Aus der Sonne, die ham sie gebucht – „Yo, Picasso“ von Fatoni & Dexter

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Woran man guten Hip Hop erkennt? – An den Preisen für gebrauchtes Vinyl auf Discogs. Woran man guten Hip Hop erkennt, wenn es noch kein Gebraucht-Vinyl auf Discogs gibt? – Daran, dass Fatoni, Dexter und "Yo,Picasso" auf dem Cover steht.

Fatoni & Dexter
Yo, Picasso
WSP Records / Chapter ONE / Universal Music
06. November 2015
10 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Ja, auch wir mischen uns ein. Geben unseren Semf dazu. Pusten unsere Brise in den Hit-Storm, der da gar nicht mal so langsam aufzieht. Fast vier Jahre nach Cro und seinem "Raop"-Debüt gibt es mit "Yo, Picasso" von Fatoni und Dexter mal wieder einen Hip Hop Konsens Kandidaten – zumindest aus Sicht der hauptberuflichen Feuilletonisten. Das beinahe Merkwürdige daran ist: Im Gegensatz zu den Ergüssen des Roger Willemsen-Lieblings Haftbefehl reicht zum durchdringenden Text-Verständnis von "Yo,Picasso" ein ganz herkömmlicher Deutsch-Leistungskurs.  

Ja, scheisse man, Fatoni ist ein untätowierter, vorstrafen-freier Studentenrapper (sagt er im Interview selber), für den wahrscheinlich selbst SANIFAIR-Raststätten-Klos bescheissen schon unter Gangsta fällt. Als ehemaliger Stadt-Theater-Ensemble-Schauspieler hat(-te) er authentischen Zugang zu einem Kultur-Bereich, der aller Wahrscheinlichkeit nach sogar den Gwisdek-Brüdern auf ewig verwehrt bleibt. Das macht ihn mitnichten zu einem besseren Rapper. Schon gar nicht per se. Für einen untätowierten, vorstrafen-freien Online-Schreiber allerdings ist das von Bedeutung. Vor allem deshalb, weil Fatonis ungewöhnliche Sozialisation als Schauspielschüler und Creme Fresh-Mitglied garantiert, dass die Themen auf seinem "gefühlt sogar ersten richtigen Solo-Album" mit Dexter sich ganz erheblich und ganz erfrischend von allem anderen unterscheiden, das da so kreucht, fleucht und rappt: Weder Fäkal-Sprachen-Intellektualismus (K.I.Z.), noch THC-Avantgardismus (Muso) und erst recht keine nihilistische Fluxus à la Deichkind.

Die zwei von insgesamt 13 Tracks, die am ehesten als Schwanz-Vergleich-Raps durchgehen würden, geraten bei Fatoni und Dexter einmal zu einem Trauergesang auf tatsächlich gefallen Helden ("Benjamin Button") sowie zu einem Battle-Track, in dem Fatoni mit seiner Bertolt Brecht-Lektüre angibt ("ADHS"). Die restlichen elf sind sowohl beat- als auch texttechnisch ein bisschen wie von einem anderen Stern. Ein Wunder, denn thematisch dürften "Stalingrad", "Schauspielführer", "Authitenzität" und "ICE Abteil" alles andere als extraterrestrisch sein. Warum sich solcher Themen dennoch niemand angenommen hat? – Ich wette, weil nicht Fatoni, Dexter und „Yo, Picasso“ auf dem Cover stand...

Ganz zu schweigen von anderen Höhepunkten dieses an Füllmaterialen derart armen Albums: Das sardonische, aber unbedingt tanzbare "32 Grad"; das zwischen Beichte, Götterdämmerung und Super-Saxophon-Sample changierende "Mike"; die nicht nur sprach-philosophischen Betrachtungen vom hervorragenden "Kein Tag"; und erst die groovige Geschichtsstunde des besten Tracks des gesamten Longplayers:  "Semmelweisreflex".

Das Coolste aber an Fatonis und Dexters Album "Yo, Picasso": Die Bürgerlichkeit ist nicht gespielt. Da ist kein vorgeschobenes Understatement wie bei Blumentopf, die heimlich doch ganz schön doll stolz sind auf ihr angeblichen Hip Hop-Verdienste. Keine Prinz-Pi-Vom-Saulus-Zum-Paulus-Scheisse. Kein Fanta 4-Wir-Haben-Soviel-Zu-Verlieren-Business. In seinen eigenen Worten: "Scheiss auf Authitenzität, ich will einfach nur ich selbst sein".

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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