„Gefühlt haben wir 1000 Jahre nur im Bandraum existiert.“ – END im Interview

vonWelt_End_3

Sie kommen aus Basel in der Schweiz. Ihr aktuelles Album heißt „People of the stream’s mouth“. Das steht übersetzt für die kleinste registrierte Siedlung in Alaska. Ihre Musik ist eine rätselhafte Mischung aus Alternativerock und Indiepop. Über all dies wollten wir mehr erfahren. Und so kam es zum Interview mit der Band: END.

JOINMUSIC: Klar, die Frage musste kommen, aber wie seid Ihr auf den Bandnamen „END“ gekommen? Klingt ganz schön dramatisch. Und es ist natürlich extrem schwierig, nach Euch im Internet zu suchen…
END: Wer braucht schon das Internet heutzutage. Wir schreiben Briefe an unsere Fans. Wer keine Briefe mag kann es unter endband.com versuchen. Nachdem wir uns eine Ewigkeit lang mit der Namensfindung in den Haaren gelegen haben, wussten wir bei END alle innert Sekunden, dass das unser Name ist.

JM: Laut Eurer Bio gibt es Euch seit 2009 – das heißt, Ihr habt dieses Jahr 5-jähriges Band-Jubiläum. Habt Ihr gefeiert? Feiert Ihr noch? Und darf man gratulieren? 
END: Ja wir feiern noch, öfters. Ich kann mich nicht genau erinnern, seit wann es uns gibt. Wir haben gefühlte tausend Jahre nur in unserem Bandraum existiert. Dort steht die Zeit still.

JM: Der erste Auftritt folgte dann in 2011. Angeblich geheim. Was genau war das für ein Auftritt? Wie lief’s?
END: Das war noch während der Namens-Suche, wir hatten also noch keinen. Wir haben an der Doktor-Feier eines Freundes gespielt. Er hat eine kleine Bar gemietet und wir sind dort mit massivem Gerät und und einem riesigen PA eingefahren. Der Bar-Besitzer ist fast in Ohnmacht gefallen. Wir haben dann Ohrenstöpsel verteilt und richtig gerockt. Das ganze hat in Baden stattgefunden, einem Städtchen unweit von Basel. Unseren Basler-Freunden haben wir nichts gesagt, weil wir so einen Auftritt zuerst mal an den unbekannten Freunden des Doktoranden testen wollten. Nach tausend Jahren im Bandraum muss du das erst mal auschecken. Es ist gut gelaufen.

JM: Warum hat es denn zwei Jahre, bis zum ersten Auftritt gedauert? Habt Ihr erst einmal in Ruhe Material für die Auftritte gesammelt und geprobt?
END: Ja, das dauerte sehr lange bei uns. Es braucht enorm viel, bis wir zufrieden sind und uns mit einem Song wirklich anfreunden. Viele schaffen es nicht in diesen erlauchten Kreis von akzeptierten Songs.

JM: Wie sehen Eure Bandproben aus? Trefft Ihr Euch regelmäßig? Gibt’s währenddessen Bier, oder ist das eine sehr seriöse Veranstaltung? 
END: Wir treffen uns in der Regel 2 mal die Woche um zu spielen. In unserem Kühlschrank gibt’s immer Bier, wir trinken aber auch Schweizer Bergquellwasser. In den Proben versuchen wir, so viel wie möglich zu jammen und an neuen Songs zu tüffteln.

JM: Schreibt Ihr Eure Songs gemeinsam? Oder gibt es einen Schreiberling bei Euch? Oder zwei, einen für die Musik, einen für die Texte? 
END: Es beginnt fast immer mit Jam-Fetzen, die auf dem iPhone landen. Wir haben unzählige davon. Aus diesen Ideen entstehen dann, in sehr seltenen Fällen, Songs. Die Lyrics kommen ganz zum Schluss. An unseren ersten Konzerten haben wir sogar Songs ohne fixe Lyrics gespielt, ich hab dort einfach irgendwas erzählt, beziehungsweise gesungen. In vielen Fällen bildeten diese Improvisationen später den Kern der Texte.

JM: Mit Eurem Album und den Texten übt Ihr Kritik an der heutigen Gesellschaft, so sagt es der Infotext. Ist es für Euch ein Anliegen, solche Themen mithilfe Eurer Musik anzusprechen? Oder andersherum: beschäftigt Ihr Euch auch anderweitig mit solchen Themen? Engagiert Ihr Euch zum Beispiel politisch? 
END: Wir sind keine politische Band. Das Grundthema auf dem Album, die Schnelllebigkeit und Gestressteiheit in unserer (westlichen) Welt, ist etwas, dass uns alle umgibt und dem man sich nur schwer entziehen kann. Es geht nicht um Kritik, wir mögen viele Aspekte und die Annehmlichkeiten des heutigen Lebens. Aber manchmal wünscht man sich auch 400 Jahre zurück, in ein kleines Dorf, wo von Anfang an klar gewesen wäre, dass man die Schreinerei des Vaters übernimmt und eine der Nachbarstöchter heiratet. So ein Leben ohne all die Möglichkeiten und oberflächlichen Verlockungen, wo man sich den wichtigen Dingen zuwenden kann, stellt man sich manchmal schön vor. Wahrscheinlich wären wir dann doch mit den Pferden losgezogen, um die umgebenden Wälder und dann Welt zu entdecken… 

JM: Für das Album-Artwork habt Ihr Euch mit einer Illustratorin zusammengetan und gemeinsam eine Stilwelt aus delphischen Zeichen entwickelt. Das klingt unglaublich interessant, erzählt dazu doch bitte mal ein bisschen mehr. Was genau hat es damit auf sich und wer hat da mit Euch zusammengearbeitet? 
END: Wir haben mit Susanne Hartmann, einer befreundeten uns sehr talentierten Designerin zusammen gearbeitet. Jeder von uns fünf musste zu jedem Song etwas zeichnen, dass er mit der Musik verbindet. Susanne hat die fünf Illustrationen zu jedem Song dann zu einem Zeichen verarbeitet. So hat jeder Song sein eigenes Zeichen. Zuerst wollten wir den Songs gar keine Songtitel geben sondern nur die Symbole verwenden.

JM: Ihr scheint einen Bezug zu Alaska zu haben, schließlich gibt es den Song „Alaska“ und auch der Albumtitel bezieht sich auf eine Siedlung in Alaska – wie kommt das? Ward Ihr schon mal da? Oder würdet Ihr gerne mal dorthin? END: „People of the stream’s mouth“ ist die Übersetzung von Paimiut, der kleinsten registrierten Siedlung in Alaska. Offiziell Leben dort 2 Menschen. Ein Ort also, der so weit weg und andersartig ist wie man ihn sich nur vorstellen kann. Vielleicht ähnlich konträr zu modernen urbanen Gegenden wie das erwähnte Dorf vor 400 Jahren. Von uns war noch nie jemand in Alaska, aber ich würde dort sehr gerne hin. Die Natur und die Einsamkeit muss atemberaubend sein.

JOINMUSIC: Was hat es mit den Titeln „Sequoia“ und „Levitate“ auf sich? Die Namen sind auffällig und ungewöhnlich. Wie kamt Ihr darauf und worum genau geht es in den Songs? 
END: In Sequoia geht es um die Vorstellung, auszubrechen und alles hinter sich zu lassen. Sequoias sind die höchsten Bäume, die es gibt. Sie werden bis zu 85m hoch, es sind die Volumen-mässig grössten Lebewesen auf der Erde.
Levitate bedeutet „frei schweben“. In diesem Song geht es um den Gegensatz zwischen Vergänglichkeit und Unsterblichkeit. Die Atome, aus denen wir gebaut sind, sind alle Milliarden von Jahren alt, in einer Zeit entstanden, wo es noch nicht einmal unser Sonnensystem gab. Sie werden also einfach weitergereicht und und immer wieder neu kombiniert. Für ca. 80 Jahre, einen winzig kleinen Moment im Verhältnis zum Alter des Universums, bilden ein paar davon mich und dich. In „Levitate“ geht es um den Moment, wo man erkennt, wie unglaublich klein und unbedeutend man eigentlich ist, und um das befreiende Gefühl, dass diese Erkenntnis mit sich bringt.

JOINMUSIC: Der letzte Track auf dem Album, „Disconnected“, sticht ziemlich heraus. Er ist viel akustischer als die Songs davor. Wieso habt Ihr Euch dafür entschieden, dass er der letzte Track auf dem Album wird? 
END: „Disconnected“ war ursprünglich kein akustischer Song. Wir wollten fürs Album aber eine neue Version kreieren. Er steht in der Tat ein bisschen ausserhalb vom Rest der Platte. Deswegen haben wir ihn auch an den Schluss gesetzt, und weil er einen schönen Abschluss bildet.

JOINMUSIC: „Tie Your Nation To The Radiation Machine“ ist auch irgendwie anders: zum einen der lange Name, dann der sicherlich nicht ganz einfache Rhythmus-Wechsel zwischen Refrain und Strophe. Das gibt’s doch bestimmt auch was Schönes zu diesem Song zu berichten, oder? 
END: Es war Raphael, unser Schlagzeuger, der diesen Taktwechsel auf einmal eingebaut hat. Wir haben ihm gesagt, er soll mit dieser Verwirrung aufhören. Zum Glück hat er sich durchgesetzt.

JOINMUSIC: Eure letzten beiden Videos „In Amber“ und „Adrift“ wurden schwarz-weiß gehalten. War das eine bewusste Entscheidung?  
END: Nicht wirklich. Bei der Bearbeitung der Bilder hat sich rausgestellt, dass sie in schwarz-weiss am besten wirken. Es sollte aber nie farbenfrohe Videos werden.

JOINMUSIC: Ihr seid momentan auf Tour. Wie läuft’s? Wie ist das Tourleben für Euch?
END: Wir lieben es. Wir würden am liebsten nicht mehr aufhören. Als Support von the Boxer Rebellion haben wir die Möglichkeit, jeden Abend vor mehreren hundert Leuten zu spielen. Das ist fantastisch und extrem motivierend.

JOINMUSIC: Und wie sind die Jungs von The Boxer Rebellion?
END: Die sind super. Und trinken viel Jack Daniels. Wir hätten kaum auf eine passendere Band treffen können. 

JOINMUSIC: Wie steht Ihr zu DJ Bobo?
END: Wir stehen im musikalischen Spektrum ziemlich weit weg von ihm. Ich denke, das ist gut so. 

JOINMUSIC: Und zu Streaming-Services wie Spotify? 
END: Die Grundidee, dass die gesamte, je produzierte Musik für jedermann immer und überall erhältlich sein soll, ist schön und revolutionär. Leider sind die Preise für Spotify aber so tief, dass sie den Untergang für viele Musiker bedeuten könnten. Da hilft es nicht, dass ein beträchtlicher Teil der Einnahmen von Spotify an die Musiker fliessen. Die Spotify-Idee wäre für Musiker wahrscheinlich erst sinnvoll, wenn Abonnements 400 Euro pro Monat kosten würden. 

JOINMUSIC: Vielen Dank für Eure Antworten! 

Entdeckte Musik durch ihre Oma, die mit ihr Kinderlieder am Telefon sang. Damals, irgendwo zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein. Dann für's musikorientierte Studium in die Niederlande und nach Finnland. Derzeit wohnhaft in Hamburg. Und die Liebe zur Musik nicht verloren.

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