„Auf derselben Stelle stehenbleiben ist nicht unser Ding“ – Arkells im Interview

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Die Arkells haben sich auf den weiten Weg von Kanada nach Deutschland gemacht, um unter anderem ihre Hamburger Fans mit einem Umsonst-Konzert im und vorm Knust zu beglücken. Kurz vorher kam Mike DeAngelis noch bei JOINMUSIC vorbei, um Rede und Antwort zu stehen. Natürlich ging es um das neue Album „High Noon“, aber auch um Hamilton und Hamburg und Essen und vieles mehr.

JOINMUSIC: Wie geht’s Dir, Mike? Genießt Ihr Hamburg? Ihr seid ja jetzt ein wenig länger hier, wie ist das für Euch?

Mike: Das stimmt, wir sind hier jetzt ein paar Tage. Unser Hotel liegt direkt an der Reeperbahn. Das ist witzig, da ist immer etwas los. Dadurch ist es aber leider auch etwas schwierig, zur Ruhe zu kommen. Um vier oder fünf Uhr am Morgen kann man immer noch Leute hören. Ich verstehe zwar nicht, was sie sagen, aber sie klingen sehr… betrunken. Als hätten sie eine sehr gute Zeit.

JM: Das kann ich mir gut vorstellen. Seid ihr denn auch schon auf der Reeperbahn gewesen?

M: Ja, na klar, das ist ja das erste was die Leute einem zeigen, wenn man nach Hamburg kommt, glaube ich. Wir haben all die Sehenswürdigkeiten gesehen und zuletzt waren wir in einigen netten, kleinen Bars, ein wenig abseits von der Reeperbahn. Wir wollten jetzt nicht unbedingt feiern gehen. Aber wir waren ja auch schon auf dem Reeperbahn Festival. 

JM: Ja, stimmt, vor zwei Jahren, oder?

M: Ja, genau, das war wirklich großartig. Aber ja, die Reeperbahn an sich ist ein interessanter Ort. Wir machen uns immer darüber lustig, dass es scheint, als würde sich jeder überall in Deutschland benehmen und dann hat man Euch aber diesen einen Fleck gegeben, wo jeder tun kann, was er will…

JM: Ist Hamburg denn ein wenig vergleichbar zu Eurer Heimatstadt Hamilton?

M: Ja, ein bisschen schon. Ich habe das Gefühl, hier gibt es auch diesen… ja, nicht, Wettbewerb, aber dieses kleiner-Bruder-großer-Bruder-Ding zwischen Berlin und Hamburg. Und das ist dasselbe zwischen Hamilton und Toronto. Toronto ist auf jeden Fall cooler und da ist auch mehr los. Aber Hamilton ist auch großartig. Es ist kleiner und da gibt es diese Community, die viel enger ist, einfach weil sie kleiner ist.

JM: Achtung, Übergang: Ich habe gelesen, dass Ihr Euer neues Album „High Noon“ in Hamilton geschrieben habt.

M: Ja, das ist richtig. Wir haben da dieses richtig coole Gebäude angemietet, das vorher schon vielen unterschiedlichen Dingen genutzt hat. Es war mal eine Gewürzfabrik und dann ein Nachtclub für Schwule und dann wurde es geschlossen und stand eine Weile leer. Und dann haben Leute es aufgekauft und angefangen, daran rumzubauen. Und dann haben sie gehört, dass wir auf der Suche sind nach einem Raum und dann sagten sie: Hey, hier ist doch Platz, kein Problem. Und dann probten wir also in diesem riesigen Raum mit den riesigen Fenstern, im Hintergrund die ganze Zeit der Baulärm. Aber wir waren lauter. Und das war ein echt cooler Ort.

JM: Und wie sahen Eure Writing-Sessions dann so aus? Kamt Ihr dafür alle zusammen und habt gemeinsam an den Texten und der Musik gearbeitet?

M: Ja, das war schon irgendwie ein strukturierter Prozess, anders als sonst. Normalerweise, wenn man in einer Band spielt, dann hat man einen sehr unstrukturierten Tagesablauf. Und dieses Gebäude war ganz in der Nähe zu unseren Wohnhäusern und dann konnten wir mit dem Rad dahin fahren. Also sind wir jeden Morgen mit den Rädern los und haben uns zum Arbeiten getroffen. Und dann haben wir alle zusammen in einem Raum geschrieben. Und das hat dann auch schon mal echt lange gedauert, aber es hat uns so echt sehr gut gefallen.

JM: Und würdest Du sagen, dass sich die Songs auch noch verändert oder weiterentwickelt haben als Euer Produzent dazukam? Weil zu einem gewissen Zeitpunkt habt Ihr Euch ja für Tony Hoffer entschieden…

M: Ja, also, ich glaube die Songs an sich, also der Text und die Struktur, die haben sich nicht mehr wirklich verändert und sind gleich geblieben. Aber an einigen Songs, wie zum Beispiel „Leather Jacket“, haben wir noch mal verstärkt gearbeitet, als wir dann in Los Angeles waren. Als wir zusammen mit Tony arbeiteten, hat er uns sehr geholfen, unsere Gedanken zu sortieren und auch den Sound. Tony war sehr gut darin, unsere Ideen zu fokussieren und vor allem auch die Soundqualität auf den Punkt zu bringen.

JM: Und warum habt Ihr Euch für ihn entschieden? Habt Ihr vorher schon einmal mit ihm zusammengearbeitet?

M: Nein, wir waren einfach große Fans seiner Musik. Wir haben zuerst durch The Thrills von ihm gehört. Und dann hat er ja auch mit der kanadischen Band Stars zusammengearbeitet und mit der französischen Band Phoenix und mit M83. Also hat er eine Menge Erfahrung mit guter Musik und als wir dann die Möglichkeit bekamen, mit ihm zusammenzuarbeiten, fanden wir das großartig.

JM: Ich habe in einem Interview gelesen, dass Max sagte, dass die Dinge, die ihn nachts wach halten, die Dinge sind, die er nicht getan hat und nicht die Dinge, die er versucht hat und an denen er scheiterte. Ist dieser Spruch, dieses Motto, oder wie man es nennen mag, der Grund, warum Ihr Euch für einen neuen Sound entschieden habt? Dass Ihr etwas Neues ausprobieren wolltet?

M: Ja, ich denke, was Max damit sagen wollte, ist, dass wir an der gleichen Stelle stehen bleiben und immer das Gleiche machen könnten. Aber für uns ist das definitiv nicht die beste Art, unsere Zeit zu verbringen. Wir würden dann lieber etwas Neues ausprobieren und auch mal ein Risiko eingehen. Ich denke schon, dass es zwischen unserem ersten, zweiten und dritten Album einige Unterschiede gibt. Aber es gibt immer noch Gemeinsamkeiten, die alles zusammenhalten. Aber wir lieben es, neue Dinge auszuprobieren. Auf derselben Stelle stehen bleiben, das ist einfach nicht unser Ding.

JM: Verständlich. Ich habe auch gelesen, dass Ihr sagt, dass „High Noon“ musikalisch etwas mutiger aufgebaut ist und dann sprecht Ihr von Vergleichen mit The Clash, Kanye West, Katy Perry, Ja Rule und Elton John – wie passt denn all das zusammen? Ich glaube, das ist wirklich mutig, solche Vergleiche zu ziehen. 

M: Natürlich haben wir alle einen bestimmten Einfluss und der zeigt sich halt an verschiedenen Stellen des Albums, mal mehr, mal weniger. Ich denke, es wäre wirklich falsch, im Jahr 2014 andere Musikstile zu ignorieren und nur eine Punk-Band zu sein, oder nur eine musikalische Richtung einzuschlagen. Also, für einige Bands mag das vielleicht funktionieren, aber auf jeden Fall nicht für uns. Es ist viel zu verlockend, Musik außerhalb von unserer Welt, unserer kleinen Rock’n’Roll-Welt, zu hören und diese dann zu verarbeiten. Wenn wir etwas mögen, dann nehmen wir das auf und am Ende landet es auch in unserer Musik.

JM: Das ist eine sehr gute Beschreibung. Also was Ihr hört und wahrnehmt und mögt, das versucht Ihr auch in Eurer Musik unterzubringen.

M: Ja, irgendwie schon. Vielleicht ist das nicht die beste Idee, weil Leute, die unsere Musik hören, eigentlich nicht Kanye West oder Katy Perry mögen. Aber wir haben gelernt, dass wenn es ein guter Song ist und er funktioniert, dann werden die Leute darauf anspringen. Und das mögen wir. Wir finden das sehr spannend und denken, dass das auch für einen Hörer sehr spannend ist: aus der Komfortzone rauskommen und etwas mögen, was man vorher nicht gedacht hätte, dass man es mag.

JM: Das ist absolut richtig. Aber Ihr seht Euch immer noch als Rock’n’Roll-Band, oder?

M: Natürlich. Aber das ist ja auch nicht deshalb, weil wir die Musik mögen, sondern, weil wir fünf zusammen auf der Bühne eben das sind: eine traditionelle Rock’n’Roll-Band. Wenn Ihr zu einer unserer Shows kommt, dann kommt Ihr zu einer Rock’n’Roll Show. Aber da gibt es natürlich die Dinge im Hintergrund und Dinge, die uns beeinflussen, und das macht das alles so aufregend für uns. Und wenn es aufregend für uns ist, dann fühlt das auch das Publikum. Egal, welche Musik das jetzt genau ist.

JM: Und „High Noon“, ist das immer noch ein Rock’n’Roll Album?

M: Auf jeden Fall! Also, vor allem, wenn man sich das komplette Album anhört. Einzelne Songs haben vielleicht mehr dieses Pop-Gefühl, aber insgesamt, wenn man sich die ganze Platte anhört, dann wirst Du auch den Rock’n’Roll fühlen. Du wirst das finden, wonach Du gesucht hast.

JM: Auf jeden Fall. Es geht ja auch schon echt rockig los mit „Fake Money“. Das klingt ja sehr nach den Rock’n’Roll-Arkells.

M: Das stimmt, der Song kickt echt rein. Wir wollten halt einen Start, der mitreißt, der die Leute daran erinnert, dass wir eine Rock’n’Roll Band sind, weil wir Rock’n’Roll lieben. Und wir sagen ja gar nicht, dass das nicht genug ist. Aber wir mögen es einfach nicht, Musik zu filtern. Wonach auch immer wir uns fühlen, das machen wir auch. Wir fragen uns eher selten: „Wird den Leuten das gefallen?“ Für uns ist das mehr so: „Gefällt uns das?“ – Und wenn ja, dann ist das gut!

JM: Ihr habt auch mal erwähnt, dass wenn ein Song ein Love-Song ist, dass Ihr ihn dann so empfindsam wie möglich macht. Wie funktioniert das?

M: Ich denke, empfindsam sein bedeutet auch verletzlich sein. Und nicht davor zurückzuschrecken, Verletzlichkeit zu zeigen. Und bei den meisten Liebesliedern, die wir geschrieben haben, steckt auch eine gewisse Traurigkeit mit in den Liedern. Natürlich fallen Songs nicht als Lovesongs vom Himmel. Songs wie „Leather Jacket“ und „Dirty Blonde“ sind auf jeden Fall Liebeslieder und da ist es ja auch so, dass sich der Protagonist öffnet und seine Verletzlichkeit zeigt. Und das macht den Song dann so empfindsam.

JM: Bringt Ihr denn auch Eure eigenen Erfahrungen mit ein?

M: Ja, na klar. Viele unserer Texte drehen sich darum, was Freunden von uns oder uns selbst passiert ist. Man schreibt über das, was man kennt. Und so sind einige der Songs direkt über eine Person, in anderen geht es um mehrere Geschichten von verschiedenen Personen. Aber man kann immer hören, dass da eine gewisse Wahrheit und Echtheit in den Texten steckt.

JM: Ich habe von der Geschichte hinter „Never Thought That This Would Happen“ gehört: rund um das Festival in der Nähe Eurer Heimatstadt, rund um Jugendlieben… ich finde die Geschichte echt schön.

M: Ja, da geht es halt um so witzige Sachen, die Dir und Deinen Freunden passieren können. Auf einem Festival, oder auch, wenn Du mal ein Wochenende außerhalb des College unterwegs bist. Das ist halt witzig, aber irgendwie auch seltsam und das gehört zum Erwachsenwerden dazu und passiert, wenn man eine tolle Clique hat. Jede Gruppe an Freunden hat da so ihre Geschichten. Und so können Leute die Geschichte gut nachempfinden.

JM: Du hast den Song „Leather Jacket“ bereits erwähnt. Ich finde den Song super. Welche Geschichte steckt denn da dahinter? Also, der Text ist eindeutig, aber wie kommt man darauf?

M: Naja, wenn Dich in 2014 jemand von einer Telefonzelle anruft, dann weißt Du, das irgendetwas schief gelaufen ist. Und der Songtext dreht sich darum, wie die Person da in diese Situation gekommen ist. Es gibt da diese kleinen Zeichen im Leben, die einem eindeutig sagen „Hier ist jemand in Schwierigkeiten“.

JM: Vor der offiziellen Veröffentlichung des Albums, habt ihr das Album einigen Restaurants und Bars in Kanada gegeben und Leute bekamen die Möglichkeit, das Album bereits vorab anzuhören. Wie seid Ihr denn auf diese Idee gekommen? Ich finde das ist eine klasse Sache.

M: Wir lieben Essen. Und wenn man auf Tour ist, dann hat man die Chance, ganz viel verschiedenes Essen zu sich zu nehmen, schließlich haben wir ja keine Küche dabei. Und diese Restaurants und Bars kümmern sich um uns, wenn wir vor Ort sind. Sie machen uns wunderbares Essen und geben uns das Gefühl, zu Hause zu sein. Und wir dachten, das wäre eine super Chance, ihnen auch etwas zurückzugeben. Und es ist eine super Möglichkeit, Leuten diese Restaurants vorzustellen, von denen sie vorher vielleicht noch nicht wussten. Und damit zeigen wir unseren Fans ja auch quasi, was für uns wichtig ist.

JM: Super Idee, den Restaurants auf diese Weise etwas zurückzugeben. Aber im Zeitalter des Internets halt auch eine super Sache, die Leute vor die Tür zu bekommen und das Album eben nicht auf einer Website vorab zu streamen, sondern in einem echten Restaurant, in einer echten Bar.

M: Ja, ganz genau. Und das Schöne daran ist, dass unsere Fans alle gemeinsam in einem Raum sein konnten. Quasi wie bei einem Konzert. Wir bekommen die Energie für gewöhnlich von unserem Publikum und sie bekommen die Energie so voneinander. Und sowas fühlt man halt nicht, wenn man zu Hause alleine vorm Computer sitzt. Es war also ein perfektes Community-Event.

JM: „High Noon“ ist jetzt schon Euer drittes Album und seit 2006 macht Ihr in etwa Musik zusammen.

M: Ja, ungefähr, in 2008 kam unser erstes Album in Kanada raus. Aber in Deutschland sind wir halt noch recht neu und unbekannt.

JM: Also, was wünscht Ihr Euch für die Zukunft, für das kommende Jahr? Für Deutschland und auch generell?

M: Wir freuen uns sehr, ein paar mehr Festivals spielen zu dürfen. Bis jetzt haben wir nur ein paar gespielt, aber in den nächsten Wochen werden wir noch auf ein paar mehr spielen, zum Beispiel auf dem „Highfield“. Und bis jetzt waren die deutschen Festivals immer super. Sie sind alle sehr unterschiedlich und das Publikum ist immer super drauf und sehr offen für neue Musik. Also hoffentlich dürfen wir in den nächsten Jahren noch auf ein paar mehr wunderbaren Festivals spielen. Und klar kommen wir wieder und dann wollen wir unsere Musik mit so vielen Leuten wie nur möglich teilen. Wir haben in Kanada bereits festgestellt: je größer die Show, desto stärker die Energie. Und das kann man dann so richtig spüren. Und das wünschen wir uns auch für Deutschland.

JM: Aber Ihr wart doch schon als Support zusammen mit Billy Talent auf Tour hier in Deutschland, richtig?

M: Ja, das stimmt. Das war eigentlich das erste Mal, das wir in Deutschland unterwegs waren. Und es hat uns echt sofort vom Hocker gehauen. Es war großartig. Das Schöne daran war, dass es anders war als in Kanada. Wenn man dort als erste von drei Bands vor fünf- oder sechstausend Menschen auftrittt, dann spielst Du halt leider noch nicht vor fünf- oder sechstausend. Aber in Deutschland ist das so, dass wenn die Türen offen sind, dann strömen alle Menschen ein und der Raum ist voll. Und das ist ein wirklich gutes Zeichen. Die Leute sind total offen und interessiert an neuer Musik und an Musik im Allgemeinen.

JM: Letzte Frage: Wie wird Euer viertes Album klingen?

M: Ich wünschte, ich könnte es Dir jetzt schon sagen. Aber mit Sicherheit anders, als das dritte.

Entdeckte Musik durch ihre Oma, die mit ihr Kinderlieder am Telefon sang. Damals, irgendwo zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein. Dann für's musikorientierte Studium in die Niederlande und nach Finnland. Derzeit wohnhaft in Hamburg. Und die Liebe zur Musik nicht verloren.

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