Das Vinyl ist tot, es lebe – genau das

Februar 18, 2012

Ob Gehweg-, Tisch-, Marzahn- oder Käse- - aus dem öffentlichen, wie privaten Alltag ist die Platte nicht wegzudenken. Nächstes Jahr feiert die Gute ihren 65. Geburtstag. Und auch wenn die CD nicht mit 27 gestorben ist – das biblische Alter ihres sie anscheinend zu überdauernden Vorgängers wird sie auf keinen Fall erreichen.

Böse Zungen behaupten, dass die Vinyl-Schallplatte überhaupt nur deswegen noch so beliebt ist, weil alle Welt schreibt, das sie es sei. Das ist natürlich Quatsch. Es weiß doch jeder, wie beliebt Schallplatten sind. Das braucht niemand extra aufzuschreiben. Außerdem: ob „Wishful Thinking“ oder „Selffulfilling Prophecy“, der Vater des Gedanken kann nur jemand gewesen sein, der schon einmal ein dickpappiges Gatefold-Cover mit  Folie, zusätzlichen Gimmicks wie heraustrennbaren Stanzfiguren, Liebestötern oder einfach einem Poster sowie großformatigen und ebenso entrückt-atmosphärischen  Schwarz-Weiss-Aufnahmen von der Studio-Session in der Hand gehalten und dabei die Zwischen Produkt-Placement und Liebesbekundung changierenden Liner-Notes gelesen hat.

Die oft und gern zitierte ästhetische Haptik einer Schallplatte ist nämlich keine Mär. Sie kann zur Last werden – das wissen die Freunde und Helfer eines umziehenden Sammlers am allerbesten -, sie kann mal besser erhalten oder auch gar nicht gepflegt daherkommen. Sie kann sogar dazu verleiten, der auf ihr gespeicherten Musik einen Leumund im Sinne eines Qualitätsbürgen zu liefern. Und zwar zu unrecht. Vice Versa geht das natürlich genauso. Was auch immer es sein mag: die sinnliche Verbrüderung unterschiedlicher Wahrnehmungsreize ist für die Schallplatte wahnsinnig wesentlich. Und das finden heutzutage noch immer viele Leute.

Paolo Campana gehört dazu. Der Wahlvinylianer hat seiner Leidenschaft ein Denkmal gesetzt, dass sich sehen lassen kann. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Der 90-minütige Dokumentarfilm zeigt gängige, total unwahrscheinliche und durchgeknallt wahnsinnige Phänomene aus der Welt des Vinyl. Vinylmania hat er es genannt. Und auf Arte war es zu sehen. In den sieben Tagen nach der Erstausstrahlung schnellten die Zugriffszahlen für die dazugehörige Mediathek dermaßen hoch, dass der Sender sich kurzfristig nach neuen Servern umsehen musste. Für Campana, Autor, Regisser und Gesamt-Konzept-Mastermind eine schöne Genugtuung. Auf die Frage, warum gerade das Vinyl, weiß auch er keine eindeutige Antwort. Die Protagonisten seines Films immerhin geben welche. Allein: sie alle sind richtig und gleichberechtigt wichtig.

record wave by Jean Shin & Paul Villinski

Kurz vor Weihnachten 2011 macht eine Meldung die Runde, von der man gar nicht genau wusste: ist das jetzt ein Grund zur Freude oder einfach nur lächerlich? Es ging um die Umsatzsteigerung beim Verkauf von Vinyl. Im Jahr 1998 und nach einer beispiellosen Talfahrt begannen die Absatzzahlen für LPs, Vinyl-Maxis und -Singles wieder anzusteigen. Und sie hören nicht damit auf. Laut Nielsen SoundScan nahm die Zahl der verkauften Vinyl-Tonträger bis heute weltweit um 14 Prozent zu. Allein in Deutschland soll der Absatz zwischen den Jahren 2006 und 2010 um mehr als 200 Prozent gestiegen sein. Und seit ungefähr derselben Zeit nahmen sogar die Saturn-Media-Märkte wieder Vinyl mit ins Sortiment auf.

Die Zuwachsraten erscheinen geradezu astronomisch. Im direkten Vergleich zu anderen Klangformaten (und deren Absatzzahlen) jedoch wäre selbst "untergründig" noch hoch gegriffen. Zusammengefasst: Schallplatten-Genuß ist ein wie aus der Zeit gefallenes Steckenpferd. Noch sind diejenigen, die daran Gefallen finden, derart zahlreich, dass ihnen das gar nicht großartig auffällt. Aber wer sind die Leute, die heute noch auf Vinyl schwören und das Crate–Digging nicht sein lassen können? Mathias Gordon, Gründer und Chef des größten deutschen Online-Shops für 2nd Hand Vinyl weiß es genau.

"Vor 30 Jahren war Vinyl für die meisten nur noch die Billigvariante zur CD. Vor 20 Jahren ist Vinyl vor allen anderen Dingen ein DJ-Tool geworden. Seit 10 Jahren ist die Schallplatte auf dem besten Weg zum Premiumprodukt. Und das zeigt sich eben auch bei den Vinyl-Käufern: Sie distanzieren sich von der Allerweltsmasse, die billig im Internet herunterlädt – das kann schließlich jeder. Mit ihrem Interesse für Schallplatten stellen sie Geschmack und Stil unter Beweis, sie begeistern sich für Design und Gestaltung  und  verfügen eben auch über die notwendige Hartnäckigkeit. bei der Beschaffung der seltenen Schätze oder eben über die nötigen finanziellen Ressourcen. Zum Aussterben von Vinyl kann ich nur Sagen: Weder die Malerei ist durch die Photographie abgeschafft worden, noch das Segelboot durch die Erfindung des Ottomotors."

Eine ganz besonder Stellung innerhalb der Gruppe der Vinyl-Fetischisten nehmen dabei die so genannten Hi-End-Spezialisten ein. Wer Lautsprecherkabel für 2.500 Euro den Meter und ein Tonabnehmersystem für ca. 12.000 Euro sein Eigen nennt, gibt sich nicht mit CDs ab. Oder nur im Notfall. Von anderen und möglicherweise speicherplatz-günstigeren Digitalformaten einmal ganz zu schweigen. Ein Musikredakteur des Bayrischen Rundfunks, Attila Csampai beschrieb das Phäneomen in einem Gastbeitrag für die Fachzeitschrift Audiophile folgendermaßen:

"Obwohl wir auf dem Musikmarkt gerade die zweite (oder dritte) digitale Revolution erleben, (…) muss man kein Prophet sein, um den Fortbestand der antiquiert anmutenden Vinyl-Kultur und des analogen Musikgenusses als gesichert anzusehen. Als zunehmend exklusives Vergnügen von haptisch und ganzheitlich fühlenden Musikenthusiasten, für die Musikhören in erster Linie ein nachhaltiges sinnliches Erlebnis, einen stressfreien Genuss, vielleicht auch eine Art Meditation darstellt – und auf alle Fälle ein Stück greifbarer Lebensqualität. Je mehr die globale digitale Vernetzung auch die musikalischen Artefakte von ihrer physischen Hülle „befreit“ und im schwarzen Loch anonymer Datenbanken verschwinden lässt, desto größer wird die Sehnsucht nach Originalen, desto mehr blüht die Vintage-Kultur des Althergebrachten, des Anfassbaren, wächst die Faszination der tickenden Uhrmechanik, des rotierenden Plattentellers, des großformatigen, künstlerisch anspruchsvollen Plattencovers."

Man muss Csampai und seiner leicht verschwurbelt daherkommenden Vinyl-Esoterik nicht unbedingt folgen, um dennoch zum gleichen Ergebnis zu kommen: Platten fühlen sich besser an, sehen großartiger aus und klingen drölf mal so gut. Immer wieder stellen Konsumenten fest, dass in einem Song, der ihnen über welches Netzwerk auch immer zugeflogen ist und ihren Gefallen bis zum Kauf der entsprechenden Vinyl-Scheibe gereizt hat, dass es auf der Vinyl-Variante viel mehr zu hören gibt. Und dass die in der Digital-Version unidentifizierebaren Geräuschfetzen sich auf Schallplatte als Gitarren-Sample oder ähnliches zu erkennen geben.

Andererseits: es wäre höchst fahrlässig zu behaupten, dass nur, wer Vinyl hört, ein echter Musikfan sei. Vielleicht, aber auch nur ganz vielleicht, verhält es sich genau umgekehrt. Dann wäre Musikfan, wer an Musik und eben nicht an einem Tonträgerformat interessiert ist. Vor diesem Hintergrund ist es wahrscheinlich am besten, salomonisch zu urteilen: gut, dass es Schallplatten gibt. Noch besser aber ist, dass es nicht nur Schallplatten gibt. Das Vinyl ist tot, es lebe das Vinyl.

photo: Paul Villinski

Posted by: admin
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