Like It Or Not – Was Haben Musiker Von Facebook
Februar 16, 2012Die Existenz des virtuellen Poesiealbums Facebook kann nicht mal der hartgesottenste Authentizitätsjunkie unter den Musikern leugnen. Natürlich gibt es immer noch Enthaltungen. Auf der anderen Seite ist es jedoch manchmal überraschend, welchen introvertierten Electronica-Act man vertreten sieht und welche in die Jahre gekommene Punkband hier für ihre Konzerte wirbt. Ob das Ganze allerdings die Mühe wert ist, wird hier kurz beleuchtet.
Musiker nutzen Facebook
Die Erstellung einer Homepage auf Facebook ist denkbar einfach. Ebenso die Erstellung einer Konzertankündigung. Einfach auf „Seite erstellen“ respektive „Event erstellen“ klicken, ein paar Basisdaten eingeben und fertig ist die Online-Präsenz. Es gibt natürlich noch viele andere Seiten, die ähnliche oder andere Möglichkeiten bieten. Aber „Facebook ist das, was aktuell ist, wie Myspace damals“, sagt Mohan Das, aka Frankie Flowerz, DJ, Produzent und Chef von Funkhaus Records.
Eine Seite ist also schnell erstellt, aber reicht das an Aufwand? „Man wird bei Facebook mit Neuigkeiten überflutet. Andere Gruppen und vor allem Spiele posten täglich so viel, dass die eigenen News soweit nach unten rutschen, dass die keiner mehr liest – man muss also eigentlich genauso viel posten, um gesehen zu werden“, sagt Stephan Ketzler, Flötist, Sänger und Facebook-Abgeordneter der Irish Folk Rock Gruppe Jack In The Green. Ganz so wenig Arbeit ist es dann also scheinbar doch nicht.
Facebook nützt Musikern
Steigert Facebook denn wirklich die Fan- und Besucherzahlen? Christian Gastl, Saxophonist in mehreren Bands und Veranstalter der Konzertreihe „Next Generation“ im Hamburger Foolsgarden, hat dazu Fakten: „Mit einem neugegründeten Avantgarde-Trio hatten wir zwei Auftritte in derselben Stadt unter gleichen Bedingungen. Das erste Konzert wurde stadtweit mit Plakaten und Emails beworben. Beim zweiten kam die Werbung auf Facebook dazu. Zum ersten Termin kamen sechs, zum zweiten knapp siebzig Zuhörer.“ Es lohnt sich offensichtlich, den Aufwand zu betreiben.
Wie ist das mit der Verbindlichkeit?
Darüber, wie verbindlich Interessebekundungen über Facebook sind, gibt es unterschiedliche Meinungen. „Höchstens 20% der angekündigten Besucher kommen auch wirklich“, sagt Stephan Ketzler. „Meistens kommen mindestens 85%“, sagt Christian Gastl. Kann man über andere Wege verbindlichere Zusagen bekommen? Mohan Das lacht: "Nein, nur ein Platz auf der Gästeliste sorgt für Verbindlichkeit." Während man also seinen Zulauf durchaus steigern kann, sollte man nicht davon ausgehen, dass man eine sichere Planungsgrundlage hat, sonst kann man sich leicht verkalkulieren.
Werbung mit Inhalt
Wer sein Werbematerial gut zusammengestellt hat und in regelmäßigen Abständen postet, kann damit nicht nur die Aufmerksamkeit der Zielgruppe gewinnen, sondern erhöht auch den Informationsgehalt. Wenn das Interesse erfolgreich geweckt wurde, muss auch erkennbar sein, wofür es geweckt wurde. „Manche Leute wollen nicht verstehen, warum sie vor einem leeren Laden stehen, obwohl sie doch ein Facebook-Event erstellt haben. Mich wundert das nicht, wenn sie nicht mal ein Titelbild und nur eine kurze Beschreibung dazugeben“, gibt Christian Gastl zu bedenken. Erfolgreich Werben ist kein Selbstzweck. Es geht schlussendlich um ein Produkt, in diesem Falle ein geistiges: die Musik. Fotos, Videos, Audioaufnahmen, all das ist nicht nur hier mehr, als Mittel zum Zweck. Es ist viel näher an dem, worum es eigentlich geht. In diesem Kontext versteht man auch Tuomas Huotari, Musiker und Macher des Labels Saturate Records, der die Musik selbst als wichtiger erachtet, als die Plattform, auf der diese präsentiert wird, so dass er sogar die zunehmende Konkurrenz nicht fürchtet: „Ich denke, auch hier setzt sich Qualität langfristig durch.“ Das kann man nur hoffen.
Werbung ohne Kosten
Egal, ob die Seite ein Abonnement auf die Ewigkeit hat, oder zeitnah von einer anderen Seite abgelöst wird: wer seine Musik nicht auf Facebook verbreitet, gibt eine großartige Möglichkeit auf, Menschen zu erreichen. Und das auch noch kostenlos. Es gibt zwar kostenpflichtige Werbung bei Facebook, aber die benutzt keiner der Befragten. Warum auch, wenn's sich trotzdem lohnt.
Fazit
Es zeigt sich, dass, was sich in der Offline-Welt in Sachen Promotion als unerlässlich darstellt, auch online nach keinem großartig anderem Prinzip funktioniert. Und das lautet: Tun, Machen, Aktiv sein. Alles andere ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zum sich Zurücklehnen und auf den großen Durchbruch warten ist auch hier kein Verlass. Wer aber probt, spielt und dokumentiert, der kann hier Musiker und Agentur in Personalunion sein. Und dass gerade Facebook dazu beiträgt, dass sich seine Benutzer persönlich an Veranstaltungen treffen, darf man wohl als erfreulich paradox bezeichnen.
photo: dry martini
