„Das Akzeptieren des eigenen Scheiterns“ – MC Rene im Interview

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MC Rene? Der war doch schon damals… …genau. Vor über 20 Jahren war er einer der Begründer dessen, was heute als Deutscher Hip Hop für ganz selbstverständlich gehalten wird. Dann geriet der Pionier irgendwie unter die Räder des Rap-Zugs. Endstation Callcenter, „5,60 die Stunde“. Die „Rene-ssance“ allerdings war nur eine Frage der Zeit. Nachdem er um 2009 alles auf die Bahncard 100 gesetzt hatte, um als postmoderne Nomade zu sich selbst zu finden, und mit den K*Rings vom Peripherique Label sowohl geschäftlich als auch auf der freundschaftlich-kreativen Ebene Partner auf Augenhöhe gefunden hatte, war Rap auf einmal wieder eine Option. Zusammen mit dem Berliner Boom-Bap-Babo Figub Brazlevic nahm MC Rene in Marrakesch das Album „Khazraje“ auf. Dreimal dürft Ihr raten, worum es im Interview ging.

JOINMUSIC: Wie kam es denn zur Zusammenarbeit mit Figub Brazlevic?
MC RENE: Wir kennen uns schon seit einigen Jahren und haben dementsprechend immer mal wieder ein paar Tracks rausgebracht. Anfang des Jahres 2016, als ich überlegte zu meinem 40. eine große Jam zu veranstalten und mich selber mit einem neuen Album zu beschenken, hat er mir vorgeschlagen, zusammen irgendwo hinzureisen und dort das Album produzieren. Dann haben wir uns in Marokko getroffen und die Platte gemacht.

JM: So einfach war das… Damit war aber früh klar, worauf Du Dich soundmäßig einstellst, oder?
RENE: Naja – ich weiß ja, was für einen Sound er macht, und ich will diesen Sound und ich stehe auf seine Handschrift. Außerdem hat er das Ding ja nicht nur für sich, sondern auch für MC Rene produziert. Da hat er definitiv Dinger gemacht, die er bei seinen sonstigen Produktionen anders regelt. Auf der anderen Seite wusste ich: Boah, ich krieg’ jetzt hier richtig amtlich fette Beats.

JM: Das heißt, Dir war sowie recht, dass das alles eher boom-bap-ig als trapp-ig werden würde?
RENE: Ja, klar. Ich mag diesen Sound halt auch, da komm ich her. Der passt zu mir und ich identifizier’ mich damit. Und wir haben ja nicht nur einfach Beats von damals genommen, sondern den Sound von früher für das Hier und Jetzt gemacht. Ist ja schon eine moderne Produktion. Was mich persönlich sehr glücklich macht, weil ich die Musikalität, die für mich im Hip Hop immer wichtig war, damit weiterführen konnte.

JM: Wenn ich das richtig verstehe, habt Ihr vor Ort in Marokko dann auch wirklich alles from scratch gemacht.
RENE: Ja. Da war nix vorgefertigt. Beats und Texte sind komplett vor Ort entstanden. Wir haben komplett von Null angefangen. Ich wollte erst was mitnehmen, habe dann aber eingesehen, in Marokko gibt’s genug Inspiration. Alles in allem haben wir für das Album dann 2 Wochen gebraucht.

JM: In „Nehmerqualitäten“ rapst Du: „Von Musik zu leben ist das Beste“ – ist das wirklich so?
RENE: Ja. Ich kenn ja auch die andere Seite. So um 2008 rum, da habe ich im Callcenter gearbeitet, weil ich meine Miete nicht zahlen konnte. Die Struktur, die dir so ein Day-Job gibt, die war am Anfang schön; auch die Sicherheit, dass da am Ende des Monats Geld reinkommt. Aber nach einiger Zeit war das keine Option mehr für mich. Und da habe ich dann den Ausbruch gewagt. Alles auf eine Karte: Die Bahncard 100, ohne festen Wohnsitz durch Deutschland gereist und dann wieder zurück zur Musik gekommen. Und jetzt lebe ich wieder seit einigen Jahren komplett davon und weiß das natürlich dementsprechend anders zu schätzen.

JM: Ich frag das deshalb, weil mir immer häufiger Leute begegnen, die in einer vergleichbaren Situation waren, sich aber für die Struktur und Sicherheit entschieden haben und jetzt sagen, das sei das Beste, was sie jemals entschieden hätten: Nicht von der Musik leben und überleben zu müssen.
RENE: Naja – ich habe um mich herum Strukturen aufgebaut. Ich mache ein Soundsystem, bei dem ich die Musik auflege, auf die ich Bock habe – da kommt was rein. Durch die Auftritte und die paar Verkäufe kommt was rein. Ich habe also quasi mehrere Standbeine in der Musik, von wo was kommt. Dann mach ich auch noch Projekte mit der GIZ, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit – mit der war ich jetzt gerade in Jerusalem. Und von all den verschiedenen Baustellen, die alle irgendwo was mit Kunst und Musik zu tun haben, generiere ich praktisch mein Einkommen. Von daher gibt’s für mich nichts Besseres, als von dem, was mir am meisten Spaß macht, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Besser jedenfalls als etwas zu machen, nur um Geld zu verdienen; was man aber manchmal machen muss, wenn’s anders nicht klappt.

JM: „Khazraje“ ist inhaltlich geprägt von Rückblicken und bestimmten Einsichten, kurz einem Reifeprozess, den Du durchlaufen hast und davon irgendwie Zeugnis ablegst. In „Win Win“ allerdings rapst Du „Ich rede nicht von besseren Zeiten“. Waren es denn keine?
RENE: Sowohl als auch. „Ich rede nicht von besseren Zeiten“, weil die Zeit, in der ich in der Vergangenheit war, ist die Vergangenheit. Ich rede von der Zeit, die jetzt ist. Von der Gegenwart. Klar ist das Album geprägt von Reflexion. Aber nicht nur. Es geht auch um den Ist-Zustand. „Ich rede nicht von besseren Zeiten“, weil die eh nur im Kopf existieren. Auch früher oder damals war das Leben nicht immer nur top, da gab es auch schon immer Auf und Ab. Es gab und gibt immer solche und solche Zeiten. Mittlerweile habe ich da aber so meine Mitte gefunden, ein erstrebenswerter Zustand. So was wie einen funktionierenden Freundeskreis zu haben, Beruf und Berufung unter einen Hut zu kriegen. „Erfolg ist relativ, Zufriedenheit vor Profit“ (aus „Nehmerqualitäten“).

JM: „Wunderbare Jahre“ ist also durchaus zwiespältig…
RENE: Absolut, absolut. Der erste Vers hat so ein bisschen was Positives, obwohl die ein oder andere Erkenntnis schon mit einfließt. Der zweite Vers ist eigentlich auch wie der erste nur, dass ich bestimmte Reime umdrehe („Lachend In Die Kettensäge rennen“) und dann wird schon klarer, warum es „Wunderbare Jahre unter dem Radar“ waren. Das ist halt meine Zeit in Berlin. Ich habe viel Party gemacht; ich war jetzt nicht unglücklich oder so, aber „lost“ war ich irgendwie schon. Und das wollte ich mit dem Text zum Ausdruck bringen.

JM: Würdest Du rückblickend irgendwas anders machen?
RENE: Das Leben ist kein Konjunktiv und der Gedanke zu wissen, was man jetzt weiß und noch mal in die Zeit von damals eintauchen zu können, bleibt immer reizvoll: Vielleicht hätte ich mich hier anders entschieden, im Nachhinein. Auf der anderen Seite: Dass ich so bin, wie ich jetzt bin, ist auch das Resultat meiner Fehlentscheidungen. Also drehe ich das lieber um und sage: Hoffentlich kannst du aus den Entscheidungen und Fehlern von damals etwas für Zukunft lernen und es dann besser zu machen. Reue hilft nicht. Ich kann das nur akzeptieren und damit Frieden schließen. Das Akzeptieren des eigenen Scheiterns zum Prinzip zu machen, und daran zu wachsen. Das wird mir nicht 100%ig gelingen, aber ich versuch’s.

JM: „Nur aus Fehlern wird man klug, drum ist einer nicht genug.“ Der Refrain von „Khazraje“ lautet „Wer bin ich, wer bin ich“. Kannst Du die Frage inzwischen besser beantworten?
RENE: Naja, das ist ja auch ein bisschen eine Party-Hookline. Da schwingt ja auch Freude und Stolz mit, meine Familie väterlicherseits in Marokko kennengelernt zu haben. Von daher ist das eher eine rhetorische Frage: „Wer bin ich, wer bin ich“. Und beantworten tut es ja die Musik: „Khazraje“. Es ist kein Zweifeln, sondern eher ein Zelebrieren. Dass ich fühle, angekommen zu sein und sich die Kreise gewissermaßen schließen.

JM: Einige Songs auf dem Album, darunter auch „Wunderbare Jahre“ lassen den Schluss zu, dass es einen Schlüsselmoment gegeben haben muss, der Dir für das, was jetzt ist, den Anstoß gegeben hat. Richtig?
RENE: Sagen wir mal so. Mein Leben hat sich in dem Moment verändert, in dem ich wirklich Alles aufgegeben habe. Das war 2009, da habe ich noch in Berlin gelebt. Und da habe ich die Entscheidung getroffen, mich von allem materiellen Besitz zu lösen, mir eine Bahncard 100 zu kaufen und auf eine Reise zu gehen, um Stand-Up Comedy zu machen. Das Wichtigste daran aber war, überhaupt ein Ziel, eine Perspektive zu haben. Im Laufe dieses Prozesses gab’s dann gleich jede Menge Schlüsselmomente. Denn mit dem äußeren, war auf einmal auch der innere Ballast, den ich unbewusst mit mir herumgetragen hatte, weg. Ironischerweise hat mich dieser Weg zu dem Punkt zurückgeführt, an dem alles begann mit mir. Nämlich als Rapper, als MC. Und diese Erkenntnis war schon irgendwie ein Schlüsselerlebnis: Ich hatte auf einmal wieder die richtigen Beats, ich bin wieder zum Zug gekommen, sozusagen. Und das wortwörtlich. Ich war auf einmal wieder lebendig.

JM: „Missin‘ Flava“ ist mittlerweile nun schon die dritte Inkarnation dieses Titels – beschreibt der, wie Du heutzutage auf die Hip Hop- und Rap-Szene in Deutschland schaust oder war das eigentlich schon immer so?
RENE: Naja – die Kritik, die ich da äußere, bezieht sich schon auf diese Szene, weil ich die kenne. Weil ich über die ganzen Hintergründe Bescheid weiß. Aber eigentlich ist es eine generelle Kritik an der Musikindustrie, an den korrupten Verkaufsmechanismen und der ganzen Heuchelei, die da vorherrschen. Und damit ist es natürlich auch eine Kritik an der Gesellschaft. Ich bin ja ein Teil dieses Systems und dieser Mechanismen. Ich mache zwar mein Ding, also meine Musik, aber spätestens dann, wenn ich sie veröffentliche, wird sie zum Produkt. Und dann verkaufe ich mein Produkt. Ich gebe Interviews wie dieses hier und erzähle von meinem Produkt. Was mich stört, ist auch nicht der Verkauf von Hip-Hop oder irgendeiner anderen Musik. Was mich stört, das ist der Verkauf von falschen Images. „Missin‘ Flava #3“ ist also erstens metaphorisch zu sehen und zweitens ist es Teil einer Attitüde, die ich da in den Vordergrund stelle: Mehr Ehrlichkeit, weniger Manipulation. Mehr Versöhnung, weniger Marketing. Das ist auch nichts, woran ich verzweifel’ oder was mich frustriert. Ich schöpfe da eher eine neue Kraft draus. Und Figub und ich wollen ja auch eine Alternative zu dem da draußen bieten. Und dann muss man sagen: Es ist ja auch Rap. Da steckt erstens immer irgendwie Kritik drin. Und mir persönlich geht es zweitens einfach auch darum, geile Wörter und starke Reime zu haben. Es ist schon auch das Wording, an dem ich so ein bisschen aufgeile.

JM: Kannst Du Dir vorstellen, zu machen, was Ferris MC gemacht hat – seine eigene Künstlerexistenz quasi aufzugeben und hinter einer Pyramiden-Maske im Deichkind-Kollektiv zu verschwinden?
RENE: Also ich finde, es passt sehr gut zu Ferris. So integriert in das anonyme Kollektiv von Deichkind scheint das doch eine super Arbeitsstelle für ihn zu sein. Der passt dahin. Ja, ich könnte mir auch vorstellen, was zu machen, ohne dass jemand MC Rene erkennt. Aber nur, um was total und ganz anderes zu machen. Ich habe da auch ein paar Gedanken in die Richtung. Im Moment ist das aber noch nicht spruchreif.

JM: Würdest Du Dich auch als Ghostwriter anheuern lassen?
RENE: Klar, das würde ich machen.

JM: Aber das wär schon auch die „böse Musikindustrie“ – oder?
RENE: Ja. Aber wenn ich merke, ich kann der Person helfen, und die Kohle stimmt, weil es ja immerhin eine seriöse Dienstleistung ist – ich verkaufe ja meine Kreativität – ist das kein Problem. Ich habe das auch schon gemacht. Auch für Leute, die man kennt. Letztendlich entscheide ich dann aber nicht so geschäftsmäßig, wie ich das gerade behauptet habe. Am Ende geht es auch bei mir um Sympathie. Auch wenn ich das musikalisch vielleicht nicht so toll finde. Aber wenn mir zum Beispiel ein Projekt sympathisch ist, dann kommen mir auch Ideen dafür. Aber bezahlt werden muss es. Es sei denn, es ist mein bester Kumpel und ich helfe ihm. Das geht dann auch für umme. Es kommt immer darauf an, wer fragt, und welches Standing der hat….

JM: Wie kam Peripherique als Label ins Spiel?
RENE: Macher und Inhaber von Peripherique, das sind die Krings-Brüder. Die kommen aus dem Odenwald. Nennen sich als Rapgruppe auch K*Rings. Früher haben die viel gemacht. Jetzt sind sie eher eine Agentur, Peripherique eben. Die machen zum Beispiel auch ein eigenes Getränk, das heißt „Wilder Hirsch“. Und weil die halt so im Odenwald verortet sind, machen die da auch ein Festival, das heißt Sound of the Forest. Viel Alternative, Indie-Rock, auch mal Hip-Hop. So ein 5k Festival an einem Stausee, super-idyllisch. Wir kennen uns schon seit 16 Jahren. Und irgendwie hat sich das so ergeben, weil ich mit dem einen Bruder Carl Crinx mein letztes Album gemacht habe. Und dadurch ist dann diese Zusammenarbeit entstanden und gewachsen. Und was mir daran so gut gefällt ist: Wir sind Freunde, aber auch Geschäftspartner. Und wenn das mit dem Geschäft nicht mehr läuft, dann werden wir trotzdem Freunde bleiben.

JM: Was für ein versöhnliches Schlusswort. Das Finale kommt aber erst. In Form von 14 Begriffspaaren, bei denen Du Dich jeweils für einen davon entscheiden musst. Bereit?
RENE: Und los.

JM: Tabouleh oder Halver Hahn?
RENE: Halver Hahn.

JM: DJ Premier oder 45 King?
RENE: 45 King.

JM: Porsche oder Ferrari?
RENE: Porsche.

JM: Fussball oder Basketball?
RENE: Basketball.

JM: Nike oder Adidas?
RENE: Nike.

JM: Titten oder Arsch?
RENE: Arsch.

JM: Kinder oder Haustier?
RENE: Kinder.

JM: Muckibude oder Joggen?
RENE: Joggen.

JM: Koks oder Gras?
RENE: Gras.

JM: Game of Thrones oder House of Cards?
RENE: House of Cards.

JM: Stadtwohnung oder Häuschen im Grünen?
RENE: Stadtwohnung.

JM: Ehrenfeld oder Porz?
RENE: Ehrenfeld.

JM: Vinyl oder Tape?
RENE: Vinyl.

JM: Das war’s. Dank für’s Interview!

Foto: Noria Chaal

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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