„Auch Glück kann einen überrumpeln“ – Lisa Morgenstern im Interview

klavier

Es begab sich vor ziemlich genau einem Jahr, dass sich der Verfasser dieser Zeilen auf Konzertpirsch ins Hamburger Logo begab, um dort einem Konzert des ehemaligen Goethe’s Erben Frontmannes Oswald Henke mit seinem Projekt HENKE beizuwohnen und ganz nebenbei in Begleitung der Hamburger Gothic (Not Gothic) Band The Crystal Apes das ein oder andere altbekannte Gesicht zu wiederzutreffen. Viel beeindruckender als der eigentliche Hauptact erschien jedoch die als junge, als Toursupport gebuchte Künstlerin Lisa Morgenstern, die – dem Schreiber vorher vollends unbekannt – mit einer äusserst außergewöhnlichen Melange aus zart zurückhaltender, doch immer dunkler Background-Elektronik, sehnsuchtsvollem E-Piano und vor allem ihrer am Schmerz der Welt leidenden, expressiven und auch exaltierten Vocals innerhalb nur eines einzigen Songs tiefere Emotionen zu vermitteln wusste als manch einer in einem ganzen Musical. 

Unter dem Eindruck dieser ungewöhnlichen und auch ungewöhnlich berührenden Darbietung dieser am besten mit Dark Sonnet oder Theatrical Chanson zu beschreibenden, ihres Gleichen suchenden musikalischem Vision fiel der Entschluss, Lisa Morgenstern in Zukunft im Auge zu behalten und ihre musikalische Entwicklung zu verfolgen. Nun, fast ein Jahr nach der ersten Begegnung und fünf Monate nach Erscheinen ihres komplett in Eigenregie veröffentlichten Debutalbums „Amphibian„, ist es an der Zeit, die junge   Künstlerin ins kurze Kreuzverhör zu nehmen.

JOINMUSIC: Lisa, ein Jahr ist seit unserem ersten Zusammentreffen im Logo vergangen – ein Konzert, das mich sehr beeindruckt hat, auch wenn ich mittlerweile weiß, dass du dort mit dir mehr als unzufrieden warst. 
Lisa Morgenstern: Tjaha. Das Konzert im Logo. Manchmal – zum Glück nicht immer, gehe ich von der Bühne und bin derartig verärgert über meine Leistung, dass man mich am besten in den nächsten zwei Stunden danach in Ruhe lässt. Ich sinke dann an irgendeiner Backstagewand herab und signalisiere in etwa „Wer mich jetzt anspricht, spielt mit seinem Leben.“ Komischer Weise bleiben jene Konzerte oftmals den Leuten mehr im Gedächtnis, denn die Dinge, über die ich mich ärgere, bekommt keiner mit. Aber meine ansteigende Expressivität wird wahrgenommen. Überhaupt bin ich ein Volldepp was Selbsteinschätzung angeht und bin in meinem Selbstbewusstsein und meiner Unsicherheit sehr sprunghaft.

JM: Was hat sich für dich verändert? Wo steht Lisa Morgenstern heute und wer war sie damals?
LM: „Lisa heute“ hat unheimlich viel im letzten Jahr er- und durchlebt. Ich habe Benni Cellini als versierten Cellisten dazugewonnen, mein erstes Album der Welt freigegeben, eine Reihe von Konzerten gespielt und unheimlich viel Erfahrung und Wissen in der mir damals noch unbekannten Musikwelt gesammelt. Ich weiß viel mehr über technische, organisatorische und auch über menschliche Dinge. Und bin mir dennoch bewusst, dass ich quasi noch nichts weiß. Vielleicht ist das auch gut so.

„Lisa damals“ wohnte noch mitten im Wald zwischen schroffen Felsen, hatte sich absichtlich für zwei Jahre in die wunderhübsche Kreuzmühle ins Nichts zurückgezogen. Man brauchte Koordinaten statt einer Adresse, um mich dort besuchen zu können. Inzwischen habe ich ein Jahr in Hannover verbracht, naja obwohl – von der Stadt habe ich nichts mitbekommen – ich war immer im Studio „Institut für Wohlklangforschung“ und habe nach der Fertigstellung meines Albums dortige Produktionen und Livegeschehen anderer Bands begleitet.

JM: Du hast, trotz deines noch recht jungen Alters, einen weitreichenden musikalischen Hintergrund im klassischen Klavier ebenso wie im Tanz und Theater, der auch über die reine Musik hinaus auf der Bühne zum Tragen kommt. Inwieweit denkst du bei der Komposition deiner Songs schon an die Umsetzung on stage?
LM: Oh wie schön! „noch recht jung“ – es gibt Hoffnung, dass das meine Tätigkeiten nicht mehr in Relation zu meinem Alter betrachtet werden… Tanz und Theater hat immer etwas mit einer Rolle zu tun und es gibt Vorgaben. Das ist jetzt auf der Bühne nicht mehr so. Natürlich tragen meine Erfahrungen in dem Bereich zu meiner Bühnenpräsenz bei. Aber ich würde es eben niemals als Tanz und Schauspielerei betrachten – davon ist es weit entfernt, zumal ich das Ausbauen jener Fähigkeiten ad Akta gelegt habe. Ebenso würde ich mich auch nicht Pianistin nennen, denn auch für diese Bezeichnung müsste ich,  zumindest nach meinem Empfinden, viel besser sein. Aber dennoch kann ich dem Bedürfnis, mich über jene Ebenen auszudrücken, nicht verschließen und versuche den Anspruch der Virtuosität zu vergessen und mich einzig auf das Transportieren tiefliegender Prozesse, die man nur Ansatzweise mit Worten erklären kann, über diese Wege freizulassen. Und doch reibe ich mich viel zu oft an dem Problem, dass ich die Revolutionsetüde nicht mehr so gut wie früher spielen kann, dass ich nicht immer super sauber singe, dass ich keine Pirouetten mehr auf Spitze hinkriege oder dass ich literarisch wertvolle Texte nicht mehr auswendig kann. Ist aber Blödsinn – denn es gibt andere Menschen die das können. Aber niemanden, der das kann, was ich mache.

JM: Was ist zuerst da – Musik oder Text? Und ist es die durchaus dem Morbiden, vom Leid des Daseins geplagte Grundstimmung, die einen Text zu einem echten Morgenstern-Text macht?
LM: Ein echter Morgenstern-Text. Soso. Echt sind sie. Und ich will auch, dass sie es bleiben. Somit hoffe ich, dass die Texte glücklicher werden. Oft ist es ein Wettrennen zwischen Musik und Text. Meistens gewinnt die Musik. Ich habe hier und dort Kommentare mit den Worten „Dramaqueen“ gelesen. Auch bei „Leid des Daseins“ muss ich lachen. Viele die mich jetzt im Studio kennengelernt haben und mich im Anschluss gegoogelt haben, waren überrascht, auf „Lieber Tod“ zu stoßen. Ich bin zu großen Teilen ein fröhlicher Mensch und das ist nicht nur eine Maske zum Schutz. Jetzt gebe ich das einfach mal zu. Aber dieses „Leid des Daseins“ konfrontiert einen mit Gefühlen und Erlebnissen, die schwieriger zu kanalisieren sind und sich deshalb umso intensiver anstauen. Auch Glück kann einen überrumpeln und maßlos überfordern. Ich habe keine Angst vor Dur-Akkorden und auch nicht vor euphorischen Texten. Und gerade Menschen, die empfangsbereite Sensoren für „Kannibalische Gourmet“’s haben, werden für die gesamte Gefühlspalette offen sein und eben nicht nur für Harmonie aus der Dose.

JM: Stichwort „Amphibian“, dein Debütalbum. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern hast du dich gegen die Zusammenarbeit mit einem Label entschieden, sondern „Amphibian“ komplett in Eigenregie veröffentlicht – mit aufwendigem Artwork und in Kooperation mit Periplaneta, die in ihrer Arbeit tendenziell eher dem geschriebenen Wort denn der Musik zugewandt sind. Was hat dich dazu bewogen, eben diesen Weg zu wählen?
LM: Da waren einige Labels die wollten. Ich glaube zu dem Zeitpunkt meinten es einfach zu viele Leute gut mit mir und redeten wild und wirr auf mich ein. Ich habe dem Bauchgefühl vertraut, dass ich noch nicht an dem Punkt bin, mich in das Haifischbecken zu werfen und entschied für die eigenwilligen Amphibien gemeinsam mit Periplaneta. Das hat perfekt funktioniert. Zu viele Ratschläge die sich widersprachen. Zuviel Gerede und Schmeicheleien, die anzunehmen ich nicht fähig war. Mir geht es nicht darum, viele Fans zu gewinnen, Geld zu generieren und auf großen Bühnen zu spielen. Da würde ich andere Musik machen. Und doch hat das Crowdfunding eine so unerwartet hohe Resonanz verursacht, dass ich mich plötzlich in ganz anderen Gefilden aufhielt und das Projekt für meine damaligen Vorstellungen plötzlich unglaublich groß war.

Das Musikmachen ist für mich also nicht das Reich-und Berühmt-Szenario, sondern der Kompromiss, aus einer Art Psychohygiene und dem absurden Drang, es nach außen zu tragen. Böse Zungen würden sagen – ich habe in der Kindheit zu wenig Aufmerksamkeit genossen. Dabei war es vielleicht andersherum? Ich weiß es nicht.

JM: Im direkten Vergleich zur Liveerfahrung klingt „Amphibian“ als Album ein wenig zurückgenommen, weniger expressiv und theatralisch. Inwieweit hatte die Arbeit im Studio einen Einfluss auf den Sound des Albums? Und wer / was hat „Amphibian“ im Entstehungsprozess entscheidend geprägt?
LM: Diese Frage weiß ich gerade nicht zu deuten. Expressivität ist was gutes. Theatralik nicht unbedingt. Natürlich gibt es einen großen Unterschied zwischen Live und Album.

Der Studioprozess was sehr spannend. Zunächst bin ich einem Flügel begegnet, der mich das Studio dann gar nicht mehr verlassen ließ. Der wässrig weiche altmodische Klang zwischen all den ganzen Kabeln, Mischpulten, Bandmaschinen und Effekt-Racks ersetzte schlagartig das Bachplätschern und Waldrauschen. Tagsüber wurden vielerlei Gitarren und Drums aufgenommen und nachts setzte ich mich dann an mein eigenes Album. Somit war die Sache etwas langwieriger, umso mehr, weil ich die gemeine Möglichkeit hatte, selbst und ohne Zeitdruck bis zur eigenen Zufriedenheit auf den roten Record-Knopf zu drücken. Und dann kam auch noch bereits erwähnter famoser Cellist daher und innerhalb kürzester Zeit klang plötzlich alles noch viel schöner, größer und abwechslungsreicher als vorher. Und nach vielen schlaflosen Nächten neben absurd vielem anderen Geschehen am Tage hatte ich plötzlich mit Hilfe von Willi Dammeier ein fertiges Album. Und mittlerweile haben es viele andere Menschen auch. Das ist umwerfend!

JM: Dem kann ich mich nur anschliessen und bedanke mich an dieser Stelle für das Interview.

Foto: Wieglas Fotografie

 

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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