Zwischen Dänemark & Prag – „Love & Hoppiness“ von Feindrehstar

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Nicht im Traum käme ein Muttersprachler auf das, was im klassischen Sinn ein Fall für die Wortspielpolizei wäre: "Love & Hoppiness". Lustig geht anders. Aber: Feindrehstar kommen ja aus Thüringen, dem Land, wo sie noch Hunde essen, nach altem Rezept, und wo David Bowie auch schon mal drüber geflogen ist. Zum Glück ist die Musik auf dem zweiten Album der Sieben-Mann-Kombo aus Jena um Längen besser als ihr so genannter Wortwitz.

Feindrehstar
Love & Hoppiness
Musik Krause / Rough Trade
9. Oktober 2015
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Fat Plastics

Dabei hilft, dass es sich bei neun von zwölf Songs auf "Love & Hoppiness" um Instrumentals handelt. Jetzt müssen die sieben Feindrehstars ihre Songs statt nach Titeln nur noch nach Ziffern benennen, dann dürften auch komische Kalauer à la "Deep Horse" und "Night Rainer Diskodub" in Zukunft der Vergangenheit angehören.

Apropos es war einmal. Die Idee, Club-Sounds und Live-Musik in ein gemeinsames Amalgam zu überführen, stammt ja nicht aus der Lichtstadt. Dem thüring’schen Überflieger David Bowie zum Trotz. Weswegen es statthaft erscheint, den Dance-orientierten, aber live instrumentierten Misch-Klang als eine Melange aus Bugge Wesseltoft, Brooklyn Funk Essentials, dem Xaver Fischer-Trio und – der darf schon wegen der Bläser nicht fehlen – Shantels Bucovina zu identifizieren. Und auch wenn es auf den Blick zunächst so scheint – mit dem Brandt Brauer Frick–Ansatz hat "Love & Hoppiness" eher weniger zu tun. Wie man insbesondere auf dem Titeltrack und dem Album-Closer "Blues For Bagdad" gut hören kann, geht es dem Kollektiv aus dem Paradies Jena nicht darum, Digitales durch möglichst gleich oder ähnlich klingendes Analoges zu ersetzen, sondern um den Versuch, beides unter eine Melone zu stopfen. Was – wie zum Beispiel bei "Shake That" oder "Caje Sukarije" (was haben den The Pharcyde da zu suchen?) – auch mal weniger gut gelingen kann. Ob Glück im Unglück oder per se raison d’etre: Die Bläser holen die Kastanien regelmäßig aus dem Feuer.

Allerdings mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Während der "Night Rainer Diskodub" sich als eine Art Walter Gibbons Edit geriert, klingt "The New Ballad" nach einem noch unveröffentlichten Nicolas Jaar Remix von 'nem Budos Band Stück. Was man von "Deep Horse" eigentlich auch behaupten könnte. Nicht aber von "Antelope", dem Ebo-Taylor-Feature, das zu Recht Erinnerungen zwischen Broken Beat aus dem Londoner West-End und ursprünglichstem Afro-Funk evoziert. London dürfte auch auf das acid-jazzige "From Bob To Stevie" abgefärbt haben, das zwar in Richtung Floating Points schielt, auf dem Album trotz der Zusammenarbeit mit Dave Aju aber keine tragende Rolle spielt. 

"Love & Hoppiness" ist ein durchaus solider Long-Player, dessen größtes Problem eines  ist, das ganz nebenbei auch schon The Grateful Dead hatten: Weil Feindrehstar vor allem eine Live-Band ist, besteht die größte Herausforderung für Studio-Alben, die Konzert-Atmosphäre möglichst ganzheitlich auf den Tonträger zu retten. Wen die Annäherung auf der Konserve nicht zufriedenstellt, muss sich die glorreichen Sieben eben live antun.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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