„Ich bin jetzt 42. Materie ist mein Feind.“ – DJ Koze im JOINMUSIC Interview

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In der an Aufschneidern und Maulhelden nun wahrlich nicht armen Künstlerszene stechen Persönlichkeiten vor. Das war so. Das ist so. Und das wird auch immer usw. Stefan Kozalla weiß das. Denn er ist eine solche. Persönlichkeit. Und ob als Adolf Noise, Swahimi der Unerleuchtete oder eben DJ Koze – dieses Feature transzendiert seine Kunst. Die bei ihm von einer Mischung aus Können und Wollen kommt. Aber eben nicht von Kommerz. Nachzuhören auf „Reincarnations 2“, der just erschienenen zweiten Folge der Remix-Compilation-Reihe und bereits dritten Remix-Sammlung seiner Diskographie. Und nachzulesen im folgenden Interview, in dem Kosi Kos über Kohle, Kollegen und Kopfhörer sinniert und außerdem verrät, mit welchem Space-Rock-Urgestein er sich den Grafiker teilt. 

JOINMUSIC: Und – schon auf dem Weg nach Brasilien?
DJ KOZE
: Woher weißt Du das denn?

JM: Na, es gibt ja Tourpläne und so was.
DJK: Ach so , ja. Donnerstag erst.

JM: Lange Reise
DJK: Jo.  Es gibt Schlimmeres. Irgendwie genieß ich das mittlerweile. Die einzigen 10 Stunden mal offline – das ist doch herrlich.

JM: Fußball ist auch nicht so Dein Ding – sonst hättest Du das Interview heut nicht angesetzt, oder?
DJK
: Was ist denn heute für ein Spiel?

JM: Ne Championsleague-Begegnung – Dortmund gegen Istanbul.
DJK: Neenee, überhaupt nicht.

JM: Ist nicht Dein Ding – Fußball?
DJK
: Nee. Ich bin Turnier-Euphoriker. Aber vor der WM weiß ich auch nicht, wie die deutschen Spieler heißen. Das schaffe ich mir in den ersten drei Spielen so drauf und dann bin ich auch so Fachmann, und dann vergess ich’s sofort wieder danach.

JM: Gibt es einen anderen Sport, den Du verfolgst oder selber machst?
DJK
: Ja, wie kommst’n jetzt darauf, nach drei Minuten?

JM: Weil ich gleich eine ganze tolle Überleitung zu der Frage hab, ob Yoga für Dich Sport ist und dann sind wir fast schon bei dem Cover Deiner neuen Platte.
DJK
: Ne richtige Marschroute hat er hier.

JM: Du musst der nicht folgen.
DJK: Ich versuch mal Haken zu schlagen.

JM: Gut – lassen wir das mit dem Sport einfach weg. DJ-Kollegen von Dir berichten gerne davon, wie sie sich ein bis zwei Monate im Jahr spirituell ausspannen, eine Pause vom Stress, den Flügen, der lauten Musik usw. einlegen – brauchst Du so etwas, machst Du so etwas auch?
DJK
: Ja, also, naja: Das macht Sinn. Aber ich kann das überhaupt nicht. Es gibt viele Kollegen, die machen ja elf Monate Gib-Ihm – die ganze Zeit, dreimal die Woche, viermal die Woche, elf Monate – und dann nehmen sie einen Monat Auszeit, was ich natürlich total verständlich finde. Aber auch schon fast unvorstellbar für mich, weil es ein irre hohes Pensum ist. Ich denk dann eher so in Blöcken. Dann hat man halt die Summer-Season, da mach ich High-Life und dann komme ich aber wieder ein bisschen runter. Sonst kann ich das nicht. Würde mir auch nicht so einen Spaß machen – man hat so einen Tunnelblick und ist in so einem U-Boot. Jeden Tag woanders und Geld verdienen – das macht einen auch nicht richtig glücklich auf lange Zeit. Glaube ich. Also mich auf jeden Fall nicht. Aber dass die DJs runterkommen müssen, is klar. Ist ja nicht ohne Grund so, dass die im Januar/Februar Blutwäsche machen oder in Yucatan rumhängen. Aber das sind natürlich auch Luxus-Probleme. Denn DJ ist natürlich auch ein toller Job – man kriegt viel Energie und Liebe und Geld. Aber es ist eben auch wirklich hardcore. Immer in irgendwelchen Clubs rumhängen und wenn sich der Flug drei Stunden verspätet, Du konntest nicht schlafen, Deine Ohren brummen Dir, Du bist alleine und hast Depressionen und hängst in so einem Neonlicht-Scheiß rum und musst dann sogar noch, wenn Du denn irgendwann angekommen bist, sieben Stunden Deinen Mann stehen und gute Laune verbreiten. Das ist ja nicht ganz ohne.

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JM: Da haben wir die Frage zum Leistungssport ja doch beantwortet. Nun also zum Cover – gibt es irgendeine Verbindung zu einer bestimmten spirituellen Haltung und dem Cover für die zweite Folge der Reincarnations-Serie? 
DJK
: Nein. Es ist nur ein geiles Motiv. Aber wahrscheinlich auch nicht ohne Grund gewählt. Sag ich mal so. Ich find’s auf jeden Fall besser als das Cover von Pink Floyd. Und ich musste mich entscheiden. Weil: Wir den gleichen Graphiker hatten und Pink Floyd hatten keinen Bock auf den Unerleuchteten Swahimi. Dann haben wir uns so geeinigt.

JM: Von Bob Ross hätte das auch sein können.
DJK
: Jaja, stimmt-stimmt. Nee, Bob Ross, der malt mehr mit Bäumen. Bäume können gar nicht so kitschig sein.

JM: Werden die künftigen Reincarnations Serien  einfach fortlaufende Nummern haben?
DJK: Ich glaub es wird jetzt erstmal keine mehr geben, die nächsten Fünf Jahre. Aber jetzt komm ich aus der Nummer ja auch nicht mehr raus.  Außerdem bin ich so ein Typ, der auf Serialität steht. Ich würde das dann tatsächlich so werkskatalogmäßig durchnummerieren.

JM: Apropos Werkskatalog – Warum sind nicht alle Remix, die Du zwischen 2009 und 2014 angefertigt hast, auf dem Album?
DJK
: Weil die  anderen Scheiße sind. Und ich möchte nicht, dass die Leute mich damit in Verbindung bringen. Mit schlechter Musik, und so. Ich achte auf mein Image.

JM: Aha.
DJK
: Nein – es war nicht ganz einfach, die so miteinander zu verweben, dass das ganze Album in einem Fluss durchhörbar ist. Und vielleicht sogar schon so ein bisschen wie ein Artist-Album klingt, was so’n bisschen mein Ansinnen war. Bei ein paar Remixen, zum Beispiel bei dem Efdemin-Remix, der so dark und doomig und manisch und lang ist, hatte ich das Gefühl, das wird ’nen Skipper, weil das Ding ja auch wirklich für den Club gemacht worden ist. Und ein paar Sachen hatten auch nicht so den langen Atem. Und jetzt habe ich eine Zusammenstellung – so: Nur die Harten kommen in den Garten – die irgendwie Sinn macht und wo die Tracks eine Art Flow ergeben.

JM: Ist das Intro auch auf der Vinyl-Ausgabe direkt mit dem ersten Track, Deinem Remix für Super Flus „Jo Kurt“ vermischt?
DJK: Ja, das ist auch so auf der Platte. Ja, aber weißte was, das sollte nicht so ein DJ Tool Futter sein. Sollte eher schon so wie eine Platte sein. Ich hab mir ja auch total Mühe gegeben, vor allem auf das Intro bin ich stolz.

JM: Das darfst Du auch, finde ich.
DJK
: Und dann fänd ich das total trostlos, wenn auf dem Vinyl der Mix ist, den man auch so kaufen und runterladen kann. Nee, das ist nicht so ein DJ-Tool-Box, das hat glaube ich der Radioslave gemacht. Der hat, glaube ich, alle seine Mixe rausgebracht. Das sind am Ende drei CDs geworden. Sowas ist natürlich geil als DJ. Hat man die im Booklet, hat man jeden Radioslave Mix. Aber so bin ich ja nicht. Ich bin ja gar nicht so ein DJ DJ.

JM: Nein?
DJK
: Nö, ich bin ja nicht so. Es geht mir ja eher um Musik. Und manchmal ist ein Stück für einen Club dabei. Und manchmal nicht. Und ich möchte auf keinen Fall in die Schublade, dass ich irgendwelche Club-Tracks mache. Ich will auf keinen Fall dafür verantwortlich sein, die ganze Zeit  Club-Tracks machen zu müssen.

JM: Wo wir grad beim Auflegen sind – bist Du noch ein Vinyl-DJ?
DJK
: Nee, überhaupt nicht.

JM: Wie legst Du dann auf?
DJK
: Digital und mit dem un-funkigsten Wort, was man mit DJ-ing überhaupt in Verbindung bringen kann: Mit USB. Aber ich bin total happy damit. Ich trag aber immer noch meine Plattentasche, so eine 80-er Plattentasche, weil ich das Gefühl habe, ich muss so ein bisschen schleppend wirken, wenn ich in den Club komme, das macht irgendwie einen geileren Eindruck, als wenn ich da mit meinem Handtäschchen komm und hol da meine Sticks und meinen Kopfhörer raus. Außerdem ist mir aufgefallen, dass es super gut ist, um zum Beispiel Flaschen rein- oder rauszuschmuggeln und auch die eigene Jacke und den ganzen Kram, den man auszieht, nicht zu verlieren. Also eigentlich ist da, wenn man meine Tasche aufmacht, ein Flaschenhals und meine Jacke und nen Schal und ein Tuch. Und immer, wenn die Promoter fragen, ob sie mir die Tasche schleppen sollen, sage ich „nee-nee“, weil es mir total unangenehm ist, wenn die das merken.

JM: Kaufst Du denn noch Platten?
DJK: Selten. Eigentlich so gut wie gar nicht. Ich bin jetzt 42 und ich habe das Gefühl, Materie ist mein Feind. Die nächsten 42 Jahre würde ich mein Leben gerne entrümpeln und da brauch ich nicht irgendwelche Disco-Tracks, die ich sowieso nur dreimal spiele.

JM: Jetzt sind wir ja wieder bei der Musik. Wie läuft das eigentlich mit Remix-Aufträgen? Wirst Du angesprochen, oder gibt es auch Sachen, die Du Dir raussuchst?
DJK: Beim Moderat-Remix war das lustigerweise so, dass ich Sascha gesagt habe, dass ich dieses „Bad Kingdom“ ganz toll finde, aber dass ich mir eine längere Version wünschen würde, wo so ein bisschen mehr Beats am Anfang und am Ende sind. So ist das halt so ein Popsong – radiokompatibel – was ja auch das Toll daran ist. Aber ich dachte, man müsste ne gestripptere Version haben, die länger ist, die sich länger ausbreitet und dann hat er mir die Spuren geschickt. Und dann habe ich in zwei Tagen den Moderat-Remix hingekriegt. In Indien. Und dann haben sie später überlegt, dass sie das veröffentlichen wollen, mit einem Gabor-Edit und so. Und manchmal ist die Situation dann so, dass ich mich über ein schönes Stück freue, wenn ich eins zugeschickt bekomme. Und ich dann gern die Leute manchmal auch anschreibe und sage, das ist ja toll oder ne Bewertung gebe – man kriegt ja als DJ immer so Promo – und wenn ich dann mal irgendwie euphorisch bin, dann fragen die Leute auch manchmal ob ich mir nicht einen Remix vorstellen könnte. Oder man ist mit einander bekannt und hat mit der Plattenfirma zu tun und dann sagen die: Guck mal, WhoMadeWho hat ein neues Album und wünscht sich ein Remix von dir. Und dann sag ich meistens, schick doch mal was. Ich kann eigentlich beim ersten Mal immer schon hören, ob mir dazu was einfallen würde, oder nicht. Und wenn ich überhaupt keinen Anker oder Haken finde, dann kann ich eigentlich auch gleich absagen. Was meistens der Fall ist.

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JM: Du erwähntest gerade Indien und einen Remix, den Du dort in zwei Tagen fertig gemacht hast. Das heißt, Du arbeitest an Deinen Sachen auch unterwegs?  Mit Laptop und Kopfhörer?
DJK
: Ja, genau. Ich arbeite sowieso 80% unter Kopfhörer. Irgendwie hat sich das so entwickelt in den letzten Jahren. Ich kann da mehr in die Lieder reinkriechen. Robag Wruhme arbeitet auch so. Keine Ahnung. Irgendwie, laut und so, das schockt natürlich und ist auch körperlich und bounct, aber irgendwie ist auch immer alles so geil, dass ich manchmal drei Stunden nur rumbounce und dann nehm’ ich’s auf, hör’s zuhause an und dann ist das eigentlich nicht mehr als eine Bass-Drum und ein Subbass, den ich auf’m Küchenradio zu Hause gar nicht mehr höre. Das verfärbt und zerschönt das alles so. Aber wenn etwas auf’m Kopfhörer groovt, dann groovt’s auch draußen. Und irgendwie ist es auch toll, unter Kopfhörern zu produzieren, weil man kann ein Panorama setzen, man kann die Musik besser staffeln. Was ja nicht ganz unwesentlich ist. Über die Lautsprecher-Boxen hört man ja immer den ganzen Raum mitschwingen und resonieren und kann sich nie so richtig sicher sein, wie der Klang eigentlich ist. Mit Kopfhörern ist das jedenfalls für mich irgendwie ganz gut.

JM: Ein fettes Studio brauchst Du also gar nicht.
DJK
: Nee. Aber ich habe ein Euro-Grab. Ich habe ein fettes Studio, aber da bin ich gar nicht so oft. Deswegen Euro-Grab.

JM: Wenn Du von unterwegs aus arbeitest und ja meistens auch allein reist, kannst Du je kein Band-Mitglied anhauen – wann sind Deine Sachen fertig? Gibt es jemandem, dem Du das zum Gegenhören gibst?
DJK
: Ja, ich geb das oft dem Master-Studio, also dem Menschen, dem ich das Mastering anvertraue. Schon seit Jahren. Das geht oft auch hin und her, weil man bei ein paar Sachen ein bisschen im Ungewissen ist, unter Kopfhörern, was Bass und Stimme angeht. Da gibt es also so eine Art produktionstechnischen Abgleich. Marcus, mein Partner bei Pampa hört jeden Entwurf und manchmal schick ich’s dann auch zu Freunden wie Ada oder Isolee, wie die das finden. Aber eigentlich – das ist mir letztens erst bewusst geworden – hat man im Laufe der Jahre genug Erfahrung gesammelt, dass man sich nicht mehr so endlos vergaloppiert. Früher habe ich Wochen lang an so komischen Ideen gearbeitet und dann war’s am Ende nur so eine Schichtung von schwachsinnigen Ideen übereinander, die vertuschen sollten, dass da gar keine Grundidee drin ist, keine zwingende Song-Idee. Und das passiert mir heut nicht mehr so oft. Ich merk relativ schnell, dass das dann scheiße ist. Und das ist ja schon mal gar nicht schlecht dann. Das heißt nicht, dass dann bald was Gutes kommt, aber man vergeudet nicht so viel Zeit. Zur Not kann man auch immer wieder absagen. Mach ich auch öfter. Aber das lernt man dann irgendwann, um Deine Frage zu beantworten. Das ist halt wirklich Erfahrung. Das Wichtigste ist, dass man nicht über den Punkt hinausgeht, an dem man Perfektion anstreben will, weil so kann man ein Lied auch wieder zu Tode wirtschaften. Man muss also einen Moment einfrieren, in dem das Stück eigentlich fertig ist, aber nicht überproduziert oder perfekt. Wenn aber irgendeine Stelle einen wirklich nervt, dann muss man da auch ran.

JM: Was ist eigentlich, wenn Deine Auftraggeber Deine Arbeit zum ersten Mal anhören und dann – gelinde gesagt – überrascht sind. Ich frage das mit Blick auf die Remixe für Zwanie Jonson und Soap & Skin, bei denen Du den Beat reduziert bzw. weggenommen hast – eine relativ unübliche Vorgehensweise bei einem Remix.
DJK: Weißt Du, ich mach ja seit Jahren nichts anderes, außer mir Freiraum zu verschaffen, was Erwartungshaltungen angeht. Das sieht man ja auch auf der Platte. Ich möchte halt nicht bekannt dafür sein ein oder gar ein Garant für „Ja, wenn Du ihn fragst, dann kriegst Du auf jeden Fall ein knackiges Disco-Brett oder Techno-Track“. Sondern es sollte immer eine Art Wundertüte möglich sein. Und deswegen gibt’s ja auch nur eine ganz spezielle Klientel, die sich an mich richtet. Die Leute, die wirklich an einem Peaktime-Hit interessiert sind, die würden da vielleicht Dennis Ferrer fragen oder ich weiß nicht wen, Radioslave oder irgendwelche Typen halt, die fette Beats machen und immer schon gute Ergebnisse hinzaubern. Aber dafür will ich ja gar nicht bekannt sein. Und ich glaube, die Leute, die mich fragen, die wissen auch schon, dass immer, wenn ich etwas mache, auch liebevoll dabei bin  und mir total viel Gedanken mache und ein eigenes Universum zu präsentieren versuche. Und oft finde ich dann, die Beats wegzunehmen, wie bei dem ersten Hildegard Knef Remix oder Zwanie Jonson, das empfinde ich als total großen Schritt nach vorne. Weil ich dann noch mehr die Schönheit und die Essenz des Songs freilege. Ich krieg oft Spuren zugeschickt, von befreundeten Musiker, so wie Caribou oder Jan Delay, die sind sich ihrer eigenen Stimme immer gar nicht so sicher. Die sagen dann immer, Ja, mach mal Hall drauf, mach mal Hall drauf, weil die sich nicht sicher sind, ob sie gute Sänger sind – sympathisch eigentlich –  und ich find das aber total süß, dann deren Spuren zu nehmen und zu versuchen, diese zarten Pflanzen freizulegen, anstatt da noch mehr draufzutürmen und noch Effekte und Beats draufzubasteln. Und manchmal sagen die Leute, och, das hätte ich mir so gar nicht getraut, die so laut zu hören, aber ich find’s auch gut. So. Es gibt ja die andere Version.

JM: Die Nummer 2 der Reincarnation ist ja, wenn ich das richtig in Erinnerung habe – anders als die erste Reincarnations …
DJK
: Ja, andere Lieder sind da drauf.

JM: Das auch. Sie ist aber auch auf einem anderen Label erschienen: Auf Pampa, einem Label, das Du gegründet hast, als ganz viele gesagt haben, und auch noch heute sagen, das ist ja eine Unzeit. Was hat Dich damals dazu bewogen, wo Dir doch bestimmt viele abgeraten haben?
DJK
: Ach nee, da hat keiner abgeraten.

JM: Nee?
DJK
: Nee, das lag einfach in der Luft. Und wir haben ja auch gar nicht so ambitioniert angefangen. Es gab ja die tolle Nummer von Die Vögel, die dieses „Die Blaue Moschee“ gemacht haben. Und in meinem Musiker-Freundes-Kreis haben wir uns immer unveröffentlichtes Material und Tracks hin- und hergeschickt, Jackmate und Ada. Und irgendwann hatte ich soviel Musik, da dachte ich, irre, das sind alles so Skizzen, die man sich hin- und herschickt, die sind doch aber alle schon toll. Und wir fachsimpeln und wir helfen uns gegenseitig. Irgendwie ist doch hier schon so eine Art Austausch und Plattform. Es lief einfach so viel unveröffentlichte, aber fast-fertige Musik bei mir auf, und dieses „Blaue Moschee“ Ding war eben auch so eins. Und dann haben Markus und ich, Markus Fink, mein Partner, der übrigens früher bei Get Physical war, wo die erste Reincarnations rauskam, gedacht, dann lass uns doch jetzt mal diese Platte rausbringen, ohne zu wissen was die zweite sein könnte.

JM: Damit hast Du auch schon die nächste Frage beantwortet: Rückblickend die richtige Entscheidung? Kein Euro-Grab?
DJK
: Ja. Richtige Entscheidung. Und nee, kein Euro verloren. Man macht aber auch nicht totalen Reibach mit dem Label. Heutzutage muss dann auch Label-Night machen und Merchandise und exklusive Schallplatten auf der eigenen Homepage, die Du dann nur da bestellen kannst. Man muss das Business eben auch schon so ein bisschen, naja, pflegen. Das Business ist ganz schön anspruchsvoll. Das ist das Einzige, was ich nicht gedacht hätte. Ich dachte, man macht einfach mal so. Aber es sind dann doch jeden Tag irgendwelche Sachen zu machen und Entscheidungen zu treffen. Aber ich freu mich total und das ist doch alles klasse.

JM: Noch einmal zurück zu Deiner Arbeit als DJ. Hast Du ein Set, dass Du vorbereitest hast?
DJK
: Nein, aber ich mache mir immer, also für fast jeden Event mache ich mir Gedanken und eine Playlist. Und die morpht sich dann immer weiter so über die Zeit. Irgendwann bin ich dann aber auch relativ schnell gelangweilt, weil ich mir dann vorkomme wie eine Maschine, die immer das Gleiche abspielt. Und das versuche ich dann auch immer wieder zu brechen. Es gibt so eine Art Fundus an Liedern, wo irgendwie jede Woche neue dazukommen, der dann ständig morpht und sich verändert. Aber eigentlich lege ich mir jeden Event vorher schon zurecht. Frag so ein paar Infos ab, wie groß der Laden ist, wer spielt noch, was sind das für Leute und dann bau ich mir mit dem wohlklingenden Namen der Stadt irgendwas noch so zurecht. Und da gibt’s dann auch so komische Renaissancen von Liedern, die man dann jetzt gerade fühlt, auch wenn man sie 10 Jahre schon nicht mehr gespielt hat. Und so was baue ich dann für jeden Event. Aber es ist nicht von Grund auf jedes Wochenende verschieden. Das finde ich auch einen zu großen Anspruch. Außerdem: Man möchte ja auch gerne Kunststücke präsentieren. Manchmal gibt es so fantastische Übergänge, die fast schon so wie Bootlegs sind, dann ist es fast schon so, als wenn man live spielt und dann möchte man das auch machen. Und dann kann man auch nicht sagen, nur weil ich das schon mal in Essen gespielt habe oder in Rom, sollen die das jetzt nicht hören, nur damit ich mich nicht wiederhole. Gleichzeitig: Sich selber Wiederholen nervt auch so richtig. Manchmal schäme ich mich und denk so, das hab ich jetzt aber so richtig abgespielt. Und das schockt nicht. Das macht man dann auch nicht lange. Man zerstört das dann auch wieder.

JM: Übst Du solche geilen Übergänge?
DJK: Manchmal merkt man das, während man spielt. Und dann bin ich manchmal sogar schon zum Handy gegangen und hab mir das eingetackert: Das ist ja der Wahnsinn jetzt gerade. Die Tonhöhe und so. Die Lieder können zusammenlaufen und ergeben ein Neues. Dann bin ich selber so geflasht, dann versuche ich mir das zu merken oder schreib‘s mir zum Beispiel auf. Manchmal vergisst man das auch und dann wird man ganz kribbelig. 

JM: Danke für das Interview.

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