„Nicht den Mittel-, sondern den Ringfinger zeigen“ – Romano im Interview

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Roman Geike – der meiste Köpenicker der Welt – war schon überall: Wannsee, im Wedding, in Tempelhof und Marzahn, selbst durch Mitte ist er schon mal durchgefahr’n… Jetzt hockt er auf der Promo-Couch seiner Plattenfirma in Kreuz-Hain. Und soll sein neues Album „Copyshop“ vermarkten helfen. Erstmal eine rauchen? – Nee. Um Jottes Willen. Für Popmusik-Verhältnisse wirkt das hier alles ziemlich gesund. Das Frühstücksbuffet – hat man auch selten – ist dennoch kaum angerührt. Und das, obwohl sich der Käse nicht wie eine Trick-Ski-Schanze nach oben biegt. Da steckst Du halt nicht drin. Ich krieg ’nen Tee und der Roman bestellt Latte. Los geht’s.

JOINMUSIC: Weil wir ein Jahrgang sind…
ROMANO: Echt, auch ’77? Is ja geil.

JM: …ja, und ich aus Magdeburg komm …
ROMANO: Ah – da kenn ich nur die Rennbahn. Mein Opa hat da gearbeitet. Und daher kommt auch die Liebe meiner Mutti zu Pferden. Und deswegen auch Hoppegarten. Die ist da ganz aktiv dabei. Und angefangen hat das alles in Magdeburg.

JM: Aha – also mit Pferden hab ich’s nicht so. Mit den Puhdys übrigens auch nicht. Und deswegen lautet meine erste Frage: Hat das Feature mit Dieter „Maschine“ Birr auf „Karl May“ damit zu tun, dass Du die Pudhys früher gehört hast?
ROMANO: Ja schon, ich habe als Kind das gehört, was die Eltern gehört haben. Da bist du halt drin. Und später, als Erwachsener, wenn Du die Sachen dann wieder hörst, sitzt Du wieder wie ein kleines Kind auf dem Sofa und wackelst mit dem Kopf. Die allererste Platte, die ich je gehört habe, war „Sing mei Sachse sing“ [von Jürgen Hart], das war auf so ’ner 7-Inch. Und dann liefen auch irgendwann mal die Pudhys. „Lass Deinen Drachen steigen“ und so – das habe ich als vier-jähriger thematisch zwar noch nicht voll verstanden – fand’s aber trotzdem ganz geil. Und ich finde, dass die Pudhys ein paar geile Nummern gemacht haben. Und ja, ich habe die Puhdys gehört. Und fand’s großartig. Und deswegen war es für mich das Naheliegendste, für das Feature nicht jemanden auszuwählen, der gar nicht zu mir passt, sondern wenn, dann jemand, mit dem ich mich identifizieren kann. Und ich kannte den Andy Birr, den Sohn von Dieter, sehr gut. Der hat damals bei einem Projekt mitgemacht, wo ich gerappt hab. Der hat übrigens auch die Band Bell, Book & Candle.

JM: Wie – die mit „Rescue me“?
ROMANO: Jaja, genau, so ein richtiger 90-ies Platin-Hit. Mit denen habe ich übrigens auch mal live gespielt. Egal – die Idee war: Ich wusste, dass der Dieter Birr den Song „Köpenick“ vom letzten Album so gut fand. Und dann hab ich den Andy angerufen und gesagt: Du, Andy, ich hab hier ’nen Song geschrieben, da würde Maschine so geil drauf passen. So was väterliches hat der, das hör ich da so raus. Und dann sagt der Andy so: Ok, und was willst Du jetzt von mir? – Und ich so, na Maschines Nummer. Und er wieder: Das machen wir anders. Ich geb ihm Deine und der ruft Dich dann an. Und am Abend hat das Telefon geklingelt. Da war Maschine dran und gesagt, das hört sich gut an. Und als wir „Karl May“ dann im Studio aufgenommen haben, war da ne ganz eigentümliche Atmosphäre. Auch die Leute, die mit Maschine und den Puhdys nichts zu tun haben, waren plötzlich irgendwie wieder Kinder, die merken, da kommt jemand rein, der hat schon viel erzählt und hat aber immer noch was zu erzählen und ist deshalb so eine Urgröße – ein Alt-Rocker.

JM: Hört man sich „Copyshop“ als Ganzes an, stechen drei Songs, darunter auch „Karl May“ heraus. Unter anderem deswegen, weil das Album insgesamt, sehr viel hip-hoppiger ausgefallen ist: Die Beats sind langsamer, Du rapst noch mehr, als dass Du singst, Dein Flow ist technischer. War das eine Gemeinschaftsentscheidung von Dir und Siriusmo?
ROMANO: Da muss ich was ausholen. Nach der Tour im letzten Jahr, brauchte ich erstmal ne Pause. Es gibt ja Leute, die schreiben auf Tour. Das kann ich nicht. Entweder bin ich komplett live oder ich komplett nach innen. Und ich bin also nach Bad Doberan hoch, hab mich in einen Zug namens „Molly“ gesetzt – so’n Tucker-Express, der für 10km eine Stunde braucht. Und da bin ich erstmal komplett runtergefahren. Und erst danach habe ich wieder angefangen, Bücher zu lesen, nach kreativem Input Ausschau zu halten usw. Und dann habe ich im Juni mit „König der Hunde“ angefangen. Moritz hatte da so einen Beat gebastelt, und ob der nicht was für mich wäre. Und so war das eigentlich auch bei den anderen Nummern. Die Beats waren halt irgendwann da und dann hab ich mich dran gesetzt. „Mutti“ und „Anwalt“ waren die allerersten, die habe ich schon auf der Tour gespielt. Und „Ufo Joe“ war so irgendwie dazwischen. Aber an Juni ging dann die richtig kreative Phase los. Außerdem hatten wir diesmal Unterstützung von einem Produzenten aus Hamburg – Sebastian Zenke – und der macht halt eher so Hip Hop Beats. Und für das „Copyshop“-Album hat er drei Beats beigesteuert, die er und Moritz dann in Kooperation fertiggestellt haben. Und ja, die sind schon ziemlich Hip Hop lastig: Das ist „Champagner Bar“…

JM: Einer meiner Lieblingssongs…
ROMANO: … das ist „Ja, ich will“, und das ist „Nur in meinem Kopf“. Die Hip Hop Lastigkeit hat also vor allem damit zu tun, dass die Beats halt in die Richtung gingen. Bei was Poppigem oder Schlagereskem wär halt was anderes draus geworden.

JM: Fühlst Du, jetzt wo die VÖ Deines bislang hip hoppigsten Romano-Album bevorsteht, irgendeine Verbindung zu anderen Rap- bzw. Hip Hop Künstlern aus Deutschland?
ROMANO: Ich fühle eine Verbindung zu vor allem amerikanischen Hip Hoppern. Allen voran Snoop Dogg, den ich erstmal wegen seines Looks gefeiert habe – zwei Zöpfe, Du verstehst… Und wegen seiner smoothen Westküsten-Art. Ich bin ein großer Westküsten-Fan. Aber ich seh mich nicht als Teil einer Szene. Ich bin eher ein Szenen-Wanderer. Ich habe an vielen Dingen Interesse, zum Beispiel auch Metal, an elektronischer Musik, an Pop und Rock. Ich will mich da nicht entscheiden müssen. Und ich finde, jede Szene, wenn man sich zu sehr darauf versteift, hat auf so ’nem hohen Berg einen Szene-Priester, der die ganzen Regeln aufschreibt, damit sich die unten am Berg daran halten können. Ich finde das ein wenig schwierig. Ich möchte da eher verbinden.

JM: „Copyshop“ ist ja nicht nur hip-hoppiger. Es ist auch biografischer. Oder hab nur ich dieses Gefühl?
ROMANO: Das ist bei der Produktion irgendwie so entstanden. Ich habe mir das gut überlegt und dann entschieden: Ich möchte die Menschen noch mehr und näher ranlassen. Den Menschen von meiner Vergangenheit zu erzählen: Ich habe ja wirklich 8 Jahre in ’nem Copyshop gearbeitet. Bei „König der Hunde“ erzähl ich von meiner Kindheit. „Mutti“ und „Karl May“ sind über meine Eltern. „Ufo Joe“ ist wirklich ein Freund von mir. Und die beiden morbidesten Nummern – „Raupe“ und „Nur in meinem Kopf“ – müssen da auch rein, weil das eine Leidenschaft von mir ist. Genau: mich weiter öffnen. Die umarmende Geste und dann noch näher ran. Das ist der Gedanke.

JM: Wie war das mit der Zusammenarbeit bei dem Album – hattest Du mehr mitzureden?
ROMANO: Na, beim ersten Album war’s so, dass wir uns jeden Dienstag getroffen haben. Und damals hatten wir noch gar keinen Plattenvertrag. Also jeden Dienst getroffen und aus’m blauen Dunst Musik gemacht, auf die wir Bock hatten. Mit ’nem Sixpack oder ’ner Flasche Schampus haben wir gejammt. Also Moritz, Jakob und ich. So war das beim ersten Album. Und jetzt, bei „Copyshop“ war’s so, dass wir separater gearbeitet haben. Moritz hat mir Beats geschickt und ich hab dann alleine vor mich hingetüftelt. Und erst nachdem das Gros der Songs vom Album fertig war, haben wir uns im Studio getroffen und die Sachen zu Ende produziert.

JM: Wovon genau handelt „Ja, ich will“?
ROMANO: „Ja, ich will“ hat verschiedene Ebenen. Die plakative Eben ist: Ja, ich will Euch heiraten. Alle. Auf ’ner anderen Ebene aber geht’s darum, mal die Arme auszubreiten, und nicht zu verschränken. Nicht den Mittelfinger, sondern den Ringfinger zeigen. Nicht den Fehler zu suchen, sondern Gemeinsamkeiten. Das Ego zurücknehmen und Empathie für die Mitmenschen zeigen.

JM: Ich hatte es ja schon erwähnt – „Champagner Bar“ ist einer meiner Lieblingssongs. Und nicht nur, weil es der zweite Song ist, den ich kenne, bei dem „Champagner“ auf „Tanja“ gereimt wird.
ROMANO: Wer hat’n das noch gemacht?

JM: Bretterbauer, ein Österreicher, in seinem Song „Dörte“.
ROMANO: Sehr gut.

JM: Zurück zu „Champagner Bar“. Du reimst darin: „Der Ingo erzählt vom Knast und ich vom Dschungelcamp“. Ist das Wunschdenken oder eine böse Ahnung?
ROMANO: Ähm – es ist mit Lächeln vorgetragen. Mit einem soliden Schmunzeln. Gerade bei der Angst vorm Älter-Werden. In Würde altern heißt, zu sich selbst zu stehen. Ich bin so wie ich bin. Mit allem drum und dran.

JM: Und denn „Ufo Joe“ gab oder …
ROMANO: … gibt es wirklich. Der musste den Song ja abnehmen. Und hat mir dann noch zwei oder drei Kritikpunkte genannt.

JM: Owei.
ROMANO: Ja, ich hatte erst was mit Ionenantrieb und dann meinte er, nee, mach mal Plasma-Antrieb, das ist das Neueste. Den Rest hat er dann durchgewunken.

JM: Kannst Du Dir vorstellen, jemals auf Englisch zu rappen?
ROMANO: Bis 1996 hab ich probiert, deutsche Texte zu schreiben. Und habe seitdem ausschließlich auf Englisch gerappt. D.h. Romano ist das erste deutschsprachige Rap-Projekt seit 1996. Ich habe mich mehr als 15 Jahre lang künstlerisch nur auf Englisch bestätigt, nur um herauszufinden, dass mein Sprachvermögen auf Englisch doch begrenzt ist. Ich kratze, wenn überhaupt, auf Englisch nur an der Oberfläche. Und trotzdem war beim ersten Album die Frage, ob ich nicht einen Teil auch auf Englisch mache. Aber mit der Zeit, hat sich dann ergeben, dass Romano nun mal ein deutschsprachiger Künstler ist. Weil auch das heißt: Die Leute näher ranlassen.

JM: Gegen welche Karre würdest Du Deinen 7er tauschen?
ROMANO: Ich mag den wirklich sehr. Da ist schon ’ne Liebe da. Vorher hatte ich ’nen Cadillac Eldorado. Das hatte ich mir übrigens ein halbes Jahr vor der Führerscheinprüfung geholt. War halt günstig und Flugrost hatte der auch schon. Ich hab den total gefeiert, aber auch viel verziehen. Aber irgendwann ging’s halt wirklich nicht mehr. Dann habe ich den weiterverkauft an einen Kumpel, der mir gesagt hatte, er will den behalten und pflegen. Und sechs Wochen später guck ich bei ebay und seh an einem bestimmten Aufkleber – das ist meiner. Ich sofort den Kumpel angerufen und so: „Ey, bist Du total verrückt?“ Und der so: „Ja, ich wollt’s Dir nicht sagen, der geht nach Erfurt, tut mir echt leid.“ So. Aber ich sag’s Dir ganz ehrlich: Lieber nach Erfurt und der fährt mit meiner Ex-Freundin rum, als wenn mein Freund permanent mit meiner Ex rummacht.

JM: Danke für das Interview.  

Foto: Bella Schwarz

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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