Resident For President – Portrait des Elektronika-Portals
Februar 19, 2012Ursprünglich ist der Resident Advisor eine Mischung aus Alterspräsident, Spieß und Mentor. Traditionell (aber nicht ausschließlich) trifft man ihn in den Bildungs-, Rehabilitations- und ähnlichen Institutionen der vornehmlich angelsächsischen Welt. Dass das Portal Resident Advisor seinem Ursprung im commomwealth’schen Australien hat, passt demnach wie der Sitter auf’s Baby. Dem It-ler Paul Clement, seinem Kumpel und Marketing Manager Nick Sabine sowie David Berkley ging es dabei zunächst vor allem um die australische Elektronica-Szene.
„We developed the site to create a platform to showcase and discuss music we liked.“
Konkret hieß das: Club-Szene-Rundum-Berichterstattung. Eben mit allem, was das dazugehört. Rezensionen, Portraits, Ankündigungen, Party-Kalendarium und so fort. Schon damals hatten die Gründer aber auch den Anspruch, nicht nur in der eigenen Aussie-Suppe zu köcheln, und quasi Berichterstattung von Kängurus für Kängurus zu machen. Folgerichtig deckten sie inhaltlich auch Themen ab, die eine gewisse globale Relevanz entfalteten; wie Ricardo Villalobos, Richie Hawtin oder auch Booka Shade Zeit rumkriegten, erfuhren nicht wenige Australier durch Resident Advisor.
Immerhin fast 4 Jahre hielten Sabine und Clement die Doppelbelastung der zeitraubenden Leidenschaft einerseits und der Notwendigkeit eines einigermaßen gesicherten Einkommens andererseits aus. Parallel dazu hatte sich der exzellente Ruf der Seite als wissendes Sammelbecken längst über die Grenzen des kleinsten Erd-Kontinents verbreitet. Und was Resident Advisor aus lokaler Sicht für Sydney, Melbourne und Perth bedeutete, sollte dann bitteschön auch für Barcelona, Berlin oder Buenos Aires geleistet werden. Selbstredend waren Sabine und Clement dazu weder physisch noch finanziell in der Lage. Guter Rat war also nicht ganz billig. Und der einzige Ausweg, der darüber hinaus eine gewisse ökonomische Unabhängigkeit garantierte (ein nicht zu unterschätzender Aspekt, wenn es um Glaubwürdigkeit und Authentizität geht), war die Beteiligung und Einbeziehung der Leser und Nutzer. Die überaus aktive Community und ganze Blogs voller Kommentare zu bestimmten Resident-Advisor-Themen machten die Entscheidung für User-generierte Inhalte dann weniger schwer.
Die sich daraus ergebende und bei weitem nicht nur geographische Distanz zu weltweit verstreuten Themen und Meinungen soll mit einer dezentralisierten Redaktion unter der Leitung von Todd Burns überbrückt werden. Logisch, dass das Aufgabengebiet der hauptamtlichen Schreiberlinge deshalb auch das Sondieren und wenn nötig auch lektorieren der beiträge ehrenamtlicher Nutzer gehört. Denn: War die Verwendung nutzer-generierten Contents zunächst auf das Einstellen von Events im Party-Kalender beschränkt, bestärkten die guten Erfahrung das RA-Team darin, das Prinzip user generated contents schon bald auf andere redaktionell verwaltete Bereiche auszuweiten. Sabine zufolge tat das seiner ursprünglichen Intention keinen Abbruch:
„We’re fortunate to have a great Editor-In-Chief in Todd Burns, who works closely with full-time writers and all contributors to ensure that the original editorial vision we had for the magazine – one centred on independent quality journalism and focused on artists and events showcasing interesting music – is maintained.“
Nicht so bzw. nicht nur so kann man das allerdings auch sehen. Der Informations- und Community-Gedanke ist schön. Gut oder besser macht die Schwarm-Intelligenz alleine natürlich nicht. Und so darf davon ausgegangen werden, dass der Teufel auch im Netz meist auf den dicksten Haufen macht – kein Wunder, dass RA ausgerechnet in Berlin und London Büros bezogen hat.
Nun. Denn.
Die Seite selber besticht durch klare Formenspache – auch wenn diese dem Gefühl nach recht tech-housig (darf man so etwas sagen?) und damit nicht von übermorgen ist. Die inhaltliche Aufteilung in Community, Musikjournalistisches, Lokales und das, was alle angeht, macht Sinn. Qualifiziert sich aber mitnichten für den Online-Revoluzzer-Sonderpreis. Dass auch unter diesen etablierten Umständen aber immer noch überzeugend anregend über aufsehenerregend Interessantes berichtet wird, ist jedoch alles andere als selbstverständlich. Die My Favorite DJ-Serie, in der „DJs who love DJing talk about DJs they like to see DJing.“ Ist ebenso großartig wie kleine Technik und Produktions-Tutorials oder die Tatsache, dass die Branchen-Relevanz durch fundierte Berichterstattung oder redaktionellen Auseinandersetzungen nicht zu kurz kommt.
Fast wie nebenbei und jedenfalls weitaus unbemerkter als sonst, fördert Resident Advisor mit seiner Existenz eine Entwicklung, die ohne das Netz anders, langwieriger oder gar nicht stattgefunden hätte: das Aufweichen von Genre-Stereotypen. Es ist keine 20 Jahre her, da glaubten sich die Tekkkno-Hörer von denen abgrenzen und distanzieren zu müssen, die ihre Lieblingsmusik nur mit zwei "K"s buchstabierten. Nicht, dass bestimmte innermusikalische Stilistiken keine Bedeutung mehr hätten. Sie sind aber auch dank RA kein Grund für Podiumsdiskussionen. Nach dem Motto "Tanzmusik ist für alle da" tummelt sich bei RA alles, wozu getanzt werden kann. Im unbeabsichtigten Schulterschluss mit vergleichbaren Portalen wird hier einen wichtiger Beitrag geleistet. Nicht unbedingt zur Völker-, wohl aber zur Hörer-Verständigung. Und das wiederum wirkt natürlich auch wieder auf die Macher, Produzenten und Musiker. In einem Interview mit der Village Voice sagte Sabine dazu:
"Artists have created a tolerance and acceptance of different genres coming together in a clever way. As a result, audiences expect that and the DJs have to keep up."
Dann sollen die mal ...
