„Vorlieben? Nö, wir sind polyamourös: Alles, was geil ist.“ – Junior im Interview

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Junior sind eine Band, wie man sie selten trifft. Selbst in ihrer gemeinsamen Wahlheimat Berlin: Sänger-Texter Ian Fisher – ein Intellektueller vom Schlage Schopenhauers, der wegen Amerika mit seinen amerikanischen Wurzeln hadert – und Fabian Kalker -musikhauptverantwortlicher Multiinstrumentalist und Studio-Tüftler – der mit allen Wassern des deutschen Kunst- und Theaterbetriebs gewaschen ist. Ihr Debüt „Self Fulfilling Prophets“ erschien bereits Anfang 2014. Und schon im Herbst desselben Jahres veröffentlichten die beiden mit „Junior vs. Shakespeare“ eine wohlklingende Hommage an den wohl ewigsten aller Theaterautoren zu dessen 450. Geburtstag. Das Geschenk auspacken fiel dem Jubilar aus bekannten Gründen schwer – dafür freute sich der Rest der noch lebenden Menschheit umso mehr. Wie es überhaupt zu diesem Projekt kam, warum Shakespeare nach so langer Zeit immer noch funktioniert und wieso Ian Fisher in jedem Interview auf Erich Fromm angesprochen wird, darüber ließen sich die beiden Hyper-Sympathen im Gespräch mit JOINMUSIC aus.  

JM: Ihr seid ja jetzt gerade schon wieder auf Tour – nachdem Ihr 2014 einmal zu Anfang des Jahres und dann erneut im Herbst Euer Debüt-Album live vorgestellt habt – heißt das, dass Ihr ausschließlich Material von der Shakespeare-Platte spielt?
FABIAN: Nein. Das wäre zu wenig. Und außerdem ist die ja so ganz anders als unser Debüt.
IAN: Ein paar Sachen vielleicht, aber ich bin der Ansicht, dass wir uns an das Junior-Material halten sollten. Wir treten ja als Junior auf und innerhalb dieses Kontextes ist es wohl besser, Junior Songs zu spielen.
FABIAN: Und live ist Junior eigentlich auch eher eine Dance Band. Das Material von der Shakespeare-Platte in diesen Live-Dance-Kontext hineinzuarbeiten hat erstens super viel Spaß gemacht und funktioniert zweitens viel besser als gedacht.

JM: Ist das so? Kann das passend gemacht werden?
FABIAN: Es war nicht einfach, vor allem, weil diese Shakespeare Songs ja alle recht dark sind. Wir könnten auch niemals alle Songs hintereinander spielen. Es gab also die Herausforderung, die in das Set einzubauen, dass sie passen. Ich glaube auch nicht, dass wir jetzt jede Show alle Shakespeare Songs spielen werden. Aber so ein paar passen echt extrem gut. Besser als wir gedacht haben.
IAN: Das letzte Mal in München haben wir fast alles von der Shakespeare-Platte gespielt und die Leute sind vollkommen drauf abgegangen. 

 JM: In Stuttgart spielt Ihr gleich zwei mal – habt Ihr da eine besondere Fan-Basis?
FABIAN: Also da ist der Rainer Bocka, der macht da das Cafe Galao, eine Institution in Stuttgart. Und da haben wir vor einem Jahr auf der Release-Tour gespielt, ein ganz kleiner Laden. Und  ihm hat’s gefallen und dann hat er uns eingeladen für sein Marienplatz-Festival, wo wir dann quasi als Headliner vor 3-4.000 Leuten gespielt haben. Und das ist eben einer von denen, die uns ganz besonders supportet und unterstützt.  Außerdem ist er ein toller Typ. Und weil der Laden so klein ist, hat sich das quasi angeboten, dort zweimal zu spielen.

JM: Wie zu lesen war, ist das ganze Shakespeare Ding aus einer Theater-Gala entstanden.
FABIAN: Weniger eine Gala, als vielmehr ein Theaterstück. Als Komponist arbeite ich häufig für größere Theaterproduktionen unter anderem am Residenztheater in München. Letzten Januar gab es da eine Premiere mit einem Shakespeare-Abend, „Was Ihr Wollt“, und da habe ich den Ian quasi reingebracht als Sänger bzw. Hof-Narr.  Und für dieses Projekt sind die Songs entstanden. Und parallel habe ich daraus ein Platte gemacht.

JM: Ian, hattest Du vorher schon mit Shakespeare-Texten gearbeitet?
IAN: Nein, noch nie.

JM: Und wie war das, Texte zu singen, die Du nicht selber verfasst hast?
IAN: Es war nicht wirklich eine große Sache. Ich meine, ich bin ja quasi mit dem Spielen von Coversongs groß geworden und habe später damit mein Lebensunterhalt verdient. Wenn Du das eine Weile gemacht hast, fällt es Dir sowieso immer leichter. Und wenn Du den Song magst, ziehst Du Dir Deine ganz persönliche Bedeutung raus. Es ist eigentlich wie bei einem Schauspieler, der in eine Rolle schlüpft. Von daher hat es sich nicht komisch angefühlt. 

JM: Habt Ihr an den Originalen noch viel herumdoktoren müssen?
FABIAN
: Es gibt Veränderungen, ja. Aber relativ minimal. Das Englisch von Shakespeare ist ja ein wenig anders als das, was wir so kennen. Wir haben sehr subtil ein paar grammatikalische Sachen geupdated, teilweise mussten wir ein paar Silben drehen, aber insgesamt waren unsere Eingriffe eher homöopathisch, weil wir den ursprünglichen Sprach-Duktus auch gerne beibehalten wollten.

JM: Musstet Ihr an den Sachen, die für die Bühne konzipiert waren, für den Tonträger anpassen bzw. abwandeln müssen? 
FABIAN: Im Grunde genommen war es genau umgekehrt. Die Songs, so wie sie auf der Platte sind, sind so, wie sie ursprünglich gedacht waren. Und so wie sie auf die Bühne gekommen sind, sind sie anders. Relativ anders. Die Musik muss über einen ganzen Abend lang szenisch passen, die Strophen sind nicht so wie auf der Platte, aber das ist eigentlich ein ganz üblicher Prozess. Und was Du auf Platte hörst, ist sozusagen die Vorversion.

JM: Ist das Komponieren für’s Theater mit all seinen Restriktionen und Konzessionen anders als bei anderen Projekten? Oder kann man sich zunächst auch einfach mal inspirieren lassen?
FABIAN: Ich lass mich mal inspirieren, ich weiss selber nicht, was passiert, heißt: Ich schlafe bis zwölf, guck ’nen Film, dann fang ich an zu saufen und dann bin ich im Club und dann mach ich das ein halbes Jahr – das kommt beim „Ich lass mich mal inspirieren“ raus. Was ich damit meine ist: Es gibt kein Resultat ohne irgendeinen Rahmen. Und das ist manchmal total schrecklich. Ich mach ’nen Beat oder ich schreib ’nen Song, aber schon am nächsten Tag würde ich den komplett anders machen. Und am Tag drauf auch. Das Drama besteht ja darin, sagen zu können, so wird’s gelassen, so ist es gut. So kann es jemand hören. Ich glaube sogar, dass diese ganzen Beschränkungen gut sind. Auch wenn ich mit der Antwort Deine Frage in Geiselhaft genommen hab. Das größere Problem bei einer Theaterproduktion ist, dass es nicht hauptsächlich um Musik geht. Musik ist im Theater nur ein Teil von einem größeren Ganzen.

JM: Das heißt: Ob Theater-Komposition oder nicht, letzten Endes geht es um die Anzahl der Freiheitsgrade. Bestimmte Rahmenbedingungen wird man immer erfüllen müssen, und sei es, dass ein Popsong einen Refrain haben muss.
FABIAN: Richtig, Spielregeln halt. Die hatten wir übrigens auch bei „Self Fulfilling Prophets“, das wir relativ dogmatisch angegangen sind. Wir hatten eine begrenzte Anzahl von Instrumenten – es sind auf allen Stücken immer die fünf gleichen Instrumente –  ein einziger Vokal-Sound, also eine Einstellung, um die Stimme aufzunehmen. Und das wars. Man kann sich immer seine Tool-Box hinlegen und sagen, so, damit wird jetzt gearbeitet. Sonst kann man ja mit allem arbeiten.

JM: Hast Du Dich währenddessen dabei ertappt, zu überlegen, Mensch, das ist doch Shakespeare, da könnte man doch auch mal eine mittelalterliche Melodie einbauen oder hier würde eine Kirchentonart gut passen?
FABIAN: Nein. Nie. Nie. Auf keinen Fall. Vom Ding her wären das die stinkigsten Socken, die man sich überhaupt nur vorstellen kann.

JM: Anlass für die Shakespeare-Platte war ja das 450. Jubiläum des englischen Dichters. Sind von der CD tatsächlich nur 450 Stück gepresst wurden?
FABIAN: Also es ist so: Das Theaterstück ist ein richtiger Hit. Es ist über 50 Mal gespielt worden, jedes Mal ausverkauft vor 900 Leuten. Und ich wusste irgendwie, dass die CD ein geiles Ding ist. Nach vielem hin und her habe ich mich mit dem Theater darauf einigen können, dass die CD quasi mit/im Programmheft verkauft wird. Und davon sind inzwischen 5.000 Stück verkauft. Dazu muss man wissen, dass das nur die Leute kaufen können, die das Stück geguckt, ein Ticket gekauft und beim Rein- oder Rausgehen auch das Programmheft gekauft haben. Und inzwischen fragen die Leute: Ist das das Stück mit der Musik? Und wir haben uns halt gefragt, wie kann man das Leuten zugänglich machen, die nicht nach München ins Theater kommen können? Und darauf hin haben wir eine auf 450 Stück limitierte und von uns signierte Edition gemacht, die man kaufen kann, wenn man nicht die Möglichkeit hat, ins Theater zu kommen.

JM: Wie gestaltet sich eigentlich Eure Zusammenarbeit – ist das strikt aufgeteilt in Ian Text und Jan Ton oder kommt es vor, dass Ihr Euch gegenseitig Ratschläge erteilt bzw. reingrätscht?
FABIAN: Die ganze Zeit. Das ist das, was es am Ende auszeichnet. Bei der Shakespeare-Platte waren die Texte ja vorgegeben. Und die Hälfte der Songs hatte ich schon fertig geschrieben inklusive der Gesangsmelodie usw. Und das geht auch nur, wenn auch ich den Text kenne, genauso wie Ian Sound braucht, um am Text zu arbeiten. Eigentlich ist es ein ständiger Austausch. Das Interessante daran ist – bei Shakespeare war das jetzt ein wenig anders, aber – wenn wir sonst an Junior Sachen arbeiten ist es häufig so, dass wir sagen: Ja, ist ganz geil, aber nicht Junior. Es ist gut, aber nicht kohärent zu unserem Oeuvre. Und das passiert sehr häufig. Und wird dann weggelegt.

JM: Wie komponierst Du, wenn Du komponierst – Rechner oder Notenblätter?
FABIAN: Das mache ich alles am Rechner. Aber ich schreib ja auch manchmal für Streichquartette, Orchester oder andere Bands. Und da ist das dann je nach Bedarf und kann auch sein, dass das auf Notenblättern passiert.

JM: Theater, Dance, Hip Hop, Pop, Streichquartette – was komponierst Du denn nicht?
FABIAN: Hans Zimmer Soundalikes.

JM: Gibt es unter all den verschiedenen Genres eine geheime Liebe?
FABIAN: Nee, ich bin polyamourös. Alles, was geil ist.

JM: Ian – hast Du neben Junior noch andere Musik-Projekte laufen?
IAN: Ja und ich mag das. Auch wenn das termintechnisch manchmal ziemlich schwierig ist. Aber um all die verschiedenen Ideen, die ich habe, ausprobieren zu können, braucht es verschiedene Ventile. Das gilt nicht nur für Musik und Text, sondern auch für die Art der Darbietung, also live. Wenn ich innerhalb des Junior-Rahmens auftrete, ist das ganz was anderes, als unter meinem eigenen Namen zu performen.

JM: Was ist daran anders?
IAN: Naja, auch als Performer auf der Bühne nimmst Du eine bestimmte Rolle ein. Ich finde es wichtig, dass man sich über diese Bühnencharaktere und was sie voneinander unterscheidet bewusst ist. Mit Junior ist auf der Bühne viel mehr Sex und Körperlichkeit im Spiel, aggressiveres Flirten mit dem Publikum, mehr Bewegung, mehr Extrovertiertheit. Wenn ich unter meinem eigenen Namen auftreten, stehe ich nicht auf der Bühne, um jemanden zu unterhalten. Da bin ich viel introvertierter. Was wiederum an der Dialektik von Musik und Auftritt des Interpreten liegt. Das muss zueinander passen, Sonst hält Dich niemand für authentisch. Und die Musik, die ich als Ian mache, ist sehr viel verkopfter, düsterer, und gnadenloser als der lebensfreudige Sound von Junior.  

JM: Ian  – warum hast Du die USA verlassen?
IAN: Mist – jetzt muss ich alle meine Termine für heute canceln… Es ist eine lange Geschichte. Aber anfangs ging es um einen Studentenaustausch. Ich habe ein Jahr lang in Wien studiert. Ansonsten ist Deine Frage nicht leicht zu beantworten, Es gab und gibt sehr viele verschiedene Gründe. Einer der wichtigsten war, dass ich mich für Politik interessiere. Und weil ich das tue, ist es mir in den USA immer schwerer gefallen, morgens überhaupt aufzustehen, wegen dem ganzen Mist, der dort tagtäglich passiert. Natürlich gibt es auch in Deutschland Sachen, die schief laufen. Der ganze Pegida-Bullshit zu Beispiel. Mir geht es aber um den Alltag. Um das tägliche menschliche Miteinander. Und da ist mein Gefühl, dass die Sozial-Systeme in Europa der Gesellschaft einen besseren Dienst erweisen: Die Schere zwischen den ganz Armen und ganz Reichen ist nicht ganz so extrem, die unverhohlene Instrumentalisierung der Medien durch Welt- Konzerne gibt es in diesem Ausmaß nicht. Es fühlt sich alles an, wie in einem dystopischen Roman. Hier in Europa erscheint es mir nicht ganz so schlimm. Aber vielleicht ist das auch nur, weil ich eben ein Ausländer bin.

JM: Wow – Du bist durch mit den USA, oder?
IAN: Nee, nicht durch. Und es gibt sehr wohl Dinge, die ich schätze. Der Optimismus  eines Durchschnittsamerikaners ist beeindruckend, sie sind auch viel gesprächiger und offener dafür, andere Menschen kennenzulernen. In all der Zeit, die ich jetzt in Berlin verbracht bin, habe ich noch keinen einzigen Fremden getroffen. Noch nie hat mich jemand auf der Straße einfach angesprochen. Und manchmal möchte ich deswegen sterben. Ja, ich mag bestimmte Sachen an den USA.

JM: Nur leben möchtest Du dort zur Zeit nicht – Du erzähltest gerade von einem Studentenaustausch. Was hast Du studiert?
IAN: Politikwissenschaft. Deshalb bin ich Musiker geworden.

JM: Und weil Du Politologe bist, kennst Du Dich mit den Texten des Soziologen Erich Fromm aus, dessen Name immer wieder im Zusammenhang mit Deinen Texten auftaucht.
IAN: Erich Fromm war eine Empfehlung einer Ex-Freundin von mir. Die meinte: „Ian, Du hast jede Menge Probleme – lies mal Erich Fromm“.

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