„Leben, Wasser, Wein, Blut und Tod.“ – Eau Rouge im JOINMUSIC Interview

EAU ROUGE 5

Es gibt viele goldene Regeln im Leben eines Musikschreibers. Eine davon lautet, dass mensch Artikel, Reviews, Stories und Sätze grundsätzlich nicht mit „Und…“ einleitet. Weil der Schreiber dieser Zeilen allerdings generell und im Grundsatz der Meinung ist, dass Regeln gebrochen und Überraschungen ebenso untrennbar zum Geschäft gehören wie Katzen zum Internet, beginnt das heutige Feature wie ein klassisches Märchen.


Eau Rouge
Eau Rouge EP

 

AdP Records 
21. November 2014

 

Erhältlich bei:
Amazon | iTunes


Und so begab es sich also, dass sich der durchaus gesundheitlich angeschlagene Autor an einem Montagabend im Oktober im final umgezogenen und darüber hinaus sehr gelungenen, neuen Hamburger Molotow wiederfand, um sich auf einem der üblichen Industrieshowcases der Kontaktpflege und vor allem dem Treffen mit einer langjährigen Freundin zu widmen, die als Labelmanagerin stilsicher eine der drei dort angekündigten Bands unter Vertrag genommen hatte – Eau Rouge. Mit einer Mischung aus treibenden, zwischen PostRock und Shoegaze changierenden Gitarrenwänden, druckvollen Drums, leicht psychedelischen Einflüssen, weit entfernt hallenden 80er-Referenzen, intim-verletzlichen Indiepassagen und einem perfekt durch die visuelle Unterstützung des VJ-Duos Die Lichtgestalten begleiteten Unterwasser-Feeling lieferte das Stuttgarter Triple aus Magnus Frey, Jonas Teryuco und Bo Zillman derart überzeugend ab, das noch vor Ort nach der Show auf dem kurzen Dienstweg ein Interviewfeature zur kommenden EP vereinbart wurde. 

So wird manchmal aus dem Privatvergnügen eine Story und aus einer bisher weitgehend im Süden des Landes aktiven Band eine musikalische Empfehlung, die sich mit den fünf Tracks ihrer am 21.11.2014 erscheinenden „Eau Rouge“ und der damit einhergehenden Clubtour schnell eine wachsende Fangemeinde erspielen wird, schliessen diese doch perfekt an das Live-Erlebnis Eau Rouge an, offenbaren auch beim sechsten Durchlauf in Folge noch neue Facetten und schaffen mühelos den Spagat zwischen verträumten Elementen und grosser Festivalbühne. Wenn es sein muss, vereinen Eau Rouge diese scheinbar konträren Pole auch in einem einzigen Song wie „Of All“ und auch darüber hinaus macht sich in den Arrangements der Bands durchaus bemerkbar, dass die Livebühne der klare Schwerpunkt des Schaffens der drei Stuttgarter und das Schielen auf den schnellen Indiehit nicht zwingend ihre Sache ist, auch wenn vor allem Songs wie „Golden Nights“ oder das bassmächtige „Sink Water“ durchaus hymnische Tanzflächenqualitäten vorzuweisen haben. Grund genug also für baze.djunkiii, Eau Rouge per Email mit ein paar Fragen ins Kreuzverhör zu nehmen.

JOINMUSIC: Eau Rouge – rotes Wasser. Natürlich als erstes die Frage, die Euch in so ziemlich jedem Interview bis zum Superstarstatus begegnen wird. Was hat es damit auf sich?
Jonas: Leben, Wasser, Wein, Blut und Tod.
Magnus: Man soll sich kurz Zeit nehmen, den Klang wirken, die Assoziationen kommen lassen. Genau das wollten wir und das wollen wir auch für unsere Musik.

JM: Und nochmal Wasser – „underwater“ ist so ziemlich eine der ersten Assoziationen, die mir bei eurem Showcase im Molotow in den Sinn kam, auch natürlich bedingt durch die Projektionen der Lichtgestalten, vor allem aber durch die weiten Hallräume und breiten Soundwände, die das Publikum quasi auf sehr angenehme Weise mitreissen und umfluten. Wie habt ihr zu diesem, für eine im weitesten Sinne auch als ‚Indie‘ zu verortende Band recht speziellen, eigenständigen Sound gefunden, der sich ja auch auf der EP wie ein roter Faden durch alle Songs zieht?
Bo:
Wir wählen unsere Sounds deshalb so, weil wir mit ihnen eine ganz bestimmte Stimmung erreichen wollen. Wir versuchen dem Hörer eine Klangwelt zu vermitteln in die man eintauchen kann und dafür sind vor allem Sounds mit Tiefe, Hall und Atmosphäre verantwortlich. Es sind auch die Sounds, die uns als Musiker prägen. Jeder bringt seinen Teil zur Klangwelt über sein Spiel mit ein, Jonas über noisige, bassige Gitarrenwände, Bo über weitreichende, kristalline Flächen und Magnus fängt die beiden mit seinem unglaublich exakten Spiel ein und formt alles zu einem Ganzen. Teil dieser Welt ist ausserdem der visuelle Aspekt, der von den Lichtgestalten über die Projektionen hinzu kommt und sie dadurch komplettiert.
Jonas: Da steckt also zum einen viel Denkarbeit drin, dass macht jeder für sich. Wenn wir dann im Proberaum sind, muss man nicht mehr überlegen, dann passiert viel intuitiv.

JM: Trotzdem ihr als klassische Band auf der Bühne steht, scheinen bei der Produktion im Studio auch elektronische Einflüsse durchaus eine Rolle zu spielen. Ich denke dabei speziell an die komprimierten Beats im ersten Teil von „Of All“ oder an die mächtige Bassline in „Sink Water“, die in dieser Form auch einem PostDubstep- oder NuSkoolBreaks-Track gut zu Gesicht stünde. Welche Bands/Produzenten spielen als Einfluss und Inspiration eine Rolle für Euch?
Magnus:
Ich bewundere Miike Snow für ihre Symbiose von Instrumenten mit Elektro, gerade was das Schlagzeug angeht. Das ist sehr individuell und liebevoll gemacht. Man kann klangtechnisch viel entdecken, was bei elektronischer Musik nicht selbstverständlich ist.
Bo: Ich höre extrem gerne und viel Musik mit elektronischen Einflüssen. Künstler wie Caribou oder auch die Bloody Beetroots fallen mir da zum Beispiel ein. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich mir Inspirationen für Sounds aus elektronischer Musik hole, diese dann aber versuche mit der Gitarre umzusetzen. Die elektronische Musik hat für einen komplett neuen Zugang zur Musik, dabei geht es um eine Soundvielfalt und eine Ästhetik, welche sich von handgemachter Musik völlig unterscheidet. Richtig eingesetzt können elektronische Klänge handgemachte Musik unglaublich gut ergänzen und erweitern. Das ist der wahrscheinlich der Grund, warum wir in manchen unserer Songs elektronische Elemente einsetzen.
Jonas: Ich mag es, wenn die Gitarre nicht mehr primär nach Gitarre klingt. So wie bei vielen Shoegaze Bands. Gleichzeitig mag ich aber auch einfache, ehrliche Melodien. „Nitebike“ von Deerhunter ist ein sehr schöner Song.

JM: Bei AdP Records reiht sich Eau Rouge in ein kleines, aber sehr feines Roster von Acts wie Wyoming, The Eclectic Moniker, Wrongkong, Yucca, I’m Not A Band und einigen anderen ein und supportet  im Dezember die ehemaligen Labelschützlinge I Heart Sharks auf Tour. Wie ist Euer Verhältnis zu den anderen Bands und was hat Euch – abgesehen davon, dass das ganze Labelteam um und inklusive Tess Rochholz ein wirklich entzückender, netter Haufen ist – zu Adp geführt?
Magnus: Wir hoffen auch zu den anderen Bands ein so entspanntes Verhältnis aufzubauen, wie wir es zum AdP-Team haben. Erste Chance hierfür gibts im Dezember, wo wir I Heart Sharks auf einem Teil ihrer Tour supporten! Wir hatten einfach das Gefühl, dass AdP und wir auf einer ähnlichen Frequenz funken. Wir wachsen noch und brauchen ein junges, ambitioniertes Team, das Bock hat zu „machen“.

JM: Das Jahr neigt sich dem Ende zu – was kommt in 2015 auf Eau Rouge zu? Tour? Album? Schnaps? Urlaub? Weltuntergang? Alles auf einmal?
Jonas: Wir haben viel neues Material, einiges davon spielen wir auch schon live. Diese Songs wollen wir so bald wie möglich auch rausbringen. Im Winter geht’s ins Studio und 2015 gibt es dann die neuen Platten und auch die Tour dazu.

JM: Was sollten Fans besser nicht über Euch wissen? Und warum?
Magnus: –  
Bo: – 
Jonas: – 

JM: Welche Frage sollte man Euch in Interviews besser nicht stellen?
Bo: Was hat es mit Eurem Namen auf sich? Ist irgendwie lustig, dass die Leute für alles immer als Erstes eine „Bedeutung“ brauchen um es einordnen zu können. Ein Bandname vermittelt auch ohne Bedeutung eine gewisse Stimmung, rein durch seine Schreibweise, durch seinen Klang und durch seine phonetische Zusammensetzung. Gerade Bandnamen, die für nichts „Konkretes“ stehen sind sehr interessant, weil der Ausdruck quasi über die Musik der Band mit Leben und Sinn gefüllt wird.
Magnus: „Spreche ich das richtig aus – ‚Oh – Range‘?“

JM: Vielleicht die schwerste Aufgabe zum Schluss – jeder von Euch hat sicherlich einen Lieblingssong unter den fünf Tracks der EP. Welchen und was macht genau diesen Song dazu? 
Bo: Mein absoluter Lieblingssong ist immer noch „Golden Nights“. Für mich ist dieser Song Eau Rouge. Es war der erste Song den wir zusammen gemacht haben und quasi der Anfang von allem. Ihn live zu spielen und zu sehen wie er sich auch über die Zeit von einer kleinen Melodieidee in meinem Kopf zu einem Song entwickelt hat ist einfach krass.
Jonas: „Of All“. Da ist alles drin was unseren Sound ausmacht. Er beginnt sphärisch, ist gleichzeitig beatlastg und endet brachial.
Magnus: Das variiert von Zeit zu Zeit. Zur Zeit ist meiner „Burden of Beauty“. Er läutet den Schluss unseres Sets ein und die Energie, die sich da nochmal entfaltet – das spiele ich sehr gerne…

JM: Vielen Dank für Eure Zeit – wir sehen uns hoffentlich bald in Hamburg wieder und holen dann den eigentlich im Oktober spontan angepeilten Schnaps nach.

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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