„Songwriting ist wie ins Fitness-Studio gehen“ – Martin Gallop im Interview

Martin Gallop

Martin Gallop, kanadischer Wahldeutscher mit Wohnsitz in Berlin, ist ein echtes Wunderkind. Wenn auch ein ziemlich erwachsenes. Jedenfalls kommt es nicht allzu häufig vor, dass die Veröffentlichung des Debüt-Albums in die mittlere Lebenshälfte fällt – wie bei Gallop und seinem Erstling „How Much Is The World“ geschehen. Ein weiteres Album  – „Strange Place Called Home“ – und gute 10 Jahre später holt Gallop mit „Most Beautiful Song“ zum dritten Streich auf Albumlänge aus. Ein feines, leises, aber umso selbstsicherer vorgetragenes musikalisches Statement, mit dem Gallop sich auf die Suche nach musikalischen Wurzeln begibt; seinen eigenen und denen seiner Vorbilder. Im Gespräch mit JOINMUSIC berichtet Gallop vom Entstehungsprozess des neuen Albums, warum ihn sein Schlagzeuger Arschloch nannte und wann das erste Album auf Deutsch erscheint.    

JOINMUSIC: Martin – obwohl Du mit allen künstlerischen Wassern gewaschen bist – eigene Alben hast Du erst zwei veröffentlicht. War „Most Beautiful Song“ anders als die anderen beiden? 

Martin Gallop: „Na sicher hat sich das anders angefühlt. „How Much Is The World„, mein erstes Solo-Album, war ja ziemlich gradliniger Pop-Rock. und auf „Strange Place Called Home“ habe mich dann auf meine ganz frühen Folk-Wurzeln besonnen, zu denen auch ein gewisses psychadelisches Element gehörte. Auf meinem dritten Album, „Most Beautiful Song“, gehe ich den Weg, auf dem ich schon bei „Strange Place Called Home“ unterwegs war, konsequent weiter. Besonders hat mich dabei interessiert, ob ich diesen Ansatz – alles zu vereinfachen, den Sound von noch mehr klingendem Ballast befreien – noch weiter treiben kann. Um am Ende einen kargen, fast nackten Sound zu erhalten, bei dem nichts mehr weggelassen werden kann. Rückblickend kann ich sagen, dass diese Methodik bei vielen Songs auf dem aktuellen Album gewirkt hat. Bei einigen wenigen allerdings habe ich mich wohl ablenken lassen – die wurden dann doch recht opulent und aufwändig.“

JOINMUSIC: Wie darf man sich das Songwriting bei Dir vorstellen? Muss die Muse Dich küssen – so wie im Titeltrack „Most Beautiful Song“ beschrieben oder sitzt Du wie Thomas Mann jeden Tag am Schreibtisch und zwingst Dich zur Kreativität?

Martin Gallop: „Wie es immer ist: Mal so und mal so. Einige der Songs waren auf einmal da, wie eine nicht angekündigte Reisegruppe standen sie plötzlich vor der Tür. Für andere wiederum habe ich eine halbe Ewigkeit gebraucht. In der Tat finden sich auf „Most Beautiful Song“ einige Stücke, an denen ich schon seit Jahren herumdoktere. „Stuck On You“ ist zum Beispiel die Bearbeitung eines Songs vom allerersten Album. Es gehört zu den Stücken, mit denen ich schon länger schwanger gehe. Eine gehörige Portion der Songs auf dem Album ist im Jahr 2010 entstanden, als ich mit den Vorbereitung für die Aufnahmen begonnen hatte. Das mit dem Schreiben ist bei mir wie mit Fitness-Studio-Besuchen: mache ich es nicht jeden Tag, werde ich bequem, komme aus dem Rhythmus und aus der Übung. Das Schreiben bedarf einer gewissen Disziplin. Gerade wenn es darum geht, einen Song fertig zu schreiben. Wenn ich aber im Fluss bin und mich Tag für Tag zum Schreiben nötige, dann bin ich in entsprechender Form, wenn diese eine Idee plötzlich im Raum steht. Es braucht also beides – den Musen-Kuss und die Verfassung, damit umgehen, ihn verwerten zu können. Wegen der ganzen Arbeit rund um die Fertigstellung des Albums, ist es allerdings schon eine ganze Weile her, dass ich so richtig im Schreib-Modus drin war. Da will ich aber unbedingt wieder hin. Denn obwohl das Songwriting tatsächlich harte Arbeit ist, kann ich mir kaum eine befriedigender vorstellen.“

JOINMUSIC: Wie werden aus Deinen Song-Ideen fertige Werke? 

Martin Gallop: „Ganz klar – Trial & Error. Ich verbringe viel Zeit allein im Studio, probiere Ideen aus, tüftele an Arrangements undsoweiter. Und dann gibt es da noch meinen guten Freund Jonathan Heine, mit dem ich tage- und wochenlang an Gitarrenteilen und instrumentalen Klangfarben experimentiert habe. Und wenn wir dann etwas hatten, was wir mit den anderen teilen wollten, oder wozu wir sie einfach brauchten, sind die anderen beteiligten Musiker einfach für einen Tag oder so ins Studio gekommen. Ohne ihre unglaubliche Geduld für diesen zeitaufreibenden Prozess wäre das Album vermutlich auch gar nicht zustande gekommen. Eigentlich aber lief es ab da bei den meisten Songs immer ähnlich ab: Nachdem die Idee ausgearbeitet war, haben wir sie mit mir am Mikrofon und der Gitarre aufgenommen und alles weitere dann drum herum gebaut. So funktioniert es für mich am besten. Aber auch das musste ich lernen. Früher habe ich auch gern zuerst die Band und mich zum Schluss aufgenommen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich die Richtung, in die ich mit einem Song will, besser im Griff habe, genauer bestimmen kann, wenn ich mit mir anfange.“

Martin Gallop

JOINMUSIC: Auffällig ist, dass „Annabelle“ der mit Abstand längste Song auf dem Album ist, fast doppelt so lang, wie der Rest – warum?

Martin Gallop: „“Annabelle“ ist nicht nur der längste Song auf dem Album. Es ist auch der Song, für den wir bei der Aufnahme am längsten gebraucht haben. Er ist eigentlich meiner Favoriten, aber immer, wenn wir ihn aufnehmen wollten, ging etwas schief: mal passte mir meine Stimme nicht, mal klang es zu kompliziert – irgendwas war immer. Jedenfalls habe ich mich wegen dieses Songs einigermaßen gegrämt. Und wollte ihn schon fast wieder vom Tracklisting nehmen; aber mein Freund Tim Neuhaus, der auf der finalen Version einen wunderschönen Schlagzeug-Part eingespielt hat, sagte, ich wäre ein Arschloch, denn das sei sein Lieblings-Song. Er zwang mich, es noch ein letztes Mal zu probieren und riet mir, keinen Deut von der Version abzuweichen, die ich ihm vor ein paar Monaten vorgespielt hatte. Er war sich seiner Sache ziemlich sicher und für mich als den zweifelnden Künstler eine riesige Hilfe. Genau genommen ist „Annabelle“ auch nur ungefähr drei Minuten lang, aber irgendwann sagte Jonathan: „Was soll’s – die Atmosphäre, die der Song atmet, ist super-angenehm – warum also diese nicht ausreizen und ein wenig in ihr baden?“ Am Ende haben wir uns beim Improvisieren einfach verloren und aus einer Minute wurden drei, vier. Ich bin immer davon ausgegangen, dass wir das auf der Platte mit einem Fade-out auf die rechte Länge bekommen. Aber als dann auch das Label gesagt hat, dass das gut ist und wir es drin lassen sollten, haben wir es gemacht. Und jetzt bin ich froh darüber. Es ist ja auch ein willkommene Abwechslung, wenn nicht ständig jemand singt, sondern man einfach die Musik erzählen lässt.  

JOINMUSIC: „Annabelle“ ist auch der einzige Song mit starken Bezügen zu Berlin („boats cruise up and down the spree“) – warum war es Dir wichtig, die geographische Referenz so prominent zu platzieren?

Martin Gallop: „Ich dachte eigentlich nur, dass es gut klingt. Ein wenig wie all diese Orte in Amerika, die ihre ikonische Symbolkraft den Songs und Filmen zu verdanken haben, in denen sie verewigt wurden. Ich wollte einen konkreten Ort romantisieren, indem ich ihn in einer fiktiven Romanze erwähnen. Man kennt das auch aus Filmen: konkrete Fakten oder historische Charaktere in einem ansonsten fiktiven Kontext zu verwenden, verleiht diesem Kontext einen realen Anschein und verhilft ihm auf diese Weise zu einem universelleren Anspruch.“

JOINMUSIC: Ich halte „Thinking Big“ für den gelungensten Song auf dem Album – for whom are you thinking big now?

Martin Gallop: „Freut mich, dass Du den gut findest. Ursprünglich hatte ich den Song für Lena Meyer-Landrut geschrieben, in der Hoffnung sie würde ihn singen wollen – wollte sie dann aber doch nicht. Also habe ich mich entschieden, es selber auszuprobieren, mein eigener Interpret zu sein. Ich finde es übrigens oft einfacher, einen Song zu schreiben, für den man bereits einen anderen Sänger bzw. Interpreten im Kopf hat. Es hilft dabei, eventuelle Zweifel und Eitelkeiten hintan zu stellen und Dich bestimmte Dinge klarer, realistischer sehen zu lassen – nun ja, es ist immerhin eine Theorie.“

JOINMUSIC: Apropos: andere Interpreten. Tony Joe White und Ray LaMontagne sind zwei Namen, die einem sofort durch den Kopf gehen, wenn man versucht, Dich und Deine Musik in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Welchen Musikern fühlst Du Dich verbunden?

Martin Gallop: „Naja – als intimer Kenner ihrer Arbeit würde ich mich nun nicht gerade bezeichnen. Zu dem Vergleich kann ich deshalb nicht wirklich etwas sagen. Aber natürlich habe auch ich eine Reihe von Vorbildern und Helden, deren Fußspuren ich über die Jahre mal mehr und mal weniger gefolgt bin. Joni Mitchell ist eine davon, aber in ihre Fußstapfen treten zu wollen, ist wie ein Himmelfahrtskommando; so einzigartig ist sie. Als Teenager und Twenty-irgendwas war sie eine meiner größten Inspirationen. Davor wollte ich sein wie James Taylor. Traurig, süß, grüblerisch. Und gut aussehend natürlich. Als mein Haupthaar mich dann verließ, wandte ich mich Joni Mitchell zu. Außerdem war ich als Kind verrückt nach den Beatles, ganz besonders John Lennon. Als Solo-Künstler steht er noch heute ganz oben auf meiner Liste. Viel Später entdeckte ich, was für ein großartige Songwriter Randy Newman ist. Und in letzter Zeit setze ich mich vermehrt mit älterer Musik auseinander, wie zum Beispiel den Sachen von Hank Williams. Aber auch die Goldenen Zeiten der Broadway-Revuen mit Komponisten wie Johnny Mercer haben es mir angetan.“

JOINMUSIC: Hörst Du privat Musik? 

Martin Gallop: „Ich muss zugeben, dass ich nicht wirklich viel höre. Eigentlich sollte ich, aber dann bin ich meistens überwältigt von dem riesigen Angebot und weiß gar nicht, wo ich überhaupt anfangen soll. Es kommt auch nicht selten vor, dass ich nach einem langen Tag im Studio einfach erschöpft und müde bin, und mich über Stille freue. Am liebsten mag ich Musik, wenn sie live ist. Ich liebe es, meine Freundin am Klavier oder mit Gitarre singen zu hören. Oder ein Konzert in einem schönen Konzert-Saal zu besuchen. Ich sollte aber wirklich mehr Musik hören, am besten auf den guten alten  Schallplatten. Das erinnert mich daran, dass ich mich in Sachen Vinyl-Edition von „Most Beautiful Song“ noch mal mit meinem Label auseinandersetzen sollte …

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JOINMUSIC: Wo Du gerade das Album erwähnst – Kannst Du das Motiv auf dem Cover erklären? 

Martin Gallop: „Meine alter Freund und Fotograf Michael Jungblut hat immer Spaß daran, mich in unbequeme Positionen zu zwingen.  Er ist eigentlich ein Sadist – wie jeder gute Freund wahrscheinlich. Ich musste auf dem Boden liegen und versuchen so zu tun, als würde ich gerade abheben.  Wir haben beide sehr gelacht, als wir das Foto sahen. Nach längerem Hinschauen fanden wir dadrin einiges, was wir meinten in der Platte auch zu empfinden. Schwarz-weiße Tristesse, gepaart mit einem gewissen Witz. Ich stelle mir auch gerne vor, dass die Hand vom Fotografen, die zu sehen ist, mir gerade the most beautiful song reicht.“

JOINMUSIC: Gibt es künstlerische Projekte, von deren Verwirklichung Du träumst: Großes Orchester, bestimmte Musiker, Film-Musik für einen Blockbuster?

Martin Gallop: „Ein paar Ideen habe ich schon. Wie gern würde ich zum Beispiel ein Album auf Deutsch machen. Oder eine richtige Country-Platte, mit Songs, die noch simpler sind als auf der aktuellen. Ich würde nach Nashville reisen und dort mit den alten Granden aufnehmen. Manchmal träume ich aber auch davon, eine richtig poppige, vielleicht sogar soulige Scheibe zu machen, mit all den Sachen, die so gar nicht zu meinem Image als Country-Weißbrot passen wollen. Und was den Blockbuster-Soundtrack angeht – für meine Pensionskasse wäre das schon ideal.“

JOINMUSIC:  Je daran gedacht, nach Kanada zurück zu gehen?

Martin Gallop: „Selbstverständlich. Aber zur Zeit sind alle meine Kollegen und Kontakte hier in Deutschland und ich bin immer noch dabei, mich als professioneller Musiker zu etablieren. In Kanada kenne ich eigentlich kaum jemanden und müsste wieder ganz von vorn anfangen. Außerdem genieße ich es, in Deutschland zu leben, speziell in Berlin. Ich bin jetzt länger in Deutschland als ich je in Kanada war – und bin mir gar nicht mehr sicher, wo meine Zuhause eigentlich ist.“

JOINMUSIC: Danke für das Gespräch.

Most Beautiful Song“ erscheint am 4. Oktober 2013 auf ferryhouse productions. 

Fotos: Michael Jungblut

 

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