Das Muss Die Neue Zeit Sein – Der Onlineshop „Bandcamp“

Plattformen wie Twitter, Facebook, Soundcloud und viele andere haben ihre Geheimtippjahre hinter sich gelassen und genießen längst einen festen Platz in der modernen Musikvermarktung. Wer hier nicht wirbt und präsentiert, braucht nicht mal in der nächsten Eckkneipe auf mehr als drei Zuhörer zu hoffen. Allerdings lag das Plakatieren und Flyerverteilen bis zu einem größeren Bekanntheitsgrad schon seit eh und je in den Händen der Musiker selbst.

Durch diverse Crowdfunding-Plattformen liegt jetzt auch das Finanzieren der Alben oder anderer Vorhaben in Musikerhänden. Und zwar vom klampfenden Nachbarn bis zum Ex-Majorplayer. Nun gut, ersterer hat früher vielleicht auch mal Oma um finanzielle Hilfe gebeten, aber heute gibt es da doch mehrversprechende Möglichkeiten. Der letzte konsequente Schritt ist, dass die Musiker ihre Aufnahmen auch selbsttätig an die Frau bringen. Hier springt Bandcamp in die Bresche. Natürlich sind sie nicht die ersten, die auf die Idee kommen, ist es doch schon ewig gang und gäbe, CDs vom Bühnenrand zu verticken. Und auch Verkäufe von der bandeigenen Homepage gibt es schon ewig und drei Tage. Was hat also Bandcamp, was meine Homepage nicht hat?

Zunächst mal kostet Bandcamp nichts. Auch läuft der Verkauf über eine kommerzielle Seite wesentlich stabiler, als über den Billigster-Anbieter-Serverspace der Durchschnittsmusiker. Das verhindert, dass nach Schritt eins („Erfolgreich Fan geworben“) der zweite Schritt „Fan verärgert und wieder verloren“ heißt. Macht Sinn. Aber auch zu Schritt eins haben die Macher hinter dem Camp etwas beizutragen. Auf einer Seite, auf der sich mehrere Bands präsentieren, ist die Möglichkeit gegeben, über die Seiten anderer, unbekannter Bands zu stolpern. Und noch auf ein zu oft unterschätztes Marketingtool legt Bandcamp wert: Google. Die Camper garantieren, dass die hauseigenen Musikerseiten in der Googlesuche einen der obersten Plätze einnehmen. Ein Rundum-Sorglos-Paket also. Klingt doch gut.

Auch andere Fleißarbeiten, wie das konvertieren in verschiedene Audioformate und das Übertragen von Artwork und der Trackinfo in verschiedene Musicplayer verspricht Bandcamp zu übernehmen. Damit ist ein großer Teil der technischen Probleme aus den Händen derer genommen, die sowieso eigentlich üben, komponieren oder aufnehmen sollten. Das ganze hat natürlich seinen Preis: Bandcamp behält 15% der Einnahmen ein. Für Musiker, die schon mehr als 5,000 $ umsetzen konnten, sinkt der prozentuale Anteil auf 10%. Und dadurch zeigt sich eine der großen Stärken der Plattform: Solche Zahlen sind für jeden leicht herauszufinden. Wer was wie umsetzt, wie viel insgesamt eingenommen wurde und wer welchen Anteil daran hat, das wird nicht verheimlicht oder wenigstens versteckt. Da herrscht eine Durchsichtigkeit, die man sich andernorts nur wünschen kann.

Sehr schade hingegen ist, dass eine derartige Übersicht nicht in der Präsentation der Musiker zu finden ist. Die Musikerseiten sind zwar gut gestaltet, aber das Stöbern und Neuentdecken könnte einen viel größeren Stellenwert erhalten. Stattdessen stehen die im Mittelpunkt der Website, die durch ihren Erfolg für Bandcamp als Aushängeschild dienen sollen. Allen voran natürlich Amanda Palmer, das Aushängeschild der neuen Zeit. Ihre Artistpage auf Bandcamp ist hingegen nicht zu finden. Natürlich ist es wichtig, das solche großen Namen für das Modell Bandcamp werben, es muss der Seite ja primär um finanziellen Erfolg gehen. Aber dieses verhältnislose Hypen birgt unter anderem die Gefahr, dass eine gute Sache sehr schnell ihre revolutionären Tage hinter sich lässt und sich selbst zu einem schnöden Marketingtool degradiert. Und das wäre schade, denn ein anderer Sachverhalt wird aus einer bandcamp-eigenen Statistik klar: Es gibt ihn noch, den Fan! Und der ist bereit, für das Produkt seiner Wahl zu zahlen. Nicht nur unter Zwang und Androhung von Strafverfahren, sondern freiwillig. Bei Pay-X-or-more Angeboten zahlen Fans offensichtlich durchschnittlich 50% mehr, als sie müssten. Das passt so gar nicht zu den üblichen Klagen der Branche…

Und da es den Fan immer noch gibt, sollte es auch die klassische Band immer noch geben. Und die sollte sich um die Musik kümmern. Wünschswert wäre also, dass sich Bandcamp zukünftig auch und vor allem als Labelplattform für kleinere Labels sieht. Wenn die Rollenverteilung in der Musikindustrie erhalten, aber die Verhältnismäßigkeiten korrigiert werden können, erst dann kann man von einer „Neuen Zeit“ sprechen, in der musikalische Artenvielfalt und angemessener finanzieller Erfolg Hand in Hand gehen können.

Gebürtiger Lübecker mit Wohnsitz in Hamburg. Zu jung für Schlager, zu alt für Jumpstyle. Dennoch zweifelhafter Musikgeschmack mit Hang zu Sprunghaftigkeit. Ergo: Schreiberling im Hauptfach Randbezirkige Musik.

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