Von sauren Schnüren, Swag-Drumming und Viktor Emil Frankl – Ron Spielman in Bad Company & im Interview

spielman

Seit über einem Vierteljahrhundert ist Ron Spielman eines der i-Tüpfelchen auf der Creme de la Creme (nicht nur) deutscher Sechssaiter-Kunst. Mit seinem jüngsten Album „Sweet Songs For The Dying“, das er mit dem Tasten-Torero Werner Goldbach und den beiden Ruffcats-Rhythmikern Uwe Breunig und Joh Weisgerber eingespielt hat, wagt das Quartett einen Spagat zwischen bluesiger Tradition und Expansion. Mit Erfolg: Das Titelstück gehört zu den außergewöhnlichsten 5-Minuten-Musik seit Jahren: Eine komplexe Offenbarung, die gleichermaßen so sehr ins Ohr geht, dass man gar nicht umhin kommt zu konstatieren: Da ist der Wurm drin – und was für einer! Dem Autodidakten Ron Spielman gelingt mit diesem Album einmal mehr ein großer Wurf. Was sich der in Wirklichkeit viel fragiler und schmächtiger wirkende Musiker aber nicht anmerken lässt. Höflich, ja geradezu zuvorkommend werde ich von ihm, dem Bassisten Joh Weisgerber und Label Co-Gründer und -owner Jens Neumann empfangen. Für’s Interview geht’s auf den sonnigen Balkon. Nebenan wird ein Dachgeschoss saniert und als sich rausstellt, dass der Grillrauch nur Gipsstaub ist, sind alle erleichtert. Derweil ruht Ron in sich. Und das liegt nicht nur an dem gelungen Album, über das ich ihn jetzt befragen werde, sondern auch an der F.M. Alexander-Technik. Was das genau ist, wie sein Verhältnis zu sauren Schnüren ausschaut und warum das alles etwas mit Blues zu tun haben soll, erklärt Ron Spielman mit Bedacht, konzise und leichtem fränkischen Einschlag.

JOINMUSIC: Du hast mal wieder ein Blues-Album gemacht – im weitesten Sinne…
Ron Spielman: Im Weitesten Sinne. Das war die Ur-Idee. Meine Ur-Idee. Es gibt natürlich schon ca. 100.000 Blues Alben, ich hab damit angefangen und bin damit aufgewachsen. Hab meine ersten Gehversuche mit der Gitarre damit gemacht. Und dann dachte ich mir: Nach all diesen Jahren, hätt‘ ich mal Bock, ein Blues-Album aufzunehmen. Und zwar ganz basic. Ich wusste auch, dass das niemanden interessieren würde. Und trotzdem fand ich die Idee reizvoll.

JM: Wir kommen gleich noch mal zum Thema Blues und wie viel Erneuerung der verträgt, zurück. Meine erste Frage lautete ursprünglich: Im Live-Video zu „Sweet Songs For The Dying“ ist deutlich zu sehen, dass Dein Bart vollständig ab war. Jetzt sprießt da zwar wieder was, aber im Gegensatz zum Album-Cover für „Swinging In The Dark“ wäre das nicht der Rede wert. Hat es sich ausgehippstert?
RS: Hehe.

JM: Wer ist Viktor Frankl?
RS: Oh – Viktor Emil Frankl war ein österreichischer Neurologe und Psychiater. Er begründete die Logotherapie und Existenzanalyse. Und Du hast bestimmt den Spruch auf meiner Website gelesen – oder?

JM: Ja: „Between stimulus and response there is a space, in that space lies our power to choose our response, in our response lies our growth and our freedom.”
RS: Perfekt. Das hat nämlich damit zu tun, dass ich Lehrer der F.M. Alexander-Technik bin.

JM: Nein – überhaupt nicht.
RS: Der Satz bringt die Essenz dieser Technik sehr schön auf den Punkt. In der Alexander-Technik geht es im Grunde genommen darum, zu erkennen, dass wir mit zu viel Spannung in unseren Körpern leben, uns zusammenziehen und dadurch nicht Loslassen können um zu „Wachsen“. Was mannigfaltige Ursachen hat: Erziehung, Sozialisation, unser Selbstbild usw. Bei der Alexander-Technik geht es darum, sich dieser „Über-Spannung“ bewusst zu werden. Sie zu erkennen und immer wieder abzulegen. Spannung ist ja nichts Schlechtes. Sie hält uns Aufrecht, als Gegenpol zur Gravitation und damit in Balance. Der Aus-Spruch vom Frankl bringt das deshalb so schön auf den Punkt, weil es im Prinzip sagt: Während sich das Hamsterrad dreht und wir immer weiter „blind“ reagieren, können wir keinerlei Veränderung herbeiführen. Wenn man lernt „inne zu halten“ sich orientiert und dann neu ausrichtet, dann erfährt man eine neue Lebens-Qualität. Und der Spruch verweist auf diesen kleinen Spalt zwischen Aktion und Reaktion, der uns die Möglichkeit verschafft zu wählen: Wie möchte ich Reagieren? Das setzt ganz neue Impulse!

JM: Das heißt: Wie auch Viktor E. Frankl plädierst Du für weniger reflex- und instinkthaftes Handeln, und für eine größere, neuere Bewusstheit?
RS: Sagen wir so: Die Erkenntnis, dass wir unsere Reaktionen bis zu einem bestimmten Grad bewusst steuern können, macht uns viel freier, gibt uns inneren Frieden und Selbstvertrauen, dass ist ein sehr, sehr weites Feld. Es geht nicht ohne innezuhalten!

JM: Man lernt nie aus, weil man ein Leben lang Azubi ist… Und jetzt zu einer leichteren Frage: Du hast bei Kai Lüftners „Rotz’n’Roll Radioshow“ Gitarre gespielt?
RS: Ja, aber Kai habe ich nur kurz kennengelernt. Ich hatte vor allem mit Till Sahm zu tun, der die Rotz’n’Roll Radioshow-Band geleitet hat.

JM: So – hätten wir das auch. Jetzt endlich zu Deinem neuen Album „Sweet Songs For The Dying“. Es ist nur das jüngste Projekt, bei dem Du Dich abermals geweigert hast, mit Deinem Namen und nur mit Deinem Namen für zu stehen. Weswegen nicht?
RS: Ich wollte so eine kleine Kluft schaffen. Ich wollte nicht den Eindruck vermitteln, „Sweet Songs For The Dying“ wäre ein „ neues Ron Spielman Solo-Album“ . Die Arbeit mit den Ruffcats, die ich als Rhythmustruppe bei Flo Mega und Ivy Quainoo kennengelernt hatte, hat sich in eine ganz andere Richtung entwickelt. Zuerst hatte ich gedacht: Blues-Platte. Da gehst Du rein, spielst es drauf. Prima. Und fertig. Und dazu hatte ich die Jungs auch eingeladen. Und dann kam es aber ganz anders. Denn mit den Jungs hatte ich quasi auch ihre Ideen am Hals. Joh Weissgerber, der Bassist, kommt vom Elektro. Drummer Uwe Bräunig kommt vom Hip Hop. Und ich komm vom Jazz, Blues, Rock und da hätte ich kein gutes Gefühl gehabt, wenn ich das alles nur mit Ron Spielman überschrieben hätte. Denn das sind wir alle. Als ich das dann auch so gesagt hatte, meinten Sie: Alles klar, Ron, aber Du bist von uns der Bekannteste, und dieses Momentum sollten wir nutzen. Wenigstens als kleines Sprungbrett. Also: „Spielman in Bad Company“.

JM: Ist „Sweet Songs For The Dying“ ein Album über Geld, Tod und musikalische Meta-Gedanken?
RS: Musikalische Metagedanken – soso… Ich würde sagen, zweiteres. Auf dem Album geht es schon ziemlich häufig um den Tod. Um unser Ende. Aus dem – schon sind wir beim Geld – ja auch wieder Profit geschlagen wird. Davon handelt der Song „Disbeliever“. Das fiel mir aber auch erst später auf, dass sich vieles auf dem Album, manchmal auch indirekt, um den Tod dreht.

JM: Jetzt ist das Genre Blues aber auch nicht dafür bekannt, dass Hörer vor schierem Glück ausflippen.
RS: Hehe.

JM: Auf die „musikalischen Metagedanken“ bin ich gekommen, weil es auf dem Album drei Interludes gibt. Und schon im ersten geht es darum, dass musikalische Entwicklung abläuft, wie eine Uhr, also im Kreis. Warum war Euch das wichtig?
RS: Ich glaube, das ist B.B. King, der sagt. „Es gibt nur zwölf Töne, aus denen pick ich mir die richtigen für meine musikalische Message raus.“ Und das war es auch, was uns von Anfang an klar war: Wir wollen ein Blues-Album machen, aber was kann man überhaupt aus diesem antiquierten Material noch rausholen? Wie und womit kann man es anreichern, damit es in die moderne Welt und Zeitrechnung passt? Eine Antwort wäre, dass wir unsere stundenlangen Sessions aus dem Heut und Jetzt, aus denen ja letztlich das Album entstanden ist, mit Dingen kombinieren, die unentrinnbar zum Blues gehören. Wenn Du den Islam nimmst, hast Du Mohammed. Wenn Du das Christentum nimmst, hast Du Jesus. Und wenn Du den Blues nimmst, hast Du B.B. King. Oder Robert Johnson. Denn egal, wie neu und modern unsere Sessions geklungen haben mögen – am Ende war es immer die Blues-Pentatonik.

JM: Die Stimme, die „something strange“ sagt – das bist dann auch Du?
RS: Ja. Das ist, was aus stundenlangen Sessions übrig geblieben ist.

JM: Und jetzt hilf mir bitte noch mal auf: Was soll der „Schleifen & Schnüre“-Kommentar vor „There Is No Reason“? Wie passt das in den Song?
RS: Das passt gar nicht in den Song. Pass auf: Wir waren bei Joh und haben die Vocals aufgenommen. Joh hat eine sechs-jährige Tochter und bevor wir anfingen aufzunehmen, hat Joh’s kleine Tochter so Haribo-Schnüre, saure Schnüre, gegessen. Ich mag das Zeug nicht, aber ich hab es trotzdem gegessen. Und – Du kennst die Dinger – oder?

JM: Jaja.
RS: Das sind so ekelhafte Plastikteile, mit so viel Zucker drin. Und ich habe die gegessen und gedacht: Bäh! Beim Einsingen des Intros, hab ich an die Packung gedacht, die hießen ja auch: Saure Schnüre. Und da kam es einfach aus mir heraus.

JM: Ich behaupte ja, dass das Titelstück und „There’s No Reason“ deswegen eines der stärksten Stücke auf dem Album ist, weil es mir neue Perspektiven in den und zum Blues liefert. Anders als das extrem traditionelle Instrumental „Fine Blues“. Für eine Neuvermessung oder Auffrischung des musikalischen Gedankens Blues ist ausgerechnet „Fine Blues“ nun gar nicht geeignet. Warum war es Euch wichtig, die Tradition derart gut sicht- und hörbar auszustellen?
RS: Ein Grund ist, dass ich ursprünglich an ein ziemlich traditionelles Album gedacht hatte. Und dazu hatte ich mir schon ein paar Standards herausgesucht. So ein Shuffle wie „Further on up The Road“ zu spielen, bereitet mir irrsinnig große Freude. Auch, weil es ziemlich schwierig ist, das cool und gut zu spielen. Aber auch da haben wir nicht gegen den Zeitgeist gearbeitet. Manche Sounds sind – eigentlich blues-untypisch – total verzerrt. Das Schlagzeug klingt manchmal wie eine holprige Hip Hop Programmierung. Swag-Drumming !!

JM: Aha.
RS: Früher hätt‘ man gesagt: Das ist doch falsch…….. Der kann doch nicht spielen…… So – und da hätten wir dann die moderne Komponente, mit meiner traditionellen gemischt.

JM: Ein anderer Punkt, der mich neben Deinem Gitarrenspiel ungeheuer fasziniert hat, war Dein Gesang. Timbre-technisch irgendwas zwischen Eric Clapton und Sting, hat mich ein ganz bestimmter Aspekt aber mehr umgehauen als alles andere: Du hast keinen Akzent.
RS: Mein Vater ist Amerikaner. Meine Mutter Deutsche. Hab meinen Vater auch nie kennengelernt und war auch früher nie in Amerika. Ich bin ein „Besatzerkind“, wir wohnten in der Nähe einer amerikanischen Kaserne. Ab meinem 14. Lebensjahr habe ich übers Gitarrenspiel ganz schnell amerikanische Soldaten, junge Soldaten kennengelernt, die auch musizierten. Und zwar täglich. Auf dem Kasernengelände gab es so genannte Recreation-Centers. Da konntest Du Muskeltraining machen, Basketball spielen oder Du konntest große und gut ausgestattete Musikübungsräume nutzen: drei bis vier Schlagzeuge, eine hand voll Gitarren- und Bass-Amps. Schwarze und weiße Soldaten haben sich da getroffen und gejamt. Und ich mit ihnen. Mein Bruder hatte eine unglaublich große Plattensammlung. Damit bin ich aufgewachsen. Und mit meinen Freunden habe ich nur AFN gehört. Abends getroffen und dann Radio gehört. Grand Funk Railroad. Lynyrd Skynyrd, Allman Brothers Band, Little Feat, Jimi Hendrix. Und geraucht haben wir auch schon. Bis man scheißen musste……..

JM: Hehe.
RS: Oh, mir ist übel, aber eine schaff ich noch…. Also: Ich hatte nie Gesangs oder auch Gitarrenunterricht. Das ist alles mit der Zeit und vor allem mit diesen Jungs gewachsen. Ich weiß nicht, wo der Akzent geblieben ist. Von daher: Danke für die Blumen.

JM: Ich habe zu danken. Für’s Interview.

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