„Hippies say yes, punks say no & post-punks go: But what if?!“ – Nic Offer von Chk Chk Chk im Interview

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Ich spreche Nic Offer auf seine Loafers an – sie sind weiß, ein bißchen klobig und werden barfuss getragen. Ohne Wasser in einer Michelberger-Badewanne sitzend, zieht er den rechten wortlos aus und zeigt mir die Innensohle. Ferragamo ist da eingestickt. Mein lieber Scholli. Mitglied bei !!! zu sein, scheint lukrativer als gedacht. „3 to 5 Dollars. In a thrift shop.“, sagt Nic dann. Ich bin beruhigt. Wir können ganz in Ruhe über !!! sprechen, das neue Album „Shake The Shudder“ analysieren und auf den Punkt bringen, was Post-Punks von Hippies und Nur-Punks unterscheidet. Los geht’s:

JOINMUSIC: Im Waschzettel wirst Du zitiert mit: Wir wollten schon immer einmal diese Art von Dance-Musik ausprobieren. Wenn !!!s Musik bisher irgendwas war, dann tanzbar. Was also meinst Du mit der Aussage?
NIC OFFER: Ich meine damit ganz spezifisch Club-Musik.

JM: Hat aber !!!s Musik nicht genau die schon immer revolutioniert bzw. auf den Kopf gestellt?
NO: Für Dich, der Du in Berlin lebst, ist das vielleicht nichts besonderes. Möglicherweise sogar langweilig. Aber für uns sind diese Nuancen wichtig. Irgendwie hatten wir das Gefühl, wir müssten da noch mal ran. Etwas Packenderes hinkriegen. Produzenten und Tontechniker haben uns immer wieder gesagt: Nein, das geht nicht. Könnt Ihr nicht machen. Das ist Club-Musik. Und Ihr seid Indie. Diese Grenze wollen wir nicht akzeptieren. Madonnas erstes Album war eine Club-Platte. Eine poppige zwar. Aber eine Club-Platte. So etwas wollten wir auch erreichen. Und ich bin mir sicher: Beim nächsten Album stehen wir wieder da und sagen: Mhmm, das war noch nicht clubby genug. Lasst uns eine noch clubbigere Scheibe machen.

JM: „Shake the Shudder“ ist Euer inzwischen siebentes Album. Was unterscheidet es von den vorangegangenen sechs?
NO: Es ist einfach besser. Obwohl wir immer wieder klanglich an unsere Grenzen gehen, teilen wir noch immer die gleiche künstlerische Vision. „Shake The Shudder“ ist das Ergebnis des Versuchs, noch slammender, noch funkiger, noch poppiger zu sein, als wir es vorher waren. In diesem Sinne genießt „Shake The Shudder“ eine Altersweisheit, die den vorangegangenen Alben abgeht. Es gibt eine Reife, mit der Du ein Album ruinieren kannst. Und es gibt die Reife, mit der Du ein Album aufs nächste Level bringen kannst. Und natürlich sind wir an der Reife im letzteren Sinne interessiert.

JM: Spielt dabei eine Rolle, dass Ihr als Oktett angefangen habt, inzwischen aber zu einem Quartett gesundgeschrumpft seid?
NO: Naja – ganz früher waren wir halt eher ein anarchistisches Kollektiv. Alles war freier, improvisierter. Inzwischen haben wir die Anarchie aber ganz gut unter Kontrolle. Die Basis von früher ist noch immer Ausgangspunkt für Jams und dergleichen, aus denen wir dann Ideen für richtige Songs herausarbeiten. Nur, dass es am Ende nur noch drei sind, die diese Arbeit dann machen.

JM: Wo seid Ihr eigentlich zu Hause? Über’s ganze Land verteilt?
NO: Zwei von uns leben in New York. Für das Album haben die anderen aber auch viel Zeit in New York verbracht. Man kann schon sagen, dass „Shake The Shudder“ eine der New Yorkigsten Alben ist, die wir bislang gemacht haben.

JM: Magst Du die Abbildung von Dir auf dem Cover?
NO: Ja, tu ich tatsächlich. Das Label hatte uns mit auf den Weg gegeben: Das letzte Cover war schon ziemlich albern. Das könnt Ihr nicht noch mal machen. Und genau so ist es dann gekommen.

JM: Auch „Shake The Shudder“ entspricht formell dem !!!-Album-Muster: 10-12 Songs, knapp 50 Minuten lang. Hast Du von der Tendenz gehört, Alben immer länger zu machen, weil so die Wahrscheinlichkeit steigt, in den Streaming-Rankings geführt zu werden?
NO: Ja, habe ich. Und ich glaube, das ist eine ganz große Scheiße. Es ist eine verdammte Tragödie. Insbesondere bei einigen Hip Hoppern. Drei 75-minütige Alben in einem Jahr? – What? Ganz ehrlich: Uns macht schon die Länge von 50 Minuten Bauchschmerzen. Ginge es nur nach uns, würde nach 40, höchsten 45 Minuten Schluss sein. Das reicht uns als Album-Statement. Ich mein, für „Shake The Shudder“ haben wir 19 Songs aufgenommen und haben dann Freunde gebeten, die zu bewerten bzw. die besten 10 oder 11 auszuwählen.

JM: „What you do“ ist kein Instrumental im strengen Sinne. Deine Rolle in dem Stück ist aber eher klein. Was machst Du dazu live? Bist Du dann wie Bez bei den Happy Mondays?
NO: Haha. Aber nicht, dass es hier zu Verwirrungen kommt: Ich schreiben einen großen Teil unserer Musik. Aber zum Bühnengeschehen: Was ich da mache, akzentuiert letzten Endes bestimmt Momente in der Musik. Was dazu führt, dass der Musik mehr Aufmerksamkeit zukommt, dass das Publikum mehr darauf achtet. Es ist dann noch mehr ein audio-visuelles 3-D-Ding als eh schon.

JM: Sehr schön ist das zu beobachten beim diesjährigen SXSW-Festival, wo Ihr auf einer Pandora-Bühne gespielt habt. Das Publikum machte keinen allzu hungrigen Eindruck und trotzdem hast Du sie gekriegt.
NO: Ja, so ist das beim SXSW. Bei vielen Gigs kommt man gar nicht rein, wenn man kein akkreditierter Platten-Industrie-Funktionär bist. Und wir wissen ja, was das für Musik-Liebhaber sind…. Aber in der Band gilt: Es den Leuten bei jedem Gig zeigen. Manchmal sind solche Gigs gar nicht so schlecht. Du musst Leute auf Deine Seite ziehen, denen Du eigentlich völlig egal bist. Aber wenn die am Ende sagen: Hey, war doch nicht so schlecht, dann hast Du alles erreicht.

JM: Ihr seid jetzt seit über 20 Jahren in dem Business. Fühlt es sich manchmal komisch an, zu sehen, wie das Publikum immer jünger wird?
NO: Geht so. Nicht so komisch jedenfalls, als würde man sehen, wie das Publikum immer älter wird.

JM: Hehe.
NO: Wir kommen damit klar. Wir bleiben uns als Künstler treu. Die Hippies haben „Ja“ gesagt, die Punks haben „Nein“ gesagt und wir Post-Punks sagen: Was wäre wenn?!

JM: Danke für das Interview.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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