„Spotify? – Das könnte ruhig mal geiler geregelt werden.“ – Lemur im Interview

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Es gibt nicht viele Rapper, denen es dermaßen wirkungsvoll gelingt, Hörern mit ihrer dystopischen Weltsicht echte Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Erst recht nicht im deutschsprachigen Hip Hop. Dabei geht es weniger um Splatter-Horror-Gore-Grusel, sondern um etwas, das einem Erweckungserlebnis à la „Verdammt-der-hat-ja-nicht-mal-unrecht“ sehr viel näher kommt. Und fast wie nebenbei stellt das verdutzte Publikum fest, dass sich diese Ein-, An- und Aussichten auch noch fantastisch reimen – na, wenn das nicht faustisch zu nennen ist… Ganz vorn dabei: Ex-Herr von Grau Benny. Als Lemur hat der ehemalige Wolfsburger und jetzt Berliner sein Debüt auf Kreismusik veröffentlicht. Wäre der Autor Lehrer, würde er „Geräusche“ zur Pflicht-Lektüre im Deutsch-LK-Curriculum erheben. Was der Beatmacher und Poetry-with-a-tempo-Urheber sagt, wenn er nicht seine Musik für sich sprechen lässt, lest Ihr hier. 

JOINMUSIC: Warum nicht Uakari, Totenkopfäffchen, oder Koboldmaki?
LEMUR: Maki war tatsächlich im Gespräch und zwar Ben Maki. Frag mich nicht wie ich auf diese Äffchen komme. Ich hab keinen Plan. Ich find die halt irgendwie spooky. Waldgeisterstyle. Und die sehen immer aus, als würden die sich wundern. Ben Maki hab ich dann verworfen. Hört sich an wie Len Faki. Ich kann mich zumindest mit den kleinen Tierchen anfreunden. Ursprünglich ist es so gelaufen, dass ich vor sieben, acht Jahren einen Technotrack gemacht habe und dafür nach einem Namen auf der Suche war. Also habe ich ein Fremdwörterlexikon aufgeschlagen. Bei „L“ und bin bei Lemur gelandet. Und dann hieß der Track damals eben „Lemur“. Für „Geräusche“ ist der mir wieder eingefallen. Dann hab ich mir die Viecher wieder angeguckt und mir gedacht, ja die sind geil. Also Lemur. Ich hätte mich auch Dirty B nennen können. Hab ich aber nicht gemacht.

JM: Braucht man „Irrsinn und Heldenmut“ (Zitat aus „Der Anfang vom Ende“ um ein Album wie dieses machen zu können?
LEMUR: Gute Frage. Irrsinn definitiv. Heldenmut nicht unbedingt. Ich muss das Intro allerdings noch erläutern. Das ist auf der letzten Tour mit meiner alten Formation Herr von Grau entstanden und zwar an dem Punkt, an dem ich am größtmöglich abgenervtesten war. Und zwar morgens irgendwann im Hotel. Total fertig. Und ich hatte keinen Bock auf gar nichts mehr und war total frustriert: Rap ist doch Scheiße. Ich stell hier mein Innerstes nach außen. Stell mich damit auch noch auf die Bühne. Und sag ich dann auch noch mal was Falsches, werde ich von allen angemeckert. Ist doch Kacke, habe ich überhaupt keinen Bock drauf und das Business ist total ekelhaft. Verkaufszahlen sprechen ja nicht immer für die Qualität der Musik. Siehe Dieter Bohlen. Und ich dachte mir, das ist doch eine prima Einleitung für das Album. So nah am Verzweifeln gewesen und trotzdem weiter gemacht. Denn läuft ja ganz nett gerade auf jeden Fall. Und wie gesagt, diese Tracks sind immer nur Momentaufnahmen. Sie stehen nie bzw. in den seltensten Fällen für gesamt gefestigte Geisteshaltungen, die ich vertrete. Sondern ich fotografier‘ nur meine Momente ab, wenn ich Bock habe, was zu schreiben. Nichts davon ist wirklich für die Ewigkeit.

JM: Du hast es ja eben schon erwähnt. Zumindest ein Track entstand noch während du Teil von Herr von Grau warst. Das Album ist also nicht in einem Rausch entstanden, sondern Stück für Stück?
LEMUR: Es sind auch schon ältere Sachen mit dabei. Es gab aber auch diese kleine Rauschphase. Das war im letzten Sommer. Da dachte ich eigentlich auch, mein Album steht. Jedenfalls von den Skizzen her, die ich hatte und hab gedacht, jetzt fang ich an aufzunehmen. Und dann hab ich mir zusammen mit dem Label eine Deadline gesetzt und es stimmt einfach: Deadlines sind der beste Kreativitätsschub überhaupt. Es ist zum Kotzen. Und immer, wenn ich gedacht hab, diesen Track nehme ich jetzt mal so auf, hatte ich eine grobe Beat-Idee im Kopf und hab dann mal so ein bisschen rumprobiert und gleich angefangen zu schreiben und hab vieles von dem, was vorher stand, komplett über den Haufen geworfen und war dann einen Monat lang, Tag und Nacht am Machen. Und das Ergebnis war vollkommen anders als das, was ich vorhatte zu veröffentlichen. Aber ein paar ältere Sachen haben es trotzdem mit drauf geschafft.

JM: Wenn man das Album in einem Zug durchhört, gibt es zwei Songs, die wirken zwar nicht wie Fremdkörper, aber sie stechen heraus. Nicht im Guten und nicht im Schlechten. Sie sprengen einfach den Rahmen, aus dem sich der Rest ergibt.
LEMUR: Lass mich raten. Das erste ist „Befehlskette“.

JM: Richtig.
LEMUR: Und das zweite. Bin ich gespannt.

JM: Eine kleine Hassmusik.
LEMUR: Ah? Aha. Ok.

JM: Steht „Befehlskette“ auch deswegen am Ende des Tracklistings? Als so eine Art Wurmfortsatz?
LEMUR: So ist es. Ich habe eine große Wave-Fanfaren-Aversion. Genau deswegen ist der Pornosynth auch drin. Bei mir wirkt das sofort tödlich und kann als Folter verwendet werden. Und genau das ist alles in Befehlskette drin. Deswegen ist der auch am Ende gelandet.

JM: Wo habt ihr den den Panzer fürs Video hergehabt?
LEMUR: Den kann man sich leihen. Google einfach mal „Panzer leihen“ dann kriegst du ein Ergebnis: „Willkommen auf Deutschlands grössten Männerspielplatz“ und da drunter: „Ein Spaß für die ganze Familie“. Man kann außerdem buchen: Das Romantik Wochenende mit drei Übernachtungen und Zwei-Gänge Candlelightmenü im Panzer.

JM: Bestens. Wieso ist Casino nicht auf dem Album?
LEMUR: Als ich die Setlist für das Album zusammengestellt habe, wollte ich mich auf 14 Tracks begrenzen und für die Dynamik bzw. die Dramaturgie hatte ich eine gewisse Wellenbewegung im Kopf. Es fängt irgendwie so deep-kellerig-drückend an, schwingt sich dann ein bisschen hoch zu Funkyness, geht dann wieder in diesen Keller, danach wieder hoch, bis es dann ganz absurd wird. Da hat „Casino“ am Ende einfach nicht mehr ins Konzept gepasst und dann dachte ich mir, raus muss es irgendwie, deswegen haben wir es als die B-Seite von der „Befehlskette“-Single rausgehauen. Erhältlich ist der also auf jeden Fall.

JM: Ich hatte mich nur gewundert. Starke Nummer. Und sogar ein Video habt ihr dazu gedreht.
LEMUR: Tatsächlich ist „Casino“ auch der erste Lemur-Track überhaupt. Das war die erste Nummer, mit der ich unter meinem neuen Namen an die Öffentlichkeit gegangen bin. Der Track auch, der mir die Türen aufgetreten hat, zu meinem neuen Label. Und zu einem ganzen Haufen, netter Menschen mit denen ich seit dem zusammenarbeite.

JM: Kanntest Du die Jungs von Kreismusik schon vorher?
LEMUR: Ja, die kannte ich. Speziell Robert und Hannes. Shaban & Käptn Peng oder besser umgekehrt Käptn Peng & Shaban. Und die kannte ich von Festivals, die wir gemeinsam bespielt hatten. In der ersten Nacht, in der wir uns kennengelernt haben, hatten wir uns bereits bombig verstanden und die ganze Nacht durchgesoffen. Das ist allerdings schon Jahre her. Seitdem haben wir uns immer mal wieder getroffen und uns so abgetastet… Irgendwann vielleicht mal ne Zusammenarbeit. Dazu ist es allerdings nie gekommen und Anfang des Jahres hatte ich mich bei Hannes also Shaban gemeldet. Wir haben uns dann getroffen. Ich habe ihm meine Situation erzählt, dass ich jetzt nach der Trennung von Herr von Grau  gerne solo etwas machen würde und er meinte: „Coole Idee. Ich hab ein Studio. Lass doch mal probemässig da zusammen aufnehmen.“ Und so ist tatsächlich „Casino“ entstanden. Der einzige Track, der dort also bei Hannes im Studio entstanden ist. Dann hab ich ihm meine anderen Skizzen gezeigt und er war so angetan, dass er die seinem Label vorgestellt hat. Dann hab ich mich mit dem ganzen Haufen getroffen und es herrschte Sympathie. So kam eins zum anderen und jetzt bin ich richtig zufrieden bei diesen coolen Spinnern gelandet zu sein.

JM: Dem Klischee nach entstehen die meisten Hip Hop Songs wie folgt: Produzent A fertig einen Beat für Rapper B, der sich dafür einen Text ausdenkt und das Ding ist im Kasten. Du machst alles allein bzw. in Personalunion. War das bei dir auch so?
LEMUR: Manchmal. Ich produziere unglaublich viele Skizzen. Ganz unfertiges, rohes Zeug. Davon sind mindestens 70 Prozent Ausschuss. Und die 30 Prozent, die übrig bleiben, enthalten irgendeine Idee oder Grundstimmung, mit der ich mich anfreunden kann. Oder irgendetwas anderes, von dem ich denke, das könnte irgendwann mal etwas werden. Da spielt im Kopf irgendein Orchester dazu, Melodien und so weiter. Und die behalte ich dann und schmeiss die in einen Pool. So eine Art Dateienliste, die ich immer mit mir herumschleppe. Und wenn mir dann mal nach Schreiben ist, klick ich den Pool durch und bleib da hängen, wo mir die Stimmung am meisten passt. Dann schreib ich meist über ganz grob skizziertes Zeug, kann auch nur ein Drumloop mit einem Beat drin sein und wenn das dann harmoniert – also ich nehm das probeweise vom Blatt mal auf – dann fang ich an, den Beat weiter zu produzieren. Mit meiner kleinen Rohspur drüber, die ich eingelabert hab. Meistens komm ich dann an einen Punkt, an dem ich denke, ja das ist cool. Aber an der Stelle müsste ich den Text weiterentwickeln und so entsteht beides im Wechselspiel miteinander. Manchmal auch gleichzeitig. Bis es letzten Endes die größtmögliche Einheit geworden ist, die ich mir vorstelle und dann nehm ich das Ganze final auf. So funktioniert es meistens. Es gibt den seltenen Fall, dass ich den ganzen Text nur mit einem Beat im Kopf aufschreibe, wenn ich z.B. unterwegs bin, in der Bahn oder so. Dann such ich aus meinem Pool irgendwas, was da schön zu passen könnte oder ich fange direkt an, etwas Neues zu basteln. Was nie passiert ist, dass ich einen Beat komplett fertig produziere und dann da drüber schreibe. Ich will keine Zeit auf Beats verwenden, von denen ich weiß, die werden eh nie was. 

JM: Das ist ja ganz schön kleinteilig. Du bist ja ein Rapper mit einem rhythmisch vielseitigen Flow. Da sind triolische Sachen dabei und so weiter und so fort und ich unterstelle Dir einmal, dass Dir das nicht einfällt, wenn Du den Text ganz grob einsingst, um zu probieren, ob er überhaupt zum Beat passt.
LEMUR: Naja, wenn ich Bock hab, zu schreiben und einen Beat aus dem Pool anwerfe, dann fange ich ja nicht an, darüber zu freestylen, sondern zu schreiben. Und da hab ich natürlich schon einen Rhythmus für im Kopf, wie das in etwa mit dem Beat zusammen kommen würde. Ich stell mir einfach den für mich optimalen, auf diesen Beat passenden Flow vor. Wie könnte ich da Sachen drauf vortragen? Zum Beispiel beim Anfangstrack „Der Anfang vom Ende“ ist der Beat ja eher tragend und dann hab ich mir überlegt: Mach ich den Flow doch auch eher langsam und tragend, aber unterbrochen von so triolischen Stolperern, um dem Ganzen einen Tick mehr Lebendigkeit zu verleihen. Und dann gibt es die ganz statischen Dinger, wo ich mir dann denke, das muss so trostlos bleiben, wie es ist. Da geh ich ganz stur und statisch drüber. Das ist immer von der Stimmung abhängig.

JM: Wann braucht ein Song einen Refrain und wann kann er drauf verzichten?
LEMUR: Das entscheide ich je nach Song. Meines Wissens gibt es dafür kein Grundrezept. Es gibt Songs, für die schreibe ich Refrains und schmeiße sie nachher wieder raus. Es ist ein Bauchgefühl, letztendlich. Ich glaube ich werde in Zukunft noch viel mehr Sachen ohne Refrain machen.

JM: Ich will nicht sagen, dass ich mir das gewünscht hätte, aber wenn es am Ende so klingt wie „Nichts bleibt für Immer“ – dann bitte mehr davon.
LEMUR: Tatsächlich habe ich auch schon zu Herr von Grau-Zeiten refrainloses Zeug geschrieben. Das waren dann aber eher so ausufernde Sprechwürste von fünf Minuten Länge, in denen ich durchgefaselt habe, z. B. „Daswiewaswiesogeschiehtdas“, das einfach nur aus Begriffen besteht, die über die Dauer von fünf Minuten aufgezählt werden. Das ist mir über die Zeit lieb geworden und vorher hat die Vorstellung der Möglichkeit gar nicht existiert, Sachen komplett ohne Schema F zu machen. Das heißt auch, mal kurze Songs zu machen, Miniaturen. Oft ist ja nach einer Strophe bzw. 16 Bars einfach schon alles gesagt. Von daher war das auch schon ein bisschen ein Findungsprozess bei diesem Album. Ich bin auch schon hart gespannt, wie das beim Nächsten wird. Ich hab jetzt schon wieder so viele Text-und Beatskizzen, die ich vielleicht gar nicht zu einem Strophe-Hook-Schema umfunktionieren will. Vielleicht einfach mal ein Album machen, das 25 Songs enthält, von denen die Hälfte nur anderthalb Minuten lang sind.

JM: Das haben die Ramones auch schon gemacht.
LEMUR: Genau, das stimmt.

JM: Da ist also schon wieder ein Nächstes in Planung. Wird auch das wieder so dunkel und düster sein? Denn wenn es eines auf „Geräusche“ nicht gibt, dann gelöste Stimmung.
LEMUR: Das kann ich zur Zeit noch nicht wirklich abschätzen. Aber ich bin voll nicht der Typ dafür.

JM: Du sagst es ja selber, „Denn passiert mir mal Scheiße, mach ich da gleich begeistert einen Beat drüber.“ (Zitat: „Für Dich“)
LEMUR: Bei mir ist Musik ja so ne Art Selbsttherapie. Dunkel ist es definitiv und ich bin tatsächlich schneller dabei, was zu schreiben, wenn es mir Kacke geht, als wenn ich gut drauf bin. Frag mich nicht, was das mal in diese Richtung getriggert hat. Letztendlich habe ich mein ganzes Leben lang Musik gefeiert, die dunkel und drückend ist. Die melancholisch ist und klingt, als würde sie aus dem letzten Kellerloch pumpen. Das Größte, was mir in meiner frühen musikalischen Sozialisation passiert ist, war Portishead. Was vielleicht einiges erklärt. Als Jungle aufkam und später zu Drum & Bass wurde, bin ich da auch richtig krass reingerutscht und selbst bei Hip Hop war es immer so, dass die düsteren und drückenden Songs zum Beispiel von Mobb Deep meine Alltime Classics waren. Letztendlich spricht mich düstere Musik mehr an und es passiert richtig selten, dass ich mal einen fröhlichen Loop produzier, obwohl ich tatsächlich nicht immer bedrückt bin.

JM: Genau, wenn es nur nach dem Album ginge, hätte ich mich nicht gewundert, wenn du mir die Tür komplett in Schwarz geöffnet hättest. Selbst die Lieder, die nicht wirklich düster, sondern melancholisch distanziert sind, wie z.B. „Du brauchst“ oder „Alles gut“ sind alles andere als lebensbejahend.
LEMUR: Tja, ich kann mir dann meist nicht helfen und muss das in eine so düstere Richtung ziehen. Irgendwie liegt mir das am meisten. Natürlich – da schreib ich auch drüber – bin ich oft auch ein depressiver Mensch. Ich glaube die korrekte Diagnose lautet Bipolare Störung, die ich da mit mir rumschleppe und ich gleich das halt mit Musik, statt mit Medikamenten aus. Dieses himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt begleitet mich, seit ich 14 bin. Ich habe das multipliziert mit ganz hartem Drogenkonsum über ganz lange Zeit und da ist natürlich einiges unaufgeräumt und das muss ich auch irgendwann mal wieder ins Lot bringen, weshalb ich auch nicht ausschließen kann, irgendwann mal das absolute Sonnenalbum mit Reggae zu machen.

JM: Auch, wenn Dir das nicht hilft – allein bist Du damit nicht. Insbesondere als Musiker. 
LEMUR: Gerade die Diagnose ist eine, die fast ausschließlich kreativ tätige Menschen bekommen.

JM: Ja, ist das so?
LEMUR: Ja, tatsächlich. Auf jeden Fall der größte Prozentsatz. Und es ist eher selten, dass man damit nach außen geht. Gerade Rap ist ja auch so ein Geschäft, wo man sich nach außen eine harte Schale verpasst und Schwäche zeigen ist nicht unbedingt modern. Ich seh da aber auch keinen Sinn drin. Ich krempel mich in meinen Texten auch von innen nach außen. Wieso soll ich das nicht machen? Anders wäre es nicht die Musik, die ich machen wollte. Klar, damit mache ich mich ein Stück angreifbar, aber das bringt das halt mit sich.

JM: Gesunde Einstellung. Erst kürzlich ist Deine Tour gestartet. Wie sieht denn das Live-Setup aus? Bist du ganz alleine?
LEMUR: Ich bin ganz alleine auf der Bühne, das erste Mal. Ich durfte das jetzt schon zwei Mal testen. Einmal auf der Record Release Show in Berlin und dann am nächsten Tag in Hamburg. In Berlin ging technisch noch so einiges in die Hose. Es war ein ziemliches ausprobieren und eben nicht so wie im Proberaum. Da hab ich ein bisschen verkackt. Habe aber von den Leuten gehört, dass die das eigentlich alle ganz gut fanden und im Übel und Gefährlich in Hamburg hat es dann ganz gut funktioniert. Und es sieht folgendermaßen aus: Ich feure meine Beats mit Hilfe eines Computers und eines Controllers ab. Mit oft absurden Remixen, die ich extra für Live angefertigt habe. Das bricht dann oft aus in Richtungen, die man so nicht bei einem Hip Hop Konzert erwarten würde. Aber letzten Endes kann man über alles rappen. Natürlich sind das dann auch Remixe von alten Herr von Grau Songs und auf keinen Fall die Originale, weil ich mir irgendwann mal vorgenommen habe, soweit es irgend geht, keine originalen Songs zu spielen. Frag mich nicht – das hab ich mir einfach so in den Kopf gesetzt. Dann habe ich einen kleinen Synthesizer und eine Loop-Machine, wo ich dann so ein bisschen Beatbox mache und einen Haufen kleiner Instrumentchen, mit denen ich dann auch Sound-Collagen mache, zu denen ich dann auch, nennen wir es Gedichte, zum Besten gebe oder besser, Sprechwürste und gestalte das Programm so komplett alleine. Habe auf Tour allerdings meinen Soundmann dabei und einen Fahrer, der sich um Merchandise und Tourmanagement kümmert.

JM: Also du reist nicht ganz allein.
LEMUR: Nee, ich hab ja noch nicht mal einen Führerschein und die Erfahrung sagt mir, dass ich nie wieder ohne eigenen Soundmann spiele. Das ist das Ärgernis Nummer Eins auf Tour. Es gibt dann immer den gelangweilten Hausmischer – meistens alte Rocker – der dann sagt: „Boah, Hip Hop und jetzt kommst Du mir hier mit Deinen drei Spuren. Ey Kackmist, ich hab schon damals Nirvana und so…“ und schaffen es dann natürlich die drei Spuren, die bei ihnen ankommen, komplett zu vergurken und sich brutal zu besaufen und nichts funktioniert mehr und dann gibt es dann so Monitor-Pingpong und da habe ich dann überhaupt keinen Bock drauf. Aber jetzt hab ich auch den Jens dabei, der auch der Soundmann bei Shaban und Käptn Peng ist. Der ist mit dabei und der ist auch ne geile Sau. Der ist super. Also, ganz allein unterwegs bin ich nicht, Das ganze Tourmanagement ist ja auch ein Job für sich. Um den ich mich nicht so gern kümmer‘, wenn ich am selben Abend noch ein Konzert spielen muss.

JM: Nach den ersten beiden Shows – kannst Du da schon resümieren. Hast Du Dich alleine wohl auf der Bühne gefühlt oder hättest Du Dir manchmal jemanden gewünscht, der…
LEMUR: …unterstützend dabei ist? – Nee. Würde da noch jemand stehen – ich wüsste gar nicht, was der machen sollte. Nach Herr von Grau find ich’s voll geil, mal wieder meine komplette Ego-Spielwiese zu haben. Ich kann improvisieren, wie ich Bock habe, ich kann alles über den Haufen werfen und was ganz anderes machen und es bleibt auch nur an mir hängen, ich muss mich nicht mit jemandem absprechen und kann mich komplett austoben, ohne mich vor jemand anderem dafür rechtfertigen zu müssen, dass jetzt so gemacht zu haben und nicht so. Und ich denke, ich bin live so versiert, dass ich einfach kein Backup brauche. Klar kommt das live immer mächtiger, wenn da noch acht Typen stehen, die mitbrüllen, aber gerade jetzt bin ich auf das Allein-auf-der-Bühne-sein richtig geil. Es ist zwar immer noch so ein wenig rumexperimentieren, aber da freue ich mich drauf.

JM: Die Egospielwiese – war die Dir auch bei der Zusammen- und Fertigstellung das Albums wichtig? War das ein Befreiungsschlag?
LEMUR: Und ob das ein Befreiungsschlag war. Ich bin eh so ein Typ, der mit der Situation im Studio nicht so gut kann. Weil allein der Gedanke, ich habe einen Termin, jemand opfert seine Zeit dafür und ich muss dann funktionieren und das bleibt dann für immer so – diese Sachen krieg ich nicht aus meinen Körper. Und das macht keinen Spaß. Jetzt habe ich alles zuhause, d.h. ich kann, wenn’s mich überkommt, direkt in die Gesangskabine – es geht ja heutzutage wirklich relativ einfach, sich selber aufzunehmen – und dann mach ich das halt. Das ist ’ne ganz andere Nummer. Und war auch eigentlich eine logische Konsequenz – weil ich die ganzen anderen Beats ja auch alle programmiert habe – dass ich auch selber mische. Es ist ja meine Mukke und ich hab genaue Vorstellungen darüber, wie sie klingen soll. Und jetzt war es tatsächlich zum ersten Mal so: Ich bin mit meinen Roh-Mixen zu meinen Masteringmenschen gegangen und hab ihm gesagt: „Hier, das ist so ungefähr, was Dich erwartet“ – weil ich vorhatte, dass erst noch mischen zu lassen. Und er meinte: „Bist Du bekloppt? Du machst das genau so.“ Also hat er lediglich das Stem-Mastering übernommen, heißt: Ich habe ihm den Beat einzeln und die Vocals einzeln gegeben, damit er das größtmöglich dick machen konnte.  Und das klappt prima.  Ich hab mir das mit dem Mischen innerhalb von zwei Monaten raufgeschafft, also das ganze technische Wissen, das man dafür ja auch definitiv braucht – das ist ja nicht alles nur Gefühl. Aber es scheint, dass ich das intuitiv und aus dem Bauch raus alles ganz richtig gemacht habe. Ich hab da meine alten Kopfhörer, mit denen ich die ganze Zeit produziere …

JM: Echt – machst Du das ohne Abhöre?
LEMUR: Hier das sind sie. (zeigt ein Paar 20-Euro-bei-Conrad-Ohrschalen-mit-einem-Bügel-dazwischen)

JM: Das glaub ich jetzt nicht.
LEMUR: Doch.

JM: Nee, ne?
LEMUR: Doch. Ich hab mich so auf sie eingeschossen, dass ich damit den Großteil vom Sound mache. Was die nicht können, ist obenrum wirklich ehrlich abbilden. Dafür hab ich dann aber noch eine Abhöre. Das heißt, ganz am Ende kille ich noch mal oben alles, was schlecht klingt.

JM: Krass – ich hätte jetzt wenigstens was Amtliches von AKG oder Sennheiser erwartet.
LEMUR: Naja. Meine 20 Euro Muscheln simulieren halt irgendwie nen Club.

JM: Und warum Kopfhörer? Wegen der Lautstärke-Situation?
LEMUR: Ja, größtenteils. Das Haus hier ist ziemlich hellhörig. Sobald ich anfange, wirklich was mit Bass zu machen, haben meine Nachbarn keinen Spaß mehr. Und das Produzieren über Kopfhörer mache ich schon Jahre und jetzt will ich es nicht mehr missen. Ich habe mich eingegroovt.

JM: Koze sieht das ähnlich. Er behauptet, man sei einfach „näher dran“ an der Mukke.
LEMUR: So isses bei mir wahrscheinlich auch. Ich bin dann auf einmal mitten drin in der Mukke und wenn’s mich über die wegschiebt, hab ich ziemlich viel richtig gemacht. Aber Koze klingt auch so ein bisschen so, als würde er das über Kopfhörer produzieren – das klingt alles so schön verspielt.

JM: Aber wir wollen ja nicht über Koze, sondern über Lemur sprechen. Und wo wir dank Koze schon mittendrin stehen im Club und Du eingangs erwähnt hattest, dass die ganz Lemur—Chose mit einem gleichnamigen Technotrack begonnen hat – machst Du andere Sachen, aktuell?
LEMUR: Immer mal wieder. Ich nehme mir halt seit gefühlten drölfzig Jahren vor, eine Instrumental-Platte zumachen. Für die ich jetzt kein Genre benennen könnte, außer: Musik ohne Gelaber. Da gibt’s housige Sachen, da gibt’s technoide Dinger, da gibt’s aber auch Kram, der unter Instrumental Hip Hop läuft und dann noch irgendwelche Spielereien, also irgendwie elektronische Musik. Das will ich schon immer machen, so eine Platte. Ich komm boß nicht dazu, weil mir das Gelaber immer in die Quere kommt. Jedenfalls soll wenigstens mal ne EP rauskommen.

JM: Aber nicht unter Lemur…
LEMUR: Nee, unter Ben Maki. Hehe.

JM: Verfolgst Du, was Zeitgenossen treiben?
LEMUR: Geringfügig. Ich komm einfach selten dazu, wirklich Mukke zu hören. Und es gibt bestimmt einen Haufen geiles Zeug. Und seit ich Anfang des Jahres gedacht habe, ich mache mich mal komplett selbständig, hieß das auch, dass ich mich wirtschaftlich selbständig mache. Und seither ist so verdammt viel los gewesen – ich komm einfach nicht zum Mukke-Hören.

JM: Immerhin gehörst Du zu denjenigen, die sich gegenüber Musik von anderen nicht komplett verschließen. Ich treffe immer wieder auf Musiker, die aufgehört haben, andere Musik als ihre eigene zu hören. Die sagen dann: Ich will nach innen horchen.
LEMUR: Das ist ja eigentlich auch schon ein ganz guter Ansatz. Bei mir funktioniert das aber eher automatisch. Ich höre selten Musik von anderen, weil ich zeitlich nicht dazu komme, deswegen habe ich schon so einen Insel-Produktions-Charakter. Aber ich würde gern mehr Zeit haben, um Musik von anderen zu hören. Beim Thema Deutsch-Rap gibt’s zum Beispiel einiges, was ich richtig geil finde: Edgar Wasser find ich ziemlich interessant. Oder meine Label-Kollegen, die natürlich eine ganz andere Richtung fahren. Die musst Du übrigens unbedingt mal live sehen. Gibt auf jeden Fall interessante Dinge – ich kenn’ halt höchsten ein Zwanzigstel von dem, was ich eigentlich kennen müsste.

JM: Super-Sprungbrett – rein hypothetisch, würdest Du machen, was Dendemann gerade macht?
LEMUR: Was macht denn Dendemann gerade?

JM: Der ist Show-Band-master bei Jan Böhmermann – einem Harald Schmidt für Berufsjugendliche.
LEMUR: Oh, das ist ja ein eindeutiges Urteil.

JM: Dendemann fand ich aber immer gut.
L: Ich auch, Er war ja derjenige, der diese unglaublichen Reimketten im deutschen Rap etabliert hat. Zu der Zeit war ich nicht Berufsjugendlicher sondern ganz amtlich Jugendlicher, und hatte gerade mit Kiffen und all so was angefangen. Und dann kam er mit „Immer gut wenn man die Jungens von der Plattenfirma kennt, mein Licht wirft permanent einen Schatten auf’s Firmament“. Und das hatte vorher noch niemand gemacht – dass sich der ganze verschissene Satz reimt. Aber eben nicht so ein Technikgewichse wie heute, wo Leute dann Silben zählen und der Vergleich muss auf jeden Fall soundso kommen. Da gibt es ja regelrecht wissenschaftliche Jugendbewegungen, die so was analysieren. Finde ich ganz schrecklich. Letztendlich geht es mir um die Seele der Musik und bei Dende kam das einfach so was von aus der Hüfte gekackt. Der hat das halt voll revolutioniert. Und ich war damals ein großer Anhänger des Menschen. Und der ist jetzt also Show-Band-Moderator – also das wär nichts für mich. Mal abgesehen davon , dass ich nicht der Typ für’s Fernsehen bin…

JM: Hast Du als wirtschaftlich selbständig agierender Musiker eine Meinung zu Spotify?
LEMUR: Ja. Ich hab vor zwei Wochen erklärt bekommen, was das ist. Ich bin so gar nicht internet-affin. Bis vor drei Jahren hab ich auch gar kein Netz gehabt. Und ich fang jetzt erst an, mich über so etwas zu informieren. Und ja – da bleibt für mich irgendwie nüscht übrig. Außer ein  paar Cents. Das könnte ruhig mal geiler geregelt werden. Ganz im Ernst.

JM: Das wird die Überschrift. Danke für das Interview.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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