Jetzt schon? – Der Cocoon-Club und die Insolvenz

Was? Sven Väth ist Pleite? Cocoon gibt es nicht mehr? Ist denn die ganze Welt verrückt geworden? Na, nun mal langsam mit den ravenden Pferden. Gerüchte über finanzielle Probleme des Cocoon Clubs liegen schon länger in der Luft. Und die haben sich tatsächlich bestätigt: Seit dem 13. September wird das Vermögen der Cocoon Club GmbH & Co. KG von einem Insolvenzverwalter kontrolliert. Aber was heißt das genau für den Club, das Label, das Booking und für Sven Väth?

Von vorne: 2004 wurde in Frankfurt am Main der Cocoon Club von Sven Väth und einigen anderen gegründet. Die Idee war, Techno im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen und der Musik einen ganz neuen Rahmen zu geben. Futuristisch und vom Feinsten sollte es sein. Eine Location, in der erstklassige Musik und Sterneküche nebeneinander existieren sollten. Techno sollte endlich den Schmutz der Gründerphase hinter sich lassen und sich in den oberen Schichten etablieren. Eine vielversprechende Idee. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die ersten Technohörer jetzt längst zum alten Eisen gehören und die meisten eine festkochende Birte einer frisch gepressten Emma vorziehen.

Die Meinungen darüber, ob das Clubkonzept Sinn macht, gehen auseinander. Die Groove wählte das Cocoon in den ersten vier Jahren seines Bestehens zum besten Club. Techno-Urgestein Tanith spricht dem Tanztempel in seinem Blog alles ab, was für ihn Techno ausmacht*. Auch datiert er das Aufkommen der Gerüchte um die finanziellen Probleme einige Jahre zurück. Es scheint also hinter den Kulissen schon länger nicht mehr so glamourös herzugehen, wie die Fassade vermuten lies.

Andere haben noch vor kurzem feuchte Augen vom Gedanken an die Clubgründung bekommen. Club-Visionär Sven Väth und Cocoon-Koch Mario Lohninger erzählen noch 2009 der Zeit-Online von ihrem Kennenlernen, von den ersten Ideen zum Club und damit einhergehenden schlaflosen Nächten**. Da liegt noch nichts in der Luft. Zumindest nicht spürbar. Und was ist heute? Kann Lohninger sich mit seiner Arbeit im Club nicht mehr identifizieren? Kann er gar nicht können. Der ist längst ausgezogen. Schon seit Mai stehen die beiden Restaurants Micro und Silk still. Die Einrichtung bleibt. Auch beliefert wird der Club noch von Lohninger. Was das genau heißt? Man weiß es nicht. Vielleicht wird sich das in einem der schon länger angekündigten Statements von irgendeiner Seite klären.

Apropos Statements: eines gibt es schon. Die Cocoon Music Event GmbH und die Cocoon Artist Booking UG distanzieren sich von der Cocoon Club GmbH & Co. KG. Wirtschaftlich seien die drei voneinander getrennte Einheiten. Mit Label, Events und dem Booking geht’s also weiter***. Das hört man doch gerne. Dann muss doch eigentlich nur noch der Sven kommen und den Club retten, oder? Abgesehen davon, dass das so einfach nicht ist, gibt es auch gar keine Anzeichen dafür, dass Gründer, Visionär und Teilhaber Väth vorhat, etwas zu unternehmen. Ob das aus Zeitgründen ausbleibt oder ob es noch andere Probleme gibt, kann nur vermutet werden. Er ist nur Gesellschafter, nicht an der täglichen Arbeit im Club beteiligt. Aber eigentümlich ist es schon, denn nicht ganz ohne seine Zutun steht er mit seiner Person für den Club und alles, was den Namen Cocoon trägt.

Vor derart schwer nachvollziehbaren Dingen wimmelt es nur so in allem, was die Insolvenz des Clubs angeht. Warum zum Beispiel werden die beiden Restaurants auf der Homepage des Clubs immer noch präsentiert, als wäre nichts gewesen? Wurde die Online-Abteilung schon entlassen? Nichts dergleichen. Wo der Normalverbraucher hinter einer Insolvenz das Ende des Clubs vermutet, sehen Management und Team anscheinend keinen Grund zur Panik und haben größte Hoffnungen, dass der Club weiter bestehen bleibt. Es gibt ja nun keinen Bereich unserer Kultur, der mehr Nähe zum Sport hat, als Techno. Da wird es wohl erlaubt sein, zu konstatieren, das unter solchen Bedingungen jeder Fußballclub schon fünfmal den Trainer gefeuert hätte… Stattdessen werden die 81 Mitarbeiter derzeit von der Bundesagentur für Arbeit bezahlt. Das scheint das Management zu beinhalten. Ach. Das geht?

Das ist aber noch längst nicht alles. Seit Mitte des Jahres bietet der Cocoon Club eigenes Catering an. Nein, nicht für den Club, da liefert ja weiterhin Mario Lohninger, oder so. Einfach so. Klar, eine gute Idee, sich breiter aufzustellen, für den Fall einer Krise. Dass das mitten in der Krise passiert, mag trotzdem den einen oder anderen wundern… Und dann werden parallel Demonstrationen gegen die GEMA-Gebührenreform 2013 organisiert. Im Grunde nachvollziehbar, aber momentan sollten die doch andere Sorgen haben. Wer nicht BWL studiert hat, kann das vielleicht nicht verstehen.

Unabhängig davon, ob Tanith damit recht hat, dass zu viel BWL, zu viel Hochglanz oder einfach ein zu konservatives DJ-Line Up dem Cocoon Club den Strick gedreht haben*, unabhängig davon, ob sich die Schlinge auch zuziehen wird, es bleibt spannend um einen einzigartigen Techno-Club. Viele Aussagen von vielen Seiten stehen noch aus. Bleibt nur zu hoffen, dass der Cocoon Club dem dank GEMA-Gebührenreform ab 2013 erwarteten Club-Sterben nicht vorauseilt. Eine Vision muss her… Sven?

photo (groß): emanuel raab, photo (klein): smalltown boy, * taniths blog, ** interview mit der zeit-online, *** statement zur insolvenz des cocoon-clubs

Gebürtiger Lübecker mit Wohnsitz in Hamburg. Zu jung für Schlager, zu alt für Jumpstyle. Dennoch zweifelhafter Musikgeschmack mit Hang zu Sprunghaftigkeit. Ergo: Schreiberling im Hauptfach Randbezirkige Musik.

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