„Man Will Auch Keine Lokale Band Sein“ – The Boys You Know im Interview

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Mit Kurt Cobain haben The Boys You Know zunächst einmal nichts zu tun. Also nicht per se. Zählt man aber eins und eins – sein 20. Todestag und ihr zweites Album – zusammen, ergibt sich geradezu Erstaunliches: Eine junge österreichische Band macht mit ihrem Album „Purple Lips“ blaupausenmäßig genau die Art von Musik, deren Gesicht Kurt Cobain war. Und ist. Ob er wollte oder nicht. Dass der Dame am Bass und den anderen dreien diese Vergleiche manchmal gehörig auf den Senkel gehen, ist nachvollziehbar. Aber kein Grund, nicht trotzdem nachzufragen. Was sie dazu, über japanische Fans und geheimnisvolle Inspirationen für einige ihrer Songs sagen, lest Ihr hier:  

JOINMUSIC: Ihr alle seid zwischen 1988 und 1992 geboren. Deswegen muss ich Euch das fragen: Eure Musik erinnert mich an eine Periode, die keiner von Euch so aktiv mitbekommen haben kann. Wie kommt Ihr dennoch zum Grunge?
Sophie: Gegenfrage: wie kommen denn andere zu  Musik, die sie nicht erlebt haben?
Mathias: Und es soll ja auch großartige Blues-Musiker geben, die Robert Johnson nicht live erlebt haben… 
Tom: Ganz zu schweigen von den Dirigenten, die Opern dirigieren, deren Ursprung Hunderte und mehr Jahre zurückliegt… Na, drei von uns haben zum Beispiel ältere Geschwister. Das könnte etwas damit zu tun haben. Und dann glaube ich auch, dass der Schlüssel im Freundeskreis liegt, mit dem man sich umgibt: Was auch immer die Kids in der Schule hören, die man für die Coolsten hält.
Sophie: Na, das war bei mir gar nicht so. Bei mir war’s mein Ex-Freund. Und der stand auf die Smashing Pumpkins. Die sind übrigens sowieso DIE Schlüsselband.
Mathias: Und dann ist es ja auch so, dass die Bands, die uns gerne und oft als Vorbild nachgesagt werden, klassisch, um nicht zu sagen, zeitlos, aufgebaut sind: Zwei Gitarren, Gesang, Bass und Schlagzeug. Und dieses Set-Up gibt es seit es Verstärker gibt.
Tom: Ich hab die Pixies vor ein paar Wochen gesehen – vor 12.000 Zuschauern – die halten sich ganz gut. Was die machen, geht immer.

JM: Wie habt Ihr euch eigentlich kennengelernt? – Ihr seid nicht alle Wiener Sängerknaben, oder? Du, Sophie, ja sowieso nicht …
Mathias: Wir haben da irgendwie nicht so aufregende Stories. Es gab ein Band-Portal im Netz, und Tom hat da eine Aussendung (österr. für Anzeige schalten) gemacht, auf die Benni und ich geantwortet haben. Sophie und Tom kannten sich schon, und dann haben wir uns irgendwann zur Probe getroffen.
Tom: Langweilige Geschichte, oder? Wir haben auch lange überlegt, ob wir die überhaupt so erzählen sollen – aber uns ist dann nichts Besseres eingefallen.

JM: Kann ja noch kommen …
Tom:
Wer weiß… Also ganz am Anfang war es halt so, dass ich so ungefähr wusste, was es sein soll, und welche Besetzung und welche Musik. Und dann sind die gekommen und haben die Pläne über’n Haufen geworfen. Aber: Wir harmonieren sehr gut.

JM: Wie waren denn Deine ursprünglichen Vorstellungen?
Tom: Im Endeffekt gar nicht so anders als das, was es jetzt ist. Aber eben über Umwege. Am Anfang, finde ich, haben wir ganz wenig oder gar nicht nach uns geklungen.
Mathias: Der Umweg war eigentlich das erste Album.
Sophie: Die so genannte Selbstfindungsphase, denk ich mir immer.
Tom: Aber das ist ja auch ganz natürlich. Wenn man sich noch nicht so gut kennt, dann weiß man eben auch nicht, wie man eine Idee formulieren muss, damit alle wissen, was gemeint ist oder wie solche Ideen auch gegenseitig gedeutet werden können. Das hat sich alles erst einspielen müssen. Aber mittlerweile klappt das ganz gut.

JM: Es ist aber dennoch irgendwie unüblich, sich erst im Proberaum kennenzulernen, oder? Wie hat sich das erste gemeinsame Bier angefühlt?
Sophie: Was denn für ein Bier?
Benjamin: Na, wir drei waren eins trinken. Und das war gut. Dieser Irish Pub, oder was das war.
Tom: Ja, das war cool. Wir haben aber eben auch gegamblet. Das alles hätte ja auch total schiefgehen können. Vor allem diese Zusammenfindungsphase. Da stand die Frage im Vordergrund: Können wir zusammen in einem Hotelzimmer oder in einem Tourbus überleben. Und erst dann haben wir geschaut: Oh, der kann ja auch noch trommeln oder eben Gitarre spielen. Was für unser Vorhaben – eine Band zu gründen – auch nicht ganz unpraktisch war. Aber das hat zum Glück alles ganz gut geklappt. Wir haben uns noch nicht gravierend in die Haare gekriegt.

JM: Du, Mathias, als Musikwissenschaftsstudent, und Du Tom als Ex-Sängerknabe, verfügt ja über einen Grundstock an theoretischer Vorbildung …
Tom: .. die uns bei dem was wir machen, aber nicht wirklich weiterhilft.

JM: Nein? So gar nicht?
Tom: Ok, das war vielleicht etwas leichtfertig ausgedrückt: Nach acht Jahren Musikausbildung hinzugehen und zu sagen, a geh, eigentlich braucht man das gar nicht. Weil sie einen natürlich beeinflussst und verändert. Nur glaube ich zu spüren, dass ich allein dieser Vorbildung wegen, keinen besonderen Vorteil daraus ziehen kann. Und Du, Mathias, hast ja auch erst mit dem Studium angefangen.
Mathias: Naja, aber da gab’s ja auch noch die Musikschule und so.
Tom: Siehste – wir kennen uns noch gar nicht so gut … 
Mathias: Aber was Tom sagt, stimmt. Wir setzen uns ja auch nicht hin und sagen, wir fangen jetzt mal mit G-Moll an und modulieren dann nach Fis hinauf. Irgendwie bringt jeder seine Ideen ein ..
Tom: ..und wenn die zu kurz sind, dann tun wir halt zwei zusammen und haben dann eine 3 Minuten 3o Nummer.
Mathias: Also nur, weil wir ein wenig theoretische Vorbildung haben, sind wir noch lange nicht King Crimson, Yes oder irgendwie so Tüftler!

JM: Ihr vertraut also beim Songwriting eher auf Bauch und Ohren als auf die Kenntnis des Quintenzirkels. Sehr schön. Tom, wie ein Wiener Sängerknabe hörst Du Dich aber trotzdem nicht an.
Tom: Vielen Dank.

JM: Keine Lust mehr auf Belcanto?
Tom: Naja, das sind zwei paar Schuhe. Klassische Musik hat nach wie vor so etwas Elitäres und das soll immer alles so au point klingen. Mit Charakter zwar, aber entsprechend geformt. Während die Rockmusik, die wir machen, einem etwas ganz anderes abverlangt. Nämlich vor allem Persönlichkeit, Charakter, Ecken und Kanten. Und zwar möglichst wahrhaftig. Das fällt mir auch leichter, als klassisch zu singen. Was ich wahrscheinlich eh nie konnte.

JM: Ist das Theme Klassik damit für dich durch?
Tom: Schaffenstechnisch?

JM: Auch. Aber gehst Du zum Beispiel noch in klassisch Konzerte?
Tom: Auch. Das Problem ist: Da kommt halt wenig Neues raus. Und meinen Bach kenn‘ ich. Und diese Popklassik, so Geiger plus Beat, das ist nicht meins. Ich mags eher klassisch klassisch.

JM: Seid Ihr überhaupt Konzertgänger?
Sophie:
Nicht mehr so arg, aber grundsätzlich schon. Es kommt drauf an: Wenn ich die Band unbedingt sehen will und noch nie gesehen hab, dann geh ich hin. Und wenn ich den Sänger super find, gehe ich hin. Und sonst – gehe ich höchstwahrscheinlich nicht hin.
Tom:  Bei mir sind Konzerte auch immer so Sachen, wo man Tickets kauft und am Tag des Konzertes dann sagt – ach …
Sophie: Ganz genau.
Tom: Und dann schreibt man auf Facebook – will die jemand haben? Bitte bei mir zuhaus abholen.

JM: Beim Hörvergleich zwischen Eurem Debüt und „Purple Lips“ ist mir aufgefallen, dass Euer neues Machwerk roher, dreckiger und(vielleicht sogar mit Absicht) weniger produziert klingt. Ich halte das besonders angesichts der Tatsache, dass es Euer zweites Album ist, für einen bemerkenswert mutigen Schritt. Sehr ihr das auch so? War das eine bewusste Entscheidung?
Mathias: Schwer zu sagen. Nummer wie „Low“ hätten wir uns auf unserem ersten Album, glaube ich, gar nicht getraut.
Sophie: Ich glaub, was wirklich richtungsweisend war: Wie wir zum ersten Mal „The Cult“ gejammt haben. Da wussten wir auf einmal: Das wird rauer. Und weil uns das gefallen hat, haben wir von dort an einfach weiter in diese Richtung gearbeitet.
Mathias: Ich glaube auch, dass das Open-D Tuning der Gitarren dazu beigetragen hat. Wir haben unsere Instrumente einfach anders gestimmt.

JM: Apropos anders – Warum steht „Loosing You“ vom aktuellen Album so raus?
Mathias: Ich unterstelle einfach den Wiener Liedeinfluss.
Tom: Ja.
Mathias: Dreivierteltakt und so.
Tom: Aber das hat Amy Winehouse auch gemacht …
Mathias: Jaja, aber wir kommen aus Wien!
Sophie: Auf jeden Fall ist „Loosing You“ im Schreibeprozess erst ganz, ganz spät entstanden. Erst zwei, drei Tage bevor wir zu den den Aufnahmen ins Studio sind. Und es hat uns einfach so gut gefallen, dass wir’s mit drauf genommen haben.
Tom: Auch auf dem ersten Album hatten wir so einen Rausschmeißer als letzte Nummer. Man muss sich das so vorstellen: Man ist im Club, es ist 4 Uhr Dreißig und die Polizei kommt rein und die drehen das Licht auf. Und dann spielt der DJ immer noch eine Nummer, die den Leuten vermiesen soll, dass sie da jetzt noch stehen. Und das ist auf „Purple Lips“ eben „Loosing You“. Großes Augenzwinkern eben.

JM: Wer ist Omar (Songtitel auf „Purple Lips“)?
Tom:
Das ist ein Geheimnis. Omar ist ein Code. Und das muss auch so bleiben, weil die Person noch lebt.

JM: ??
Tom: Also, wenn Du das „R“ weglässt, dann …

JM: Gut – soviel zu den Familiengeschichten. Was anderes: Warum singt Ihr auf Englisch?
Tom: Für diese Frage habe ich immer einen ganz schnulzigen Satz parat: Weil die englische Sprache die ist, in der ich denke und träume. Das ist aber auch wirklich die einzige Antwort, die ich darauf geben kann. Abgesehen davon, das Englisch eine Sprache ist, die nun mal gut klingt. Und die mir eben auch besser gefällt als Deutsch; also rein phonetisch betrachtet. Die Helden des Genres singen Englisch. Und: Man will auch keine lokale Band sein. Warum sich selber auf diese Weise disqualifizieren oder limitieren? Indem man von vornherein sagt: „Das kann über den deutschsprachigen Raum leider nicht hinausgehen“? Es kann ja auch sein, das es den deutschsprachigen Raum überhaupt nicht interessiert, aber dafür eine Menge Leute in Seoul die Platte hören wollen.

JM: Danke für die Überleitung – wie kam das mit Japan?
Mathias: Die haben uns gemailt.

JM: Wie – einfach so?
Tom: Ja. Am Anfang hielten wir das für einen Scherz. Da kam eine Mail in gebrochenem Englisch. Nach dem Motto: Yes, we would like to release your record in Tokyo. Und Du musst nur die Anschubfinanzierung leisten und 20.000 Euro zahlen. Wir haben das dann mit Label und Promo besprochen und die haben gesagt: Pff, die wollen nur Geld von Euch, die wollen Euch abzocken. Und erst dann kam mal jemand auf die Idee, auf deren Website zu gehen. Und zu gucken, wen haben die denn da so im Roster stehen. Und das hat uns dann geschmeichelt. Und dann kam die CD in Japan raus. Und dann brach irgendwie der Kontakt ab. Mal schauen, was daraus wird. Wenn überhaupt. Es war auf jeden Fall lustig und: Hierzulande können wir das natürlich auch als Trumpf ausspielen. Weil das etwas ist, worüber Medien berichten, worüber man redet: Die haben in Japan releast und sind dort Label-Kollegen von dem und dem.

JM: Wart ihr schon dort?
Tom: Nein: wir haben drüber gesprochen, aber es hat sich wegen des finanziellen Aufwandes zerschlagen. Die haben nämlich nicht gesagt: Wir wollen die Reisekosten bitte unbedingt bezahlen. Vorerst jedenfalls.

JM: Ah – der Mammon. Wie steht ihr zu Spotify und Co?
Tom:
Ich bin da der Oberkommunist: Ich würd alles herschenken. Aber ich verstehe natürlich auch, dass es so nicht geht.

JM: Ich ruf gleich bei Wohnzimmer Records an…
Tom: Genau das aber ist’s, worum es geht. Ich finde, wir sollten uns allein auf’s Musikmachen konzentrieren. Und für das Kaufmännische, da gibt’s irgendwie Leute.
Sophie: Ich glaube auch, dass, wenn man nicht Radiohead oder so heißt, schneidet man sich mit einem Boykott nur ins eigene Fleisch. Wie müssen unsere Reichweite eben auch erhöhen.
Tom: Es ist ja auch nicht so, dass sich die Leute gerade darum reißen, uns zu hören. Da sollten wir über jeden einzelnen Hörer mehr froh sein.

JM: Danke für das Interview.

Foto: Dominique Hammer

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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