf der Volksbühne wär auch nicht verkehrt – findet der Autor.

Dass Garland zum Einspielen nicht auf eine Band zurückgriff, sondern auf moderne Digital-Technik, ist dem gesamten Album kaum anzuhören. Bei detailverliebten Perlen wie "The Summer Inside" oder "Hearts" werden deshalb zu Recht Erinnerungen an Belle & Sebastian oder auch Jens Lekman wach. Dass diese Erinnerungen einen aber nicht übermannen, sondern bei genauerer Betrachtung in eine wieder ganz andere Richtung weisen, das ist Follerts toller Verdienst. Tatsächlich steht er technikverliebten Eigenbrötlern à la Yoshinori Sunahara sehr viel näher. Auch wenn man das ausgerechnet bei "Equus" so gut wie gar nicht hört – einem dissonanten Störer-Track irgendwo zwischen Strawinsky, Schostakowitsch und dem Wiener Kreis – Adorno tät sich freuen.

Nach "Durchgang", der sinnfälligen Fortsetzung von "Equus", ist der Titeltrack "When Dreams Become Things" eine großartig gelungene Besinnung auf die Intensität leiserer Töne. Hier findet sich dann auch das schönste Zitat der an Zitierbarem sonst recht dürftigen Platte: "When you realize you hate everything that you have become, and you hang around like a complete nothing [...] and you’re taking nice photos in the worst moments".

Wechsel Garland hört sich so an, als wäre er froh, überdurchschnittlich traurig zu sein. Der Autor findet das großartig. Wenn da der Akzent nicht wär. Englisch als lingua franca ist eine tolle Sache; in die stark akzentuierten Fußstapfen Hildegard Knefs muss aber nicht unbedingt ...

Posted by: Thomas
Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -
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