„Im Besten Fall Buddy Rubin“ – Buddy Buxbaum im JOINMUSIC Interview

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Der BuViSoCo ist over and out. Im vermutlich letzten von TV-Götze Raab organisierten Sänger-Streit hat Buddy Buxbaum gegen Mark Forster verloren. Wie alle anderen 14 Teilnehmer übrigens auch. Wobei: Verloren? Gut möglich, dass sich diese Erfahrung bei Bartosch Jeznach am Ende als Erkenntnisgewinn darstellt. So wie auch sein Ende bei Deichkind der Anfang von etwas ganz Neuem war. Denn seit sieben Jahren ist Buddy Buxbaum sein sprichwörtlich eigener Herr. Als Songschreiber, Label-Gründer und Waldhaus-Studio-Bauer hat der Mann mit den Fusilli-Locken die letzten sieben verflixten Jahre natürlich nicht nur mit Runterkommen und Nichts-Tun zugebracht. Neben anderem ist dabei auch „Unkaputtbar“ entstanden, sein erstes Solo-Album, auf dem sich Buxbaum so un-rappig und un-hip-hop-ig wie noch nie präsentiert. Wie sich das alles anfühlt, warum Singen bei ihm derzeit mehr in Mode ist als Rappen und wohin das überhaupt noch alles führen soll, darüber unterhielten wir uns mit dem Verantwortlichen für einen der namentlich schönsten Label-Gründungen seit langer Zeit: Holo Rec

JOINMUSIC: Wann hast Du Dein Falsett entdeckt?
BUDDY BUXBAUM: Oh – da ist schon was her. 2004, auf meinem letzten Deichkind-Album, da sind ein paar Eunuchen-Stimmen, die sind von mir.

JM: Mit der Kopfstimme lässt sich schwerlich rappen, dafür besser singen. Und auf „Unkaputtbar“ sind nur zwei Songs, auf denen Du rapst. Warum – kein Bock mehr auf Rap?
BB: Weiß auch nicht so genau, aber in den letzten Jahren hat mich das einfach nicht mehr so gekickt. Ich fand’s bisschen langweilig. Ich hab das so lang gemacht, da gibt es musikalisch ja noch so viel zu entdecken. Bis vor zwei Monaten war auf dem Album sogar gar kein Rap drauf. Bis mein Kollege Jansen, der bei „Ballast“ das Klavier eingespielt hat, meinte: „Scheiße Mann, ich mag das so gerne wenn Du rapst. Mach doch noch’n paar Raps drauf.“ Und dann haben wir noch zwei eingebaut.

JM: Okay?! – Wie ist das eigentlich mit Deiner Gesangstimme: Gottgegeben oder hart trainiert?
BB: Nein, kein Unterricht. Ich seh’ mich halt nicht so als Sänger. Im Vergleich zu richtigen Sängern seh‘ ich schwach aus. Ich wurde eigentlich auch überredet, meinen mir selbst beigebrachten Gesangs-Style über die Länge eines ganzen Albums einzusetzen. Denn eigentlich waren die „Unkaputtbar“-Songs Layouts für andere. Beim Layouten habe ich die Piloten dann selber eingesungen und daraus ist dann puzzleteil-artig das gesamte Album entstanden.

JM: Du hattest gar nicht vor, als Interpret Deiner eigenen Kompositionen in Erscheinung zu treten?
BB: Nee. Anfangs war die Idee so, dass ich versuche, Songs anzubieten und in die Runde zu werfen für andere. Und mich damit als Produzent zu etablieren. Erst bei den Aufnahmen hat sich dann gezeigt, dass es auch mit mir als Interpret Sinn machen könnte. Beziehungsweise alles so ganz merkwürdig auf mich gemünzt war – welch Wunder. Jetzt ist die Stimme eigentlich auch das einzige, was das Album so zusammenhält. Die Songs sind vom Ding her genre-technisch alle unterschiedlich. Aus jedem könnte man quasi ein Album machen.

JM: Gibt es einen Unterschied zwischen dem Schreiben für andere und dem Schreiben für einen selbst?
BB: Naja, textlich ist es ja später dann doch zu meinem eigenen Ding geworden. Also bei mir läuft das eigentlich immer so, wie ich das bei dem ganzen Hip Hop Sample Ding kennengelernt habe. Ich bau erstmal ein Instrumental, und dann kommt da Kauderwelsch bzw. Blindtext rüber, um die Struktur schon mal festzuziehen. Und erst dann kommt Inhalt, der Text. Passend zur Stimmung des Songs.

JM: Kam es denn mal zu dem Punkt, an dem sich andere an Deinem Material versucht haben und Du dann gesagt hast: Um Gottes Willen, dann mach’ ich’s lieber gleich selbst.
BB: Nein. Bis zu dem Punkt nicht. An den Sachen hab ich ja auch zusammen mit den Leuten gesessen, für die es gedacht war. Aber diese Arbeit ist wahnsinnig zeitaufreibend. Vor allem für die, die noch nicht richtig wissen, was sie wollen. Und ich bin ja weder Herbergsvater noch Sozialpädagoge, deswegen kann ich in der Zwischenzeit was anderes machen.

JM: Deine Ex-Kollegen von Deichkind machen Musik, die man gut vom Schreibtisch aus machen kann. „Unkaputtbar“ hast Du aber nicht am Schreibtisch gebaut. Ich höre jedenfalls Instrumente, richtige Drums…
BB: …das ist ja ein schönes Kompliment. Da sind nämlich keine richtigen Drums drauf.

JM: Was?
BB: Naja. Also ich hab die alle eingespielt, zerchoppt, verpflückt und dann wieder neu zusammengebaut. Und darauf haben wir dann Bass, Keys und Gitarren aufgenommen. Deswegen hört sich das Endergebnis so organisch und zusammengeschmatzt an, dass Du denkst, okay, das könnte ’ne Übungsraum-Session sein.

JM: Krass. Was Du eben als Hip Hop Sample Ding beschrieben hast, wo man in kleinteiliger Arbeit akribisch nach Sound-Schnipseln von anderen sucht, das machen die Deichkinder ja nicht mehr. War das ein Grund für den Split?
BB: Nein – zu dem Zeitpunkt wusste man ja noch gar nicht, in welche Richtung das gehen würde. Dass es erstmal elektronisch bleiben würde, war klar. Aber ob danach nicht eventuell doch noch ein Reggae-Album folgen würde, das wusste keiner. Unabhängig von der Produktionsmethode: Musikalisch haben wir uns voneinander entfernt. Das war so ein Ausflug in die Techno-Höhle und die ist halt nicht meins. Ich komm da nicht her, hab mich aber für das Album soweit eingebunden, wie es mir möglich war. Aber als sich dann abzeichnete, dass man dieser Linie treu bleiben wollte, habe ich gesagt: Bevor ich unglücklich werde, fang ich lieber was komplett Neues und anderes an. Besser als in dieser Maschine mitrollen zu müssen, wenn man doch eigentlich gar nicht will.

JM: Das hört man dem Album auch an. Wenn man Eure aktuellen Veröffentlichungen einander gegenüberstellt, entpuppt sich „Unkaputtbar“ als Gegenentwurf.
BB: Entstanden ist das ja alles Schritt für Schritt. „Unkaputtbar“ ist nicht als Konzeptalbum geplant gewesen… Aber als ich dann mit dem Blick von draußen gesehen habe, wohin der Hase bei den anderen läuft, ist mir aufgefallen, dass ich schon in eine irgendwie komplett andere Richtung gehe. Zurück zu dem minimalistischen Song; zum eigentlich Wesentlichen. Und damit weg von aufgebauschtem Hyper-Pop mit Neon, Bling Bling, Konfetti-Kanonen und Stroboskop. Das ist so überladen, weißt Du. Da wollte ich schon ein wenig gegensteuern. Geile Songs, gerne auch nur Klavier und Gesang. Und eben nicht das Stadionschlagzeug.

JM: Die 14 Songs klingen enorm heterogen. Von der Piano-Ballade bis zum Robo-Disco-Song – hat das mit der siebenjährigen Entstehungszeit zu tun oder sind die möglicherweise gar nicht über die sieben Jahre verteilt entstanden?
BB: Die Songs sind entstanden zwischen 2009 und Anfang 2015. Am Stück habe ich quasi ein Jahr daran gesessen, nur eben portiönchenweise über sechs Jahre verteilt. Zwischendurch habe ich noch ein Studio gebaut, bin umgezogen und allerlei anderes gemacht. Es gab keinen Masterplan. Ich habe rumprobiert, gelayoutet, gesammelt und dann hat sich erst in den letzten drei Monaten alles so verdichtet, dass ich Gas gegeben habe.

JM: Es gibt keine Features – oder?
BB: Am Mikrophon nicht, nein. Aber aus meinem großen Bergedorf-Dunstkreis habe ich so viele Mucker-Freunde. Und mein festes Team besteht aus Uwe und Jansen von Nobelpenner. Großes Kino auf ihrer ersten Scheibe „Meinten Sie Nibbelpeter“… Na jedenfalls, Gitarre und Bass spielt Uwe und Jansen Klavier. Und wenn ich dann mit meinem Musiker-Latein ans Ende komme – ich bin ja kein gelernter Studierter – und denke, das geht besser, ruf ich statt mir zwei Tage lang die Ohren zu brechen, lieber Jansen an und frag, ob er Zeit hat. Und dann gibt’s noch Felix. Der kommt aus ’ner Country-Familie und hat Pedal-Steel bei „Vodka Soda“ eingespielt.

JM: Warst Du eigentlich schon an all den Orten, die in „Vodka Soda“ Erwähnung finden?
BB: Nee, noch nicht. Aber brauch ich auch nicht.

JM: Hätt ja sein können, dass Du sagst, Togo war jetzt nicht so, ich fahr jetzt wieder nach Cuxhaven.
BB: Auf Guadeloupe war ich schon. War traumhaft.

JM: Bis auf „Robo-Disco“ und „Power“ handelt das Album von Müßiggang, Runterkommen, mit Wasser kochen lernen. Ist das eine Erfahrung, die Du gemacht hast, ganz privat?
BB: Wie ich schon beschrieben habe: Es ist ein Move gewesen, um sich runter zu reduzieren. Und nicht auf pompösen Stadion-Sound zu gehen. Sondern sich auf das Wesentliche zu beschränken. Und ich bin mit meinem Studio in so ein Waldhaus gezogen und dort bin ich total fokussiert, in meinem Mucker-Tunnel und in meiner Kreativ-Oase. Und bis das alles so fertig war, wie es jetzt ist, habe ich so einiges (wieder) schätzen gelernt: Einen Schuppen bauen. Was ausbuddeln und reparieren. Und das gehört halt alles zur First World und hat mit dem ganzen virtuellen Quatsch überhaupt nichts zu tun. Und diese Sachen und Erfahrungen habe ich wohl in „Unkaputtbar“ einmassiert. Nicht bewusst, so nach dem Motto und jetzt zeig ich Euch mal meinen Zeigefinger. Über die ganzen Etappen hat sich das so unterschwellig in die Texte reingearbeitet.

JM: „Unkaputtbar“ klingt ein wenig trotzig. Magst Du noch was zum Album-Titel sagen?
BB: Der Ansatz war eigentlich, auch wenn’s blöd klingt, einen langlebigeren Klassiker hinzukriegen. Dass die Songs auch in zehn Jahren noch gezuckt werden können, und dass es eben nicht heißt, das ist veralteter Scheiss, das passt nicht mehr in die Zeit – das war damals. Die sollen für sich stehen.  Naja, und als wir uns dann entscheiden mussten, hatten wir zuerst im Sinn „Ballast“ rauszubringen. Und dann aufzulösen: Aus dem Album „Unkaputtbar“ – es gibt ja auch keinen Song, der unkaputtbar heißt. Und jetzt haben wir daraus ’ne Geschichte gestrickt. Die sich einerseits um das Album dreht und andererseits mit dem Quatsch aufräumt: Man kann Vinyl brechen. Aber die Songs glücklicherweise nicht.

JM: Kommt „Unkaputtbar“ denn auch wirklich auf Vinyl?
BB: Alles safe. Es gibt sogar eine Special Edition mit sieben 7’’ – ein Single-Album.

JM: „Unkaputtbar“ erscheint auf Deinem eigenen Label Holo Rec – hast Du das Label für den Release gegründet oder haben Label und Album unabhängig zueinander gefunden?
BB: Ja, nein. Also viel Zeit ist einfach für die Netzwerksuche draufgegangen. Die richtigen Leute zu finden, bei denen ich nicht das Gefühl hab, dass die mal kurz drauf einsteigen und wieder weg sind, wenn’s mal nicht so funktioniert. Wir wollen das Ganze langfristig aufbauen und ich fungiere da als so eine Art kreatives Zentrum, woraus noch mehr entstehen soll. Und das hat ne Menge Zeit gekostet. Obwohl ich ja schon Gott und die Welt kenne. Die Guten sind beschäftigt, dann gibt es jede Menge Schnacker und jetzt bin ich total glücklich, wie sich das alles, die ganzen kleinen Puzzleteile zusammenfügen. Live-Band, Video-Team, usw. Von daher: Klar, ich wollte erstmal grundsätzlich ein Label für meine eigenen VÖs. Und dann natürlich auch dafür, schon mal ne Basis zu haben, falls ich dann noch mal jemanden produziere. Und mit Holo Rec die Möglichkeit zu haben, Sachen sofort rauszubringen, ohne jedes Mal von Neuem irgendeinen Deal an Land ziehe zu müssen. Damit genug Spielgeld da ist, um überhaupt mal was machen zu können. Mucker sind ja erstmal immer blank.

JM: Nicht nur Mucker. Das war also ein Move mit Perspektive. Erstmal für mich, und dann mal gucken.
BB: Dafür mache ich das aber auch schon zu lange, als dass ich solche Möglichkeiten und Optionen nicht in Betracht ziehen könnte. Langfristig ist der Plan, diese Holo Rec Ding aufzubauen und im besten Fall Buddy Rubin zu werden.

JM: Mit dem Bart geht’s ja schon gut los.
BB: Ja, und auch mit meinem Waldhäuschen bin ich tatsächlich schon auf dem richtigen Weg.

JOINMUSIC: Danke für das Interview.

Foto: Benne Ochs

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