Live-Abenteurer auf Schicht im Studio – „Wternal!“ von Wareika

Wareika 5 high resolution

Wer glaubt, Vertreter der elektronischen Musikzünfte hätten es bei der Umsetzung von Studio-Projekten für die Konzert-Bühne auf irgendeine Art leichter, irrt ganz gewaltig. Und auch der Umkehrschluss ist zulässig: Ein bewährtes Live-Ensemble ist noch lange keine Garantie für erfolgreiche Studioarbeit, insbesondere dann, wenn diese Regel durch Ausnahmen wie Wareikas "Wternal" ihre Bestätigung finden.

Wareika
Wternal!
Visionquest / Alive
14. Oktober 2013
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Musicload

Auf dem globalen Chitlin-Circuit der Techno- und artverwandten Elektronika-Szene ist das Trio Wareika schon seit Jahren eine Größe. Ihrer besonderen Bühnen-Präsenz – drei tatsächliche Live-Musiker, zwei davon mit – sagen wir – weitgehend klassischen Instrumenten und einer waschechten Rampensau als Frontmann und Ab-und Zu-Sänger  - ist das ebenso geschuldet wie dem sich daraus ergebenden, sehr eigenständigen, bisweilen gar kruden Klangideal bzw. Sounddesign. Wenn also die Gitarre des Jazz-Aficionados Henrik Raabe um die Akkord-Patterns des House-ologen Florian Schirmacher schleicht und der Deep-Dub-Spezi Jakob Seidensticker dem Ganzen mit seinen MPC-typischen Synkopen ein rhythmisches Fundament verleiht, dann kann das unter Umständen so klingen wie auf "The Black Sea", "Five Edges" oder "Ocean's Drive".

Wo gerade davon die Rede ist: Unüberhörbar sind Wareika rhythmusorientiert. Und das nicht etwa, weil sich die durchgehende Bassdrum durchs Album zieht wie das "W" durchs Tracklisting. Sondern weil Wareika Fans von multi-, um nicht zu sagen polyrhythmischen Angelegenheiten sind; Ereignisdichte-Freaks; Percussion-Junkies. Es klackert, klickert, klappert und klatscht ununterbrochen – bei genauerem Hinhören ist es auf "Madame Scorpio" dann auch nicht die Bassdrum, die unerbittlich zum Tanz bittet, sondern die auf- und abschwellenden, aber immer peitschenden Hi-Hats in Verbindung mit anderen percussiven Elementen. Was live unzweifelbar zieht, könnte sich bei einer Couch-Session dennoch als Zumutung erweisen. Das gilt übrigens auch für die nicht immer leicht zu durchschauenden Track-Dramaturgien. Inmitten der Konzert-Situation mit Sicherheit zweit- oder drittrangig, entpuppt sich ein Song wie "After Berlin" im Album-Kontext als kurzerhand zu langatmig.            

Was man von dem – aus Sicht des Rezensenten – Höhepunkt des Albums, "All Little Things" nun wahrlich nicht behaupten kann. Auch hier rumort es auf Rhythmusebene mal wieder wie ein ganzer Footlocker in der Waschtrommel – von dem slapstick-eskem Vibraphon-Sample ganz zu schweigen - aber spätestens, wenn bei 2 Minuten und 40 Sekunden, der Bass harmonisch zu wirken beginnt, geht vor dem inneren Auge die Sonne auf. Ganz nebenbei ist "All Little Things" auch jener Track, auf dem Florian Schirmacher die wohl gelungenste Kostprobe seines vokalen Könnens zum Besten gibt. Das bleibt einem zwar in aller Gänze auch bei einem Track wie "The Floors Morphosis" nicht verborgen – bis zu Jamie Lidell, Romanthony und Prince ist’s aber noch ein ganzes Stück.

Ob, was Wareika auf elf von insgesamt zwölf Tracks ganz hervorragend machen – sich als mutige Klangabenteuer zu inszenieren – durch den (unrühmlichen) Ausreißer "La Poloma" in Frage gestellt wird, mag der Rezensent nicht letztgültig beurteilen. Wahrscheinlicher ist, dass es sich auch hierbei um eine regelbestätigende Ausnahme handelt.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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