„Isolation, Alleinsein und Einsamkeit gehören dazu“ – Jay Brannan im Interview

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Jay Brannan ist einer von den Künstlern, die am liebsten alles, aber wirklich alles, alleine machen. So ganz unverständlich erscheint das nicht: Viele Köche verderben eben auch bei einer Musikproduktion den Brei. Und so erscheint nur logisch, dass sich Brannan für sein neues Werk „Always, Then, And Now“ nicht nur mit so wenig Kollaborateuren wie nötig umgeben hat, sondern darüber hinaus auch die Bande zu seinem Label Nettwerk kappte, um „Always, Then, and Now“ mehr oder minder privat zu vertreiben. Dass es am Ende doch nicht ganz ohne den Rest der Welt geht, zeigt das JOINMUSIC-Interview – sonst hätte er es ja mit sich selbst führen müssen. (English version below)

JOINMUSIC: Wann hast Du gemerkt, was Du mit Deiner Kopfstimme alles machen kannst?
Jay Brannan: Als ich noch klein war und mir meine Hand am Herd verbrannt habe. Hihi – kleiner Scherz am Rande. Gute Frage. Aber ich weiß es nicht. Ich nehme an, es war irgendwie immer schon da…

JM: Nicht wenige der Tracks auf Deinem neuen Album zeichnen sich durch eine komplexe und teilweise vertrackte Melodieführung aus („Always, Then & Now“, „Square One“, „Burn Into The Son“, „No Ship“) – woher nimmst Du die Ideen? Trial & Error? Musikwissenschaft? Quintenzirkel?
JB: Instinkt und Intuition. Nehme ich an. Eigentlich fange ich immer so an, dass ich mir irgendetwas auf der Gitarre ausdenke. Dazu summe ich dann eine Melodie, die irgendwie passt. Manchmal auch mit Blindtexten. Wenn ich mich dann an den tatsächlichen Text mache, hat das in der Regel aber auch wieder Einfluss auf die Melodie – je nachdem, wie die Vokale klingen, wie viele Silben ich brauche usw. Also im grunde genommen probiere ich so lange aus, bis es sich für mich entweder interessant oder catchy anhört.

JM: Wer hat die Streicher arrangiert?
JB: Mein Freund Skye Steele, ein unglaublicher Instrumentalist auf Saiten, hat die Teile für „Blue-Haired Lady“ und „Takeoff“ eingespielt. Erst hat er diverse Dinge im Studio ausprobiert und dann hab ich ihm noch ein paar Sachen gesagt, die mir wichtig waren, bzw. die ich unbedingt hören wollte. Zum Schluss haben wir das alles dann so zusammengemischt, wie es uns am Besten gefiel. Für „Square One“ hat mein Freund Scott Starrett sowohl die Streicher als auch alle anderen Instrumente arrangiert.

JM: Mit wem arbeitest Du sonst zusammen? Und sind das auch diejenigen, an die Du Dich wendest, wenn Du Dir nicht sicher bist, ob ein Song jetzt fertig ist oder nicht?
JB: Manchmal frage ich Freunde schon nach ihrer Meinung oder will wissen, was sie von bestimmten Details halten. Beim Aufnehmen und Abmischen passiert es Dir leicht, dass Du Dich überhörst und auf einmal Sachen wahrnimmst, die so gar nicht da sind, nur weil Du es perfekt machen willst. Ich spreche viel mit den Aufnahme-Ingenieuren, frage sie nach ihrem Feedback. Obwohl ich normalerweise auf meinen Instinkt, auf mein Bauchgefühl höre. Was das Songwriting selber angeht: Da frage ich selten jemanden. Kollaborationen sind da nicht so mein Ding. 

JM: Hast Du jemals mit dem Gedanken gespielt, eine Band zusammenzutrommeln? Oder was macht das Dasein als Solo-Künstler so attraktiv?
JB: Das fragen mich die Leute immer: Wann ich endlich mit einer richtigen Band spielen würden. Dabei habe ich dahingehend absolut keine Ambitionen. Isolation, Alleinsein und Einsamkeit gehören für mich einfach dazu. Daraus ziehe ich auch jede Menge Inspiration. Mich ein meinen eigenen Gedanken zu verlieren usw. Außerdem reise und toure ich unheimlich gern allein. Müsste ich den Job, den ich mache, die ganze Reiserei und so, müsste ich das mit einer Gruppe von Leuten tun, würde ich verrückt werden. So weit reicht meine Sozialkompetenz nicht. Klar – ich bin hier und da schon mal mit Cellisten und Geigern aufgetreten. Aber das waren immer außergewöhnliche Anlässe, niemals für eine ganze Tour.

JM: Was kommt bei der Entstehung eines Songs zuerst – ein Riff oder ein Satz?
JB: Jeder Song ist anders. Aber normalerweise fange ich mit der Gitarre an. Ganz einfach, weil es das ist, was ich am Schlechtesten kann. Ich über nicht und ich hatte nie Unterricht, von Theorie habe ich keinen blassen Schimmer. Deshalb ist es für mich einfacher, Melodie und Text nach einem fertigen Gitarrenpart auszurichten als andersherum.

JM: Hast Du Dich schon einmal an elektronischen Spielereien versucht?
JB: Nein, noch  nicht,

JM: Du bist ja auch als Schauspieler aktiv – ist ein neues Kino-Projekt absehbar?
JB: Ich wünschte, es wär so. Aber derzeit habe ich nichts dergleichen vor. Haha. Gern würde ich in der Zukunft mehr Zeit mit Schauspielerei verbringen, aber es ist ziemlich schwierig beides, also Musikmachen und Schauspielern, unter einen Hut zu kriegen. Das Musikding musste Du ewig im Voraus planen und Du bist ständig unterwegs. Als Schauspieler musst Du praktisch auf Abruf verfügbar sein, immer Ausschau halten nach Castings und so was. Naja – vielleicht eines Tages eben. Was ich gerne versuchen würde, ist beim Fernsehen zu arbeiten. Zur Zeit gibt es so viele großartige TV-Formate …

JM: Wie zum Teufel bist Du auf „Du hast den schönsten Arsch der Welt“ gekommen? – Hat Dir jemand gesagt, was das übersetzt heißt?
JB: Ähm – ein Fan hatte das vorgeschlagen. Das ist mittlerweile so ein jay Brannan Ding geworden, dass ich Songs in der Landessprache der Orte singe, durch die ich getourt bin. Jemand aus Deutschland hat mich auf facebook angeschrieben und gedacht, das wär mit diesem Song lustig. Hörte sich gut an, also habe ich’s gemacht. 

JM: Danke für das Interview.


english version


JOINMUSIC: When did you first discover your falsetto?
JB: When I was a child and burned my hand on the stove.  haha just kidding, that’s a good question, I don’t know… I suppose it’s always been there :)

JM: Plenty of tracks on your new album are characterized through complex and intricate melody lines („Always, Then & Now“, „Square One“, „Burn Into The Son“, „No Ship“) – how do you come up with this? Trial & Error? Musicology? Clock of keys?
JB
: Just instincts I guess.  my process usually begins with coming up with a guitar part, and then I hum a melody that goes along with it, sometimes using temporary lyrics. As the actual lyrics are written, that usually influences the melody as well (depending on the vowel sounds, the number of syllables, etc.). I basically just try things until something sounds interesting or catchy to me. 

JM: Who arranged the string sections?
JB
: My friend Skye Steele who is an amazing string player did strings for „Blue-haired Lady“ and „Takeoff“ — he tried some things in the studio, and then I would give him some notes for specific other things I wanted to hear. Then we would edit it all together in the way we liked best. My friend Scott Starrett did the arrangement (strings and other instruments) for the song „Square One“.

JM: Whom do you work with besides? Are those the people you turn to, when you’re not sure, if a songs’s done or still needs fixing?
JB: I sometimes ask friends for feedback or if I have specific questions about certain things.  When you’re recording or editing, it’s easy to start listening too closely and sometimes even begin to imagine things because you are so focused on getting it right :)  
I ask the engineer I’m working with for their opinion a lot. Mostly I trust my own instincts, but I do like feedback from the person I’m recording with. In terms of the songwriting itself, I don’t generally ask for feedback or collaborate much on that.

JM: Ever thought of assembling a band? Why do you feel so comfortable being a solo singer songwriter?
JB
: People always ask when i will start playing with a band, but I don’t really have the desire. Isolation is a major part of my process.  It’s where my inspiration comes from…Getting lost in my own thoughts, etc.  I also really like traveling and touring alone. If I had to do this job, and all the traveling that I do, with a group of people, I think I would go insane. I’m not social enough for that haha. I have played with string players a few times (cello, violin) for live performances, but more on special occasions and for a few songs.  not for a whole tour.

JM: What comes first in the development of a new song – a guitar lick or a memorable phrase?
JB
: Every song is different, but I usually start with the guitar because it is my most limiting skill.  I have no guitar training, have never taken any lessons. I know nothing about guitar theory, so it’s easier for me to shape a melody and lyrics to the guitar part than it is to write a guitar part to match something I’ve already written in lyrics or melody.

JM: Have you toyed with electronics? Did you like it?
JB: I have not.

JM: Already dabbling with the next movie project?
JB: I wish, but I currently have no plans haha. I would like to do more acting in the future, but it is difficult to coordinate music and acting careers. Music is planned very far in advance and requires you to travel a lot. Acting requires you be available at a moment’s notice, and that you are in town constantly to go on auditions, etc. Hopefully someday!  I’d definitely like to try working in television. There are so many great tv shows being made these days.

JM: How the hell did you find out about „Du hast den schönsten Arsch der Welt“? Did anybody tell you what it translates to?
JB: Haha a fan actually suggested it. I have earned a reputation for singing songs in the language of the places where I tour, so someone wrote me on Facebook and thought this song might be funny. I agreed, so I gave it a shot! :)

JM: Thanks for the interview.

Foto: Tommy Kearns

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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