Im Schatten Der „Popkomm“? – Die „Word On Sound“ Konferenz

Words On Sound - Titel

Allein die Tatsache, dass immer wieder Versuche unternommen werden, verschiedene Vertreter der gesamten Musikwelt an einen Tisch zu bekommen, zeugt von einem immer wiederkehrenden, großen Bedarf. Warum sind dann Plattformen wie die Popkomm keine Selbstgänger? Wie kommt es, dass es bei allen Versuchen, die unternommen werden, immer noch Platz für neue Modelle gibt? Ist der Bedarf einfach zu groß? Oder verfehlen die bisherigen Anläufe das Thema? Letzteres scheint Helen Schneider zu hoffen und versucht, mit ihrem Ansatz der Sache näher zu kommen…

Gestern ging die Berlin Music Week in die dritte Runde, um sich bis Sonntag mit allen möglichen Themen rund um Musik und Berlin zu beschäftigen. Im Zentrum dieser knappen Woche steht neben den obligatorischen Konzerten und Clubnächten und dem New Music Award 2012 zum ersten mal die Konferenz Word On Sound. Genau genommen handelt es sich dabei gar nicht um nur eine Konferenz, sondern um neun kleine Konferenzen, die unter Word On Sound zusammengefasst werden. Die einzelnen Konferenzen heißen Arts & Polity, Denkfabrik, Digi Digi Con, Green Berlin Music Week, Master Class, Most Wanted: Music, umG€LD, Werkstatt und World Nightlife Fund.

Zur Umsetzung dieses Großprojektes konnte das Berlin Music Week Team die Amerikanerin Helen Schneider gewinnen, die im vergangenen Jahr im Rahmen der c/o Pop das Projekt Europareise betreute. Die großen Möglichkeiten und die Masse an kreativer Energie, die in Berlin ohne Zweifel vorhanden sind, sollen nun eine Plattform bekommen, auf der sich ausgetauscht werden kann. Und obwohl auf einem Kongress natürlich geredet wird, steht laut einem Interview mit Manfred Gillig-Degrave für Helen Schneider das „Machen“ im Vordergrund. „Watch your thoughts, for they become words.
 Watch your words, for they become action…“ wird mit Lao Tze das Konzept zusammengefasst.

Folgerichtig treffen sich auf dem Word On Sound Kongress diejenigen, die in allen möglichen musikalische Bereichen aktiv sind. Und neben Problemen der Branche, die hier zusammengetragen werden, liegt der Fokus laut Helen Schneider auf dem Teilen funktionierender Problemlösungsansätze. Und ganz wichtig: die Produkte und Dienstleistungen der Teilnehmer sind Nebensache – als Beispiele willkommen, als Profilierungsmaßnahme abzulehnen. Somit sieht sich Helen Schneider auch nicht im Schatten der Popkomm, die sich zurzeit „in konzeptioneller Neuausrichtung“* befindet, oder anderer, funktionierender Formate. Vielmehr soll Word On Sound ein neues Format etablieren. Eben eine Plattform, in der strukturelle Probleme und Lösungen geteilt werden können. Und das in nahezu allen Bereichen, die sich mit Musik befassen.

Um diverse gesellschaftliche Aspekte der Musik dreht es sich bei den Teilkonferenzen Arts & Polity, Denkfabrik, Digi-Digi Con und Green Berlin Music Week. Da geht es um den Zusammenhang zwischen Musik und politischen Modellen, um den Kapitalismus an sich, um Nachhaltigkeit (was nicht nur Musik von freilaufenden, bioernährten Akustikklampfern meint), digitale Entwicklungen und darum, wie die Musik die Gesellschaft, die Gesellschaft die Musik, und die Musik das Musikgeschäft verändern. Und natürlich geht es um die aktuelle Rolle der GEMA und um Alternativen zum Urheberrechtsmonopol.

In Werkstatt, Most Wanted: Music und umG€LD geht es dann um ganz konkrete Herangehensweisen für Musiker und Labels. Erstere können hier ihre Schöpfungen an den Mann oder die Frau bringen. Will sagen: Labels, Produzenten und Filmfirmen vorspielen. Außerdem gibt es Workshops zu allen möglichen aktuellen Themen. Marketing, Fanbase-Aufbau und -Erhalt, Videos, Apps, Sponsoring und nicht zuletzt Crowfunding. Hier wird sehr deutlich, was sich Helen Schneider mit Word On Sound vorgenommen hat. Nicht reden über das, was andere schreiben, sondern konkrete Problemangänge. Entsprechend gibt es für die Clubszene den World Nightlife Fund. Hier geht es laut Ankündigung um Liebe und Geborgenheit für die Elektronische Musik Szene. Heißt: Save The Vinyl, Labelarbeit, Booking und Clubprobleme. Und brandaktuell und politisch werden Poster verkauft. Zugunsten der Initiative freepussyriot.org.

Last but not James besteht die Master Class aus „user generated content“. Hier wurden die Wortführer von ihren Vorgesetzten, Studenten, Kollegen, Familie, Freunde oder Fans vorgeschlagen. Entsprechend thematisch gemischt ist diese Konferenz.

Der – ganz einem der positivsten amerikanischen Klischees entsprechende – Ansatz Helen Schneiders, eine Konferenz ins Leben zu rufen, die sich so konkret wie möglich mit Lösungsansätzen beschäftigt, klingt vielversprechend. Dabei – ganz und gar nicht einem der negativsten amerikanischen Klischees entsprechend – Werbung und Profilierung als Selbstzweck möglichst weit in den Hintergrund zu schieben, noch vielversprechender. Ob sich der Ansatz in die Tat umsetzen lässt und damit eine Plattform bietet, die nicht zum Scheitern verurteilt ist, kann erst beurteilt werden, wenn der erste Anlauf abgeschlossen ist.

photo: berlin music week, * www.popkomm.de

Gebürtiger Lübecker mit Wohnsitz in Hamburg. Zu jung für Schlager, zu alt für Jumpstyle. Dennoch zweifelhafter Musikgeschmack mit Hang zu Sprunghaftigkeit. Ergo: Schreiberling im Hauptfach Randbezirkige Musik.

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