Drucksache – Zum Stand der deutschen Musikmagazine

Mai 8, 2012

Marco Maurer könnte recht haben. Auf der Medienseite des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung vom 5. Mai 2012 attestiert er den deutschen Musikmagazinen den so gut wie vollständigen Verlust der Deutungshoheit in Sachen Popdiskurs und prophezeit ihr Verschwinden in der absoluten Bedeutungslosigkeit. Seine Argumente lässt er sich von einem Musiker, einem Labelmacher sowie aktuellen, ehemaligen und verstorbenen Autoren bestätigen. Als Begründung für seine Thesen führt er neben dem Internet und der damit einhergehenden Veränderung des Konsumenten- und Rezipienten-Verhaltens eine allgemein vermutete Rückständigkeit bei der Themenauswahl an, die durch die allzu große Nähe zur Musikindustrie auch noch mit Glaubwürdigkeitsproblemen zu kämpfen hätte. Seine implizite Empfehlung: das Print-Feuilleton großer Tages- und Wochenzeitungen, ein amerikanisches Musik-Portal und Electronic Beats, die Elektro- und Dance-Postille der Deutschen Telekom.

Marco Maurer hat recht: In den letzten 10 Jahren haben sich die Auflagen der maßgeblichsten Veröffentlichungen in diesem Bereich halbiert, wenn nicht gar schlimmer. Die Zahlen sprechen für sich. Auch wenn Zahlen nicht alles sind bzw. sein sollten – der in Maurers Artikel von Markus Acher zitierte Autoritätsverlust und die durch die Zahlen gut belegbare quantitative Komponente bedingen sich gegenseitig. Erst fehlt das Glück und dann kommt auch noch Pech dazu.

"Die Musikmagazine haben ihre Bedeutung verloren."*

Das aber gilt mitnichten nur für die hier angeführten Musikmagazine. Der gesamte Print-Sektor findet sich seit der noch immer anhaltenden Popularisierung digitaler Welten auf dem Prüfstand wieder - dieser Allgemeinplatz wird nicht wahrer oder dringender, dadurch, dass er in einer gedruckten Publikation erscheint. Und kann genau aus diesem Grund auch nicht als spezifisches Problem der Musikmagazin-Szene angeführt und dargestellt werden. Nicht nur "Pop ist online, Musik und Meinungsbildung viral".* Vor diesem Hintergrund verpufft dann auch Maurers folgendes Argument:

"Das alles liegt nicht nur am Internet, es liegt auch an den Heften selbst, die es offenbar immer mehr vorziehen, ihre Magazine über schöne Erinnerungen zu verkaufen."*

Um dann eine Reihe von Klassikern und solchen, die es gerne wären, aufzuzählen, derer man sich bei den zur Debatte stehenden Magazinen als Aufhängerthemen bedient hatte. Als könnte allein die Hipness der Inhalte über Wohl und Weh entscheiden. Als würde es irgendein Print-Erzeugnis großartig anders machen – die Süddeutsche inklusive. Der Vorwurf, dass sich insbesondere die Musikmagazine thematisch nicht weiterentwickelt hätten und noch von den großen Legenden von gestern erzählen würden, ist gewissermaßen haltlos: Zielgruppen-relevante Berichterstattung ist keine Erfindung des World Wide Web. Und: Wenn Weihnachten ist, stellen die Redakteure ihre Besten-Listen zusammen und wenn zwei deutsche Musik-Instanzen wie die Toten Hosen und die Ärzte zusammen ihren 60. feiern, dann ist an einer entsprechende Berichterstattung doch nichts auszusetzen. Für eine Printaufsichtsbeschwerde hätte es Maurer nicht weit – die Campino-Interviewer für das Süddeutsche Zeitung Magazin sind Kollegen im eigenen Haus.

Apropos: the neighbors' gras is not always greener. Der andere Vorwurf, den Maurer erhebt, lautet:

"Ihre augenscheinliche Nähe zur Musikindustrie hat viele Magazine ihre Glaubwürdigkeit gekostet."*

Ohne das gar nicht mehr so spannende Spannungsfeld, das sich zwischen Kulturbeflissenheit und Merkantilismus auftun soll, erneut zu überdehnen: der investigative Geschmacks-Journalismus, den Maurer hier implizit einzufordern scheint, der müsste erst noch erfunden werden. Kaum ein Printerzeugnis, das ohne Anzeigenschaltung überlebt. Kaum ein Printerzeugnis, das sich über die Leser finanziert (dass ausgerechnet der Chefredakteur Venker der Umsonst-Zeitung Intro sich zu der Aussage hinreißen lässt, der Einfluss der Musikindustrie sei marginal, ist schon ein starkes Stück). Reinkultur geht nur öffentlich-rechtlich. Ob also Angel-, Waffen- oder Lifestyle-Magazine – die Nähe zur jeweiligen Industrie existiert nicht zufällig, sie ist notwendig. Dass diese Systemabhängigkeit immer wieder zu unlauterem Geschäftsgebaren führt, ist traurig. Zu verurteilen sowieso – ein Spezial-Problem der Musikmagazine aber ist es nicht. Aus dieser nicht immer leicht aufzulösenden ökonomischen Zwickmühle kann sich noch nicht einmal das von Maurer und anderen hoch gelobte Pitchfork.com befreien. Die Kunst geht nach Brot, auch wenn es aus Bio-Weizen ist.

Quer-, Dagegen- und Überhaupt-Ganz-Anders-Denker waren schon immer rar gesät. Und ganz klar ist auch, dass nicht nur der Musikjournalismus ohne die Wolfgang Welts und Martin Büssers verliert – das Branchen übergreifende Dilemma-Drama aber als Spezial-Fall für den Musikbereich zu interpretieren, hat etwas Naives. Ebenso, wie der Versuch, das Begleitheft zu den von der Deutschen Telekom als Sponsoring-Maßnahme erdachten Electronic Beats-DVDs einer anderen journalistischen Gewichtsklasse zuzuordnen als die vermeintlichen Platzhirschchen – und sich dabei an der "Konzern-Finanzierung" aufzuhängen – soweit bekannt, ist zum Beispiel die Axel Springer AG kein gemeinnütziger Verein. In diesem Zusammenhang zeigt sich übrigens auf wundersame Weise, dass das Leben der Ideologie immer wieder Haken schlägt: Max Dax (der heißt wirklich so), ehemaliger Spex-Oberindianer, ist nun Chefredakteur bei der Telekom.

Marco Maurer hat recht, was den Stand der deutschen Musikmagazine betrifft. Die Argumente aber, mit denen er seine Diagnose zu untermauern sucht, sind zu wenig spezifisch, bisweilen beliebig: Bazillen oder Erreger für kaputte bzw. kranke Ohren verantwortlich zu machen, die von Kopf bis Fuß den gesamten Körper in Mitleidenschaft ziehen, kann kaum als Heilungsansatz gedeutet werden ...

quelle: *Süddeutsche Zeitung, 5. Mai 2012, S. 23

Posted by: Thomas
Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -
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