Wo bleibt Marlene? – „Die Natur greift an“ von Vierkanttretlager

Kann nicht sein, oder? – "Where Do You Go To My Lovely", Peter Sarstedts schmissiger Schunkel-Schmunkel-Schubidu ist dem Autoren das letzte Mal vor Jahren auf dem Darjeeling Unlimited Soundtrack begegnet – und natürlich stündlich auf Radio Paradiso. Dass Vierkanttretlager sich dieses goldigen Oldies für ihre Upgrade-Variante des bereits im Winter erschienenen Albums angenommen und ihn sehr frei nicht übersetzt haben (Wo bleibt Marlene?), das könnte ihnen so passen. Und stehen tut es ihnen noch viel besser.


Vierkanttretlager Die Natur greift an + Shanty Chor EP

 

Unter Schafen Records / Alive 21. September 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | Musicload


Als Debüt des Vierers aus Husum erschien "Die Natur greift an" bereits im Januar 2012. Die Gründe für die aktuelle und mit Zusätzen ausgestattete Wiederauflage sind dennoch nachvollziehbar: Zum Einen repräsentieren die Musik-Kreativen um Sänger Max Richard Leßmann das Bundesland Schleswig Holstein im Rahmen des Bundesvision Contests - der Song der Wahl lautet "Fotoalbum". Zum Anderen wird die Combo im letzten Viertel des Jahres eine bundesweite Tour mit den "Freunden von Kraftklub"* bestreiten. Natürlich als – Vorband oder Opener heißt das ja heutzutage nicht mehr – Support.

Ob die Chemnitzer Kraftmeier-Popper eine gute Wahl waren bzw. ob sich ihr Publikum für die wesentlich weniger lauthälsigen Tretlagerer bereit und offen zeigt, wird man früh genug sehen. Ganz so schlimm wie "Die Hooligans aus Nummer 10" werden die Claqueure schon nicht sein. Den Shanty-Chor, den man für die fünf umarrangierten Stücke bemühen konnte, lassen die vier schließlich auch zu Hause. Apropos: genau um diese handvoll Bonusmaterial wird das Album in seiner Neu-Auflage erweitert.

Wie essentiell notwendig und tatsächlich wichtig diese Entscheidung war, bleibt zumindestens für Außenstehende wie den Autoren Spekulation. Das Aufpeppen der Songs mit Seemännerstimmen ist mitnichten ein pionieriger Geniestreich. Jimi Tenor ist mit so etwas schon getourt, Ina Müller hat einen vor der Kneipe stehen und Fips Asmussen kennt Shanty-Schenkelklopfer bis zur Amputation. Und zumindest im Ansatz läuft ein Song wie "Fotoalbum" Gefahr, sich mit Chor bedenklich nah am Bierzelt-Abgrund zu bewegen. "Aloha-He" ick hör dir trapsen.

Andererseits: "Keine Menschen mehr" ist ein klassischer Chor-Gewinner. Auch dank der Akustik-Klampfe, die für rhythmischen Dampf sorgt, während der verzerrte Bombast sich in seinen Ausmaßen auf Lou Reed Solo Niveau beschränkt. Und "Drei Mühlen" ist vielmehr eine Interpretation des Originals durch den Chor, eine Cover-Version also und keine Neu-Interpretation der Band. Geht klar, funktioniert, hat aber mit Vierkanttretlager rein gar nichts am Segel.

Womit wir auch schon bei den beiden Highlights der Albumerweiterung angekommen wären. "Am Ende Denk Ich Immer Nur An Dich" ist mit großem Abstand und ohne jedes Fitzelchen Ironie jene Nummer, deren Geist und Stimmung am besten zum ursprünglichen Album passt. Textlich – "Wieviele Erdbeereise muss der Mensch noch essen, damit er endlich einmal sagt, ich bin dafür, die böse Tat des Beinestellens zu unterlassen" - und ganz besonders auch musikalisch – das halbzarte Piano-Stakkato und was Momme Friedrichsen am Bass veranstaltet, sind eine eins. Wem Teles Francesco Wilking zu wenig Klartext und sowohl Fotos als auch 1000 Robota immer schon zu Franz Ferdinand waren, der darf bei Vierkanttretlager nicht auf die goldene Mitte hoffen. Die ist immer Durchschnitt. Mit den Genannten verhält es sich eher wie mit Zutaten; das Mischungsverhältnis ist wichtig.

Dass die Husumer Kombüse mit "Wo gehst Du heute Nacht hin" einen Vier-Sterne Amuse-Gueule der Extraklasse auftischt, kommt trotz aller schon auf dem Album ausgestellten Kniffe und Künste überraschend. Gelungen ist Version nichstdestotrotz – ob man das jetzt Seemanns-Walzer nennt oder nicht. Und nur, damit das Protokoll nicht unter die Räder gerät: "Die Natur greift an" ist eines der am meisten unterschätzen Alben des Jahres 2012. Schreibt der, der ein dreiviertel Jahr später drauf gestoßen werden musste. Was zu sagen bleibt: Es lohnt sich auch ohne das so genannte Bonusmaterial.

photo: Andreas Fornhoff | *Zitat Homepage

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