„Hypersex ist ein Liebesbrief an die Club-Kultur“ – Moullinex im Interview

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Nein, ein (Küchen-)Zerkleinerer ist Luis Clara Gomes alias Moullinex nun wirklich nicht. Der portugiesische Produzent, DJ und Multiinstrumentalist ist – wenn überhaupt – doch eher ein Zergrößerer. Das hört man auch seinem inzwischen dritten Album an: „Hypersex“ ist das Ergebnis einer stark konzeptionell geprägten und unter anderem deswegen enorm detailreichen Produktionsphase, in der aus unzähligen Schnipseln und Puzzlestücken am Ende viel mehr wurde als die Summe aller Teile. Und damit ist längst nicht nur die Musik gemeint. Das vor wegweisenden Kollaborationen nur so strotzende „Hypersex“ (Features u.a. von Fritz HelderGeorgia Anne Muldrow, Tee Flowers und Da Chick) ist auch auf allen anderen beteiligsten Ebenen das Resultat fruchtbarer Teamarbeit. Für das Design zeichnet Moullinex langjähriger Begleiter Bráulio Amado verantwortlich; für die Videos konnte er neben anderen Bruno Ferreira, João Pedro Vale und Nuno Alexandre Ferreira gewinnen.


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JOINMUSIC: Ist „Hypersex“ eher ein Konzeptalbum als die beiden Vorgänger „Elsewhere“ & „Flora“?
MOULLINEX: „Elsewhere“ war als Album schon eine stark konzeptualisierte Angelegenheit. Allerdings eher auf einem persönlichen Level. Auch auf „Hypersex“ habe ich sehr Persönliches miteinfließen lassen. Aber Sinn und Zeck von „Hypersex“ soll sein, eine Offenheit für jedermann zu präsentieren. Die erste Single „Open House“ war deshalb auch die perfekt Einführung: Ich lade jeden dazu sein, auf meiner Party mitzutanzen, unabhängig von Herkunft, Rasse, politischen Ansichten, Gender oder Sexualität. Es ist so, wie ich es auf der Innenhülle der Platte ausgedrückt habe: Hypersex ist ein Liebesbrief an die Club-Kultur. Und jeder von uns weiß ja, wie inklusiv diese Kultur ist und sein sollte.

JM: Wer oder was hat Dich zu dem einheitlichen Artwork für das Album und die dazugehörigen Singles inspiriert?
M: Das alles ist mit Braulio Amado, dem (Sleeve-)Designer seit meinem ersten Album, ist in unzähligen Brainstorm-Emails entstanden. Wir haben uns die Ideenbälle nur so zugeworfen. Dabei ging es uns vor allem darum, das Konzept von „Hypersex“ durch ein entsprechend besonderes, ins Auge fallendes Design zu visualisieren. Uns beiden war klar, dass das Album aus Sicht eines Musikers das wohl ausdruckstärkste Format überhaupt ist und es deswegen auch so behandelt werden sollte. Alles, was sonst noch zum „Stammbaum“ eines Albums gehört – Singles, Videos, Konzertplakate, die Live Visuals, Merchandise, Webseiten usw. – natürlich auch: Es ist eine Erweiterung ein und desselben Konzepts und muss als solches auch sofort erkennbar sein.

JM: Wann, wo und wie sind die Songs entstanden – auf einmal oder über einen langen Zeitraum?
M: Ich habe ungefähr ein Jahr gebraucht, um das Album fertigzustellen. Ich habe Musik gemach, wann immer ich dafür Zeit finden konnte. Wenn Du unterwegs bist, hast Du ja theoretisch viel Zeit. Genug, um ein paar Ideen runterzuscribbeln. Einige der Entwürfe könnten also tatsächlich so entstanden sein… Aber den Großteil der Arbeit haben wir im Studio erledigt.

JM: Brauchst Du, um komponieren zu können, eine bestimmte Atmosphäre, eine bestimmte Laune oder sonst irgendetwas?
M: Ich brauche eine Art sicheren Hafen – so wie mein Studio. Um Ideen entwickeln zu können, brauche ich es irgendwie gemütlich. Unter genau diesen Umständen ist auch „Hypersex“ entstanden. Für das letzte Album habe ich mich an einen Ort begeben, von dem aus ich zum Rest der Welt überhaupt keine Verbindung hatte und auch nur ganz wenig Equipment und Hardware. Launen und bestimmte emotionale Umstände sind in Sachen Kreativität natürlich hilfreich. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie etwas auslösen können, dass Dir andere mentale Herangehensweisen ermöglicht. Einige Gefühle können Deinen Einfallsreichtum aber auch blockieren.

JM: Mit „Hypersex“ bist Du an einem Punkt angelangt, an dem man von einem Signature Sound sprechen könnte – jedenfalls, wenn es nach meinen Ohren geht. Absicht oder Unfall?
M: Wenn Du nach etwas strebst, ein bestimmtes Ziel vor Augen hast, bekommst Du am Ende das Beste aus beiden Welten: Erstens wirst Du zumindest irgendwas auf Deinem Weg erreicht haben und zweitens werden Dir auf diesem Weg Unfälle passieren, die sich als Offenbarungen erweisen und Deine Musik bereichern werden. Es freut mich, dass Du da einen Signature Sound hörst. Tatsächlich habe ich hauptsächlich mit nur einem Synthesizer gearbeitet, ich mag abenteuerliche Breaks – und Flöten, die mein Freund André Cameira spielt. Ich würde hinzufügen, dass mit Melodie und Harmonie außerordentlich wichtig sind.

JM: Basiert „Love, Love, Love“ auf einem Sample?
M: Nein. Aber ich wollte es so klingen lassen wie die klassischen Housetracks, die um ein solches Sample herum produziert wurden. Als würde ich meine eigene Musik samplen. Das war eine großartige Herausforderung.

JM: Singst Du selber auf „Hypersex“?
M: Im Gegensatz zu meinem letzten Album – auf dem ich alles gesungen habe – habe ich diesmal auf Kollaboration gesetzt. Die perfekte Methode, um das Album-Konzept von Zusammengehörigkeit und Gemeinsamkeit auf die nächste Ebene zu bringen. Aber auf einigen Songs ist meine Stimme dennoch zu hören: „Love, Love, Love“ und „Morse Code“.

JM: Wer singt denn dann bei Euren Live-Konzerten?
M: Einige der Songs singen wir. Die meisten der Songs mit Gast-Sängern präsentieren aber entweder als Leinwand-Projektion oder einfach als Playback. Wir wollten es diesmal anders machen. Denn manchmal funktioniert das mit einem Sänger, der einen Haufen Songs interpretiert, die im Original von anderen gesungen werden, nicht wirklich gut. Ich habe Konzerten von Leuten gesehen, die ich liebe, nur um von den Sängern enttäuscht zu werden, die den Originalen nicht gerecht wurden.

JM: Lassen Euch die Songs live die Möglichkeit zu improvisieren und zu jammen?
M: Wenn nicht live improvisieren, wo dann?! Auf der Bühne um eine einzige Idee herum zu jammen, bringt Dich außerdem vielleicht im Studio weiter. Das gleiche gilt natürlich für Sound-Checks: Auch aus ihnen entstehen manchmal Klasse-Ideen.

JM: Was spielst Du auf der Bühne?
M: Meisten Bass – das wollte ich schon immer! – Aber ich bei manchen Stücken wechsle ich auch zu Keyboard und Synthesizer.

JM: Wer sind die drei portugiesischen Musiker, die die Welt noch entdecken muss?
M: Xinobi, Da Chick und RAC.

JM: Danke für das Interview!


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JOINMUSIC: Is „Hypersex“ more of a concept album than „Elsewhere“ & „Flora“?Moullinex: “Elsewhere” was a very conceptual record, but more focused on the personal. “Hypersex” might be personal as well, but its goal is to be global, opened to everyone. The first single “Open House” was a perfect introduction. This is basically me inviting everyone to a party regardless origins, race, political views, gender and sexuality. As expressed in the record inner sleeve, Hypersex is a love letter to club culture. And we all know how inclusive this culture is and should be.

JM: What inspired the very corporate identity/aesthetically homogenous look of the artwork concept (album & singles)?
M: I’ve been working with Braulio Amado, the designer, since the very first album. This identity and all its homogenous look were developed through innumerous emailed brainstorms. We ping-ponged loads of ideas with the purpose of having the concept of Hypersex very well expressed through a catchy and edgy outlook. We both agreed that an album is high-valuable form of expression for a musician, thus should be threated the best way and everything that is album related: singles, videos, posters for live shows, live visuals, merchandise, websites etc should stand as a plus of the whole concept and make it immediately distinguishable.

JM: Where, when and how did the songs come to life? Over a longer period or basically at this one instant?
M: I would say this record took something like almost a year to complete. I do music every time I have time to. Travelling gives you a lot of “free” time where you can wrap up a couple of ideas, so some drafts might have been born in a flight, or at home… but most of the work was done in my studio.

JM: Did you need a certain atmosphere, mood or any other material or emotional circumstances to compose?
M: I need a place like my studio, where I develop most of my work. The studio is a “safe” place with a comfortable atmosphere to compose. “Hypersex” was made on this environment. On my last album I went to a quiet place, without connection to the rest of the world and with a lot of gear limitations. Mood and emotional circumstances help a lot on creative manners, I believe they can trigger different mental approaches to making music. Some emotion can also block you from creativity once in while.

JM: At least to my ears it seems that with “Hypersex” you’ve finally arrived at something that could be called signature sound. Is that something you were actively striving for or was this outcome accidental?
M: When you strive for something you get the best of both worlds: First you achieve at least something of what you were striving for and in the way to that achievement you’ll be greeted by some great accidental revelations that will enrich your music. I’m happy when you say I reached a signature sound. The groove on the drums you so well found on Love Love Love, the fact that I used mostly one synthesizer only, the flutes (that are played by my friend André Cameira), the scientific breaks… I would add that I’m also obsessed by harmony and melody.

JM: Is “Love, Love, Love” based on a sample? If yes, what is it?
M: It is not based on any sample but at a certain point I’ve tried to give it the classic feeling of those great House tracks that are built around a sample. It was like I sampled my own music. It is a great exercise.

JM: Did you sing on “Hypersex” at all? Why not?
M: Contrary to my last record – which was sung by me in its entirety, with Hypersex it was my intention to do a lot of collaborative work, a perfect way to strength up the concept of unity and collective that is one of the major messages of the album. But I still sing in a couple of tunes here: „Love Love Love“ and „Morse Code“. 

JM: Who is doing the singing live, then?
M: Some of the songs we do sing live. But most of the collaborative tracks will be presented either as drag show or with video projection. In both cases the playback and lip sync will be something assumed. It is a different approach to what we’ve done before. Sometimes having a singer on stage interpreting a bunch of songs originally sung by different people just doesn’t work that well. I’ve seen acts that I love and get disappointed by their lives because the singers on stage just can’t make justice to the originals.

JM: Does the live-situation leave room for improvisation and a jam-like atmosphere?
M: Live is a perfect place for improvisation. Jamming on stage, around one idea, might guide you to some other great ideas to develop in studio. The same applies to sound-checks that can generate quality ideas.

JM: What instrument do you play on the stage?
M: Most of the times I play the bass, I always wanted to play it!. But I do play keyboards and synthetizers on a couple of tunes.

JM: Who are the Top 3 musicians from Portugal the world yet has to discover?
M: Xinobi, Da Chick and RAC!

JM: Thank you for taking the time.

 

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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