„Tom Waits Covern? – Hab ich mich nicht getraut.“ – Jesper Munk im Interview

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Der wilde Westen mag gleich hinter Hamburg anfangen – das ur-amerikanische Kapitel, das Blues genannt wird, ist aus deutscher Perspektive derzeit im Paris Bayerns – München – zu Hause. Und einen Namen hat es auch noch: Jesper Munk. Gitarrist und Rock-Röhre in Personalunion, veröffentlicht der erst 22-jährige Beau mit dem großartigen „Claim“ bereits sein zweites Album. JOINMUSIC erwischte das German Wunderkind fernmündlich und war dem ebenso unprätentiösen wie galanten Charme-Bolzen sogleich erlegen. Und gleich zum Wesentlichen:  

JOINMUSIC: „Einen heben gehen hat erste Prio“ lautete die Überschrift zu einem Interview, das Du gegeben hast. Du wirst aber nicht mehr nach dem Ausweis gefragt, wenn Du harten Stoff kaufst, oder?
Jesper Munk: Nicht immer, manchmal. Und Du?

JM: Nein, ich bin ein alter Sack. Zurück zur Zukunft: Bist Du eher lieber Gitarrist oder eher lieber Sänger?
JESPER MUNK: Ich glaube beides im gleichen Maße. Jetzt wirklich. Ohne da den easy way out zu nehmen, aber mir macht beides gleich viel Spass.

JM: Und das, obwohl Du Gitarre spielen erst mit 17 gelernt hast? 
JESPER MUNK: Mit 17,5.

JM: Und vorher kein anderes Instrument?
JESPER MUNK: Doch, Bass mit 16.

JM: Ja gut, aber das zählt nicht. Verwunderlich – speziell in der Familienkonstellation mit einem musizierenden Vater ist das doch eher unüblich, oder? 
JESPER MUNK: Ja, ich hatte das Glück, dass mein Vater trotz seiner eigenen Interessen gesagt hat, dass es ein Schmarrn ist, mir das aufzuzwingen und mich da irgendwie zum Unterricht zu schicken und so hab ich mir den Zeitpunkt selbst wählen können.

JM: Jetzt spielt dein Vater ja in Deiner Liveband. Ich kenne das sonst nur von The Brew. Ist das komisch? Macht man da nicht Sachen, von denen die Eltern besser nichts mitkriegen sollen?
JESPER MUNK: Mein Vater war dabei, wird aber in Zukunft aber nicht mehr in der Liveband mitspielen. Wir haben einen neuen Bassisten, den Sasse. Der ist jetzt auch schon seit 1,5 Jahren Ersatzbass quasi, wenn mein Dad nicht konnte und das ist auch der Grund für den Wechsel in der Live-Besetzung: Mein Vater hat einen ordentlichen Beruf, als Journalist. Und hat so selber genug zu tun. Und das spielen in der Liveband ist zu so etwas wie einem zweiten Beruf geworden und zwei hauptamtliche Berufe sind einer zu viel.

JM: Nochmal kurz zurück zum Gitarrespielen. Mit 17,5 Jahren das Instrument lernen und als 22-Jähriger das zweite Album mit gitarrenlastiger Musik aufnehmen – übst Du viel?
JESPER MUNK: Leider nicht. Ich würde gerne mehr üben. Im Moment versuche ich mich im Klavierspielen. Seit ungefähr einem halben Jahr versuche ich, mir das selber beizubringen und das übe ich auch im klassischen Sinne, aber nur weil ich im Moment Bock drauf hab. Bei der Gitarre ist es so, dass ich quasi übe, wenn wir proben, oder wenn ich Songs schreibe. Aber ich sitze nicht zu Hause und übe mich, so wie man sich so übt.

JM: Also keine Tonleitern oder Czerny-Etüden?
JESPER MUNK: Nein, ich bin ganz schlecht in allem, was mit Musiktheorie zu tun hat und war auch immer der schlechteste Musikschüler. Also wirklich der schlechteste Schüler in Musik, das ich bis zum Ende belegt hatte – was sich irgendwann als problematisch herausgestellt hat, weil ich Noten lernen sollte und darauf keinen Bock hatte. Ich bin auf jeden Fall kein Techniker. 

JM: Du musst also immer Deine Mitmusiker fragen, was die Paralleltonart von xy ist?
JESPER MUNK: Gott sei Dank schreib ich meine eigenen Songs und das mit der Paralleltonart ist dann reichlich egal.

JM: In letzter Zeit habe ich häufig mit Musikern gesprochen, die sagen „Nö, Musik von anderen hör ich mir nicht an. Da verunreinige ich mich nur.“ Du scheinst da eine andere Haltung zu zu haben?
JESPER MUNK: Ja.

JM: Wenn Du hört – wie hörst Du? Spotify? Vinyl?
JESPER MUNK: Naja, unser Schallplattenspieler in der WG ist im Arsch, deswegen hör ich im Moment gerade nur über meinen Laptop also von iTunes runter. Ich versuch auch immer Wave-Dateien zu importieren und nicht auf mp3 zu komprimieren. Da gibt’s auch einen witzigen Beitrag auf http://theghostinthemp3.com/. Da gibt es einen Track, der generiert wurde, mit dem Material, das bei der Komprimierung weggeschnitten wurde – klingt reichlich spooky. Ansonsten höre ich am liebsten Vinyl.

JM: Darf ich fragen, wie Du zu bzw. auf Tom Waits gekommen bist, dessen Schaffenshöhepunkt ja weit vor Deiner Geburt lag?
JESPER MUNK: Mein Dad hat versucht, mir das nahe zu bringen, als ich noch eindeutig zu jung war, so mit 13, 14. Aber er hat es auch nicht erzwungen oder irgendwas und nur gesagt „Jesper, dass verstehst Du schon noch“ oder so was. Und dann bin ich auf Umwegen noch mal zu Tom Waits gekommen und dann hat’s mich kalt zerrissen.

JM: Kannst Du Dich an einen ganz besonderen Schlüsselmoment erinnern? Einen bestimmten Song oder ein bestimmtes Album?
JESPER MUNK: Die absolute Endbegeisterung war dann bei „Nighthawks at the Diner„.

JM: Warum hast Du dann keinen Tom Waits Song gecovert?
JESPER MUNK: Ich hab’s mir nicht getraut.

JM: Ehrliche Antwort.
JESPER MUNK: Ich muss mich mit Covern schon so identifizieren können, dass ich sie wiedergeben kann und bei Tom Waits ist es so, dass die meisten Songs hauptsächlich Geschichten sind und die leben von seiner typischen Darstellung und Interpretation und von dem Charakter, den er teilweise spielt.

JM: Das heißt, Du hast große Schuld auf Dich geladen und kannst Dich deswegen mit „Guilty“ identifizieren?
JESPER MUNK: Der Song hat auf jeden Fall auch seine Wahrheitsgehalte – auch auf mein Leben bezogen.

JM: Und Randy Newman gehört auf jeden Fall zu Deinem Hörrepertoire? Oder gibt es zu dem Song und wie Du dazu gekommen bist, eine spezielle Geschichte?
JESPER MUNK: Randy Newman habe ich nie viel gehört. Der Song wurde mir nahe gebracht von dem Designer für die Albumgestaltung beider meiner Alben, Michael Dorn. Der hat mir den Song gezeigt und zwar in einer Version, in der er ihn gecovert hat und das war so großartig – da war er so alt wie ich und hatte irgend so eine Liveaufnahme, wo er den Song gesungen hat – dass ich ihm bei einem Konzert als Dankeschön an ihn für die tolle Arbeit (er ist auch ein guter Freund von mir) den Song gewidmet hab und seitdem spiel ich den live; und seitdem ist auch viel passiert – und deswegen passt der jetzt auch auf’s Album.

JOINMUSIC: Apropos: „Soldiers of Words“ – ist das ein Duo oder ist das zweimal Du?
JESPER MUNK: Das bin zweimal ich.

JM: Und live, wie machst Du das da?
JESPER MUNK: Das überleg ich mir auch gerade. Danke. Jetzt hast Du mich wieder dran erinnert. 

JM: Was auf dem Album allein schon beim Tracklisting heraussticht, ist „Reeperbahn“. Dass ein deutschsprachiger Künstler englischsprachige Musik macht und einen seiner Titel mit „Reeperbahn“ überschreibt, ist auch nicht so häufig. Wie ist es dazu gekommen?
JESPER MUNK: Wenn wir in Hamburg waren, waren wir immer auch auf der Reeperbahn und ich mochte Hamburg von meinem ersten Besuch dort und ich nehme mal an, dass die Reize, die man so aufnimmt in Städten, die man gerne hat oder die einen so beeindrucken, dann stärker sind und mehr davon übrig bleibt und da hab ich mich oft und gerne an die Geschichte zurück erinnert, von dem Typen, der sich da auf der Reeperbahn verliebt.

JM: Ich stell mir gerade vor, wie das im Studio war, beim Einsingen. Hast Du Dir da überlegt, ob es jetzt Rieperbähn oder Räperbaaahn heißen soll?
JESPER MUNK: Ich hab’s so ausgesprochen, wie es aus mir rausgekommen ist. Ich weiss auch gar nicht: Was sagt denn ein Amerikaner, wenn er Reeperbahn sagt?

JM: Müsst ich mal einen Ami fragen. Wie kommt es eigentlich dazu – und das möchte ich als Kompliment verstanden wissen – dass Du komplett akzentfrei singst?
JESPER MUNK: Ich bin mit sehr vielen Ghanaern aufgewachsen, in einem Hinterhof von einem Restaurant. Und in der Küche haben ganz viele junge Männer aus Ghana gekocht und die haben uns quasi das Fussballspielen beigebracht und zwar auf Englisch. Ganz abgesehen davon, dass wir einen englischen Nachbarn hatten, der der Ex-Mann von meiner Ma ist.

JM: Hast Du jemals in Erwägung gezogen auf Deutsch zu singen, Stichwort „Stoppok“. War das je eine Option?
JESPER MUNK: Also, wenn zu mir jemand sagt, ich soll auf Deutsch singen, dann kann ich auch antworten, dass er jetzt seinen Beruf ändern soll. Das hat so gar keinen Inhalt. Du weißt, was ich meine? Ich habe auch nie viel deutschsprachige Musik gehört, deswegen hat sich das als Option nie angeboten, im Gegenteil: Es hätte sich total unnatürlich angefühlt. Ich schreibe deutsche Gedichte, aber keine Songtexte.

JM: Und die werden wann veröffentlicht?
JESPER MUNK: Hoffentlich nie.

JM: Mal gucken, wer dann Deinen Nachlass plündert, so in 100 Jahren… Letzte Frage: Auf dem ersten Album warst Du mit Zigarette und reichlich Rockergeschmeide – ich sag mal bösartig Keith Richards Schmuck – zu sehen. Auf dem zweiten Album auch – gehört das dazu, ist das Teil des Image, das der dreckige Blues mit sich bringt?
JESPER MUNK: Ich hab’s mir nicht ausgesucht. Also, es war jetzt nicht so: Ok, ich mach jetzt die Musik, da muss der Rest auch dazu passen und deswegen fange ich jetzt an zu rauchen und zu saufen und zieh mir genau die Ringe an. Der wurde mir übrigens geschenkt. Zweitens finde ich, ist es auch immer eine schöne Erinnerung an den Wert des Lebens durch die Gegenüberstellung mit dem Tod. Und der Rest ist halt genauso wie ich bin. That’s what you get.

JM: Danke für das Interview.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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