„Who The Fuck Is Sasha Grey?“ – Brando im Interview

Brando_5_by_Caspar_Hees

„Wie soll ich hier jemals wieder weg?/ […] / Hier gibt’s von allem etwas und das Gegenteil zu kaufen“ – Dass Marlon aka Brando der deutschen Hauptstadt verfallen ist, wie man es sonst nur von Woody Allen und New York bzw. Randy Newman und L.A. kennt, ist mehr als offensichtlich. Und dass er mit dieser seiner Liebeserklärung endlich out of the closet musste, auch: Seit dem 1. April ist sein Debüt-Album „Nur Der Anfang“ draußen wie auf Bewährung und lässt auch über die Länge von insgesamt 14 Tracks keinen Zweifel daran, dass Berlin Dreh-, Angel- und Ausgangspunkt aller kreativen Bemühungen war. Manchmal direkter und manchmal weniger. Wie es dazu kommen konnte, ob das noch immer so ist, was er sich von seiner Traumstadt noch alles wünscht und warum er nicht nur Berlin, sondern auch der texanischen Porno-Wuchtbrumme Kagney Linn Karter seine Liebe gesteht, das erklärt der 2-Meter-Schlacks im Interview.

JOINMUSIC: Du bist kein Berliner?
BRANDO: Ich bin in Berlin geboren aber am Bodensee aufgewachsen. D.h. ich hab Kindheitserinnerungen an Berlin, aber das sind ganz schemenhafte Filmfetzen: Das Zuhause, die Wohnung, solche Erinnerungen halt.

JM: Ost- oder West-Berlin?
BRANDO: West-Berlin. Ich bin in der Nähe von Halensee aufgewachsen, die ersten Jahre. Und geboren bin ich in Schöneberg. Aber großgeworden bin ich am Bodensee, und das ist auch mein Zuhause-Zuhause. Dazu noch eine Anekdote: In der zehnten Klasse oder so hab ich ein Schülerpraktikum in Berlin gemacht, beim SFB damals. Und nach drei oder vier Wochen bin ich wieder an den Bodensee und meinte zu meinem Vater: Ja, das ist ’ne tolle Stadt, tolles Praktikum, hab‘ tolle Leute kennengelernt, aber wohnen könnte ich da niemals. Und irgendwann hat’s mich dann doch wieder hierher gespült.

JM: Wenn der Bodensee Dein Zuhause-Zuhause ist, warum hast Du dann darüber keine Liebes-Hymnen à la „Berlin An Der Spree“ verfasst?
BRANDO: Tja – de facto ist es so, dass es Texte gibt, die das auch thematisieren, die auch in der Zeit dort entstanden sind, in der Zeit, in der man erwachsen wird. Die Sachen, die dann später in Berlin entstanden sind, sind aber eben die, die in dem Freundeskreis thematisiert worden sind, der sich damals daran erfreut hat. Das alles ist ja gestartet als ein Spaßprojekt, unter Freunden. Ich habe nie den Plan gehabt: Ich mache jetzt ein Album. Wirklich nicht. Es war eher so: Lass mal ein Projekt finden, das uns wie früher öfter zusammenbringt – der Freundeskreis hatte sich da schon ein wenig auseinandergelebt – und dann war der größte gemeinsame Nenner der Text über Berlin, also „Berlin An Der Spree“. Also, lass mal den nehmen, lass da mal ’nen Song zu machen und ’nen Video dafür drehen. Und daraus ist sukzessive immer mehr geworden.

JM: Der Freundeskreis, von dem Du sprichst – gab es vor der Auseinanderentwicklung denn künstlerische oder musikalische Projekte, an denen Ihr gemeinsam gearbeitet hattet?
BRANDO: Teils teils. Die Sachen, die wir davor gemacht haben, waren nie so richtig als Freundeskreis-Ding deklariert. Einer von uns hat was gemacht, und die anderen haben ihn unterstützt: Zur Hand gehen, Rat geben, zusammensitzen und etwas entwerfen. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass wir uns wie bei „Berlin an Der Spree“ am Anfang als Runde zusammengesetzt haben, um dann gemeinsam zu entscheiden, wie es weitergeht. Aber geholfen haben wir uns gegenseitig immer.

JM: Kann man denn dann sagen, dass die Entstehung von „Nur der Anfang“ auf die Initiative autodidaktisch geschulter Dilettanten zurückzuführen ist? Oder welche Verbindung hin zum professionellen Musik-Geschäft gibt es?
BRANDO: Naja. Gemeinsam mit meinem Vater habe ich einen kleinen Musikverlag, Miau-Musik. Das ist sozusagen unser Familienunternehmen. Und parallel arbeite ich dann eben auch als Songwriter und schreibe sonst auch ganz unterschiedliche Texte – von Pop-Songs bis zu Kinderliedern. Alles mögliche eben.

JM: Du bist ja auch der einzige, der – platt formuliert – seine Fresse hinhält, von den kurzen Video-Appearances Deiner Mitstreiter mal abgesehen. Wollten die anderen nicht oder durften sie nicht?
BRANDO: Nee-nee. Es ist halt genauso gewachsen. Am Anfang habe ich gesagt: Wenn wir jetzt einen Song machen aus meinem Text – ich hab den früher a cappella in unserer WG-Küche gerappt – dann rappe oder spreche ich den auch ein. Aber wenn wir das als Freundeskreis machen, dann würde ich mir wünschen, dass die Leute aus dem Freundeskreis, die darauf Bock und Zeit haben, einige Parts lip-synchen. Tatsächlich sind es ja gar nicht alle aus diesem Freundeskreis, die in dem Video zu sehen sind. Keine Zeit, mieser Take, sowas. Auf jeden Fall hat sich rund um die Arbeit am Video eine Eigendynamik entwickelt, an deren Ende klar war, dass noch mehr Songs entstehen und produziert werden sollten und da war es dann auch klar, dass es mein Job ist, neue Songs bzw. Texte aus der Taufe zu hieven. In dem wirklich engen Freundeskreis sind eigentlich keine Musiker. Die machen alle was anderes: Der eine hat Architektur studiert, der andere hat ne Werbeagentur, dann ist wieder einer Social-Media-mäßig unterwegs und macht Konzeptionierung und so was. Was uns am meisten verbunden hat, war die Freundschaft, die Zeit, die wir miteinander verbracht haben. Der musikalische Part ist dann aber zu 80%-90 % aus meinem persönlichen Umfeld gekommen und es war immer klar, dass das mein Projekt ist. Die Gäste auf dem Album – eine Schauspielerin bei „Stella“, eine Sängerin bei „Prinz“ und eine andere bei „Kagney“ oder auch Dilim bei dem Basketball-Track – habe ich deswegen auch nicht als Features betrachtet, sondern ihre Stimmen eher im Sinne eines Instruments eingesetzt. Es ging also nicht darum, mit irgendwelchen Namen hausieren zu gehen. Ich habe die Leute gefragt, weil ich wollte, dass sie klanglich-atmosphärisch etwas beitragen. So wie bei Dilim – ich spiel mit dem Basketball und der hat halt eine Attitude und einen Output, wenn der spielt, ist er ganz genauso, wie er auf dem Interlude rüberkommt.

JM: Nee, oder?
BRANDO: Doch. Du hast keine Vorstellung. Wenn man den nicht erlebt hat. Den kennt man auch auf jedem Court in Berlin. Ein Streetball-Warrior. Es gibt auch endlose Anekdoten, das wäre aber jetzt nicht die richtige Plattform…

JM: Okay – wenn Du sagst, Basketball ist eine Deiner großen Leidenschaften – Pornos-Mit-Kagney-Linn-Karter-Gucken auch?
BRANDO: Es gibt einfach bildschöne Frauen. Und so lange man weiß, dass Rocco Siffredi der Achilles der Porno-Industrie ist, darf man das auch ruhig mal feiern – who the fuck is Sasha Grey?

JM: Übrigens: Mir sagte der Name Kagney Linn Karter nichts. Ich hab den pornösen Kontext erst geschnallt, als – relativ früh im Text – „Who the fuck is Sasha Grey“ kommt. In dem Zusammenhang: was heißt da eigentlich „wir kennen uns schon seit 10 Jahren“ – nach meiner Recherche ist die Karter erst seit 2008 dabei.
BRANDO: Das ist halt so’n Spruch. Auch alles ohne Namen, aber einer meiner Freunde bringt gerne einen unterhaltsamen Satz, über den wir immer die Köpfe geschüttelt haben, nämlich, dass er eine Liebesbeziehung zu Jenna Haze hätte, und zwar seit 10 Jahren. Und das ist quasi ein kleiner Insider-Seitenhieb in dessen Richtung …

JM: Zwei Songs stechen auf „Nur Der Anfang“ hervor: „Trip“ und „Schwanenlied“ – und das nicht nur wegen der Solo-Klavier-Begleitung. Abgesehen vom Sprechgesang sind das für mich zwei Kompositionen, die durchaus auch auf eine Kleinkunst-/Kabarett-Bühne gehören – kannst Du Dir das vorstellen?
BRANDO: Gute Frage. Auch wenn ich das noch nicht so direkt nach außen kommuniziert habe, per se sehe ich das Ganze momentan noch eher als Studio- und nicht als Stage-Projekt. Auch wenn es nach einer abgedroschenen Floskel klingt: ich habe halt sehr hohe Qualitätsansprüche. Und wenn ich da mit meiner Musik rausgehe, dann möchte ich auch 100%ig dahinterstehen können. Das ist bei den Videos genauso. Und in dieses Studioprojekt habe ich jetzt schon einiges investiert und möchte mich jetzt erstmal auf ein bis zwei Videos konzentrieren. Ich will das zwar nicht ausschließen, aber ein Stage-Projekt daraus zu machen – in welcher Form auch immer – geht mit mir nur, wenn es absolut rund ist, und ich sagen kann: Da stehe ich 100% dahinter. Und bei all den Sachen, die derzeit gerade zu tun sind, ist das halt einigermaßen undenkbar. Man darf ja nicht vergessen: Das hier ist ’ne Ich-AG. Wenn auch mit der Hilfe und Unterstützung von anderen entstanden, aber vom Schreiben, Aufnehmen, Komponieren, Produzieren, über Mixing, Mastering, bis zum Label und Vertrieb – das alles habe ich in Zusammenarbeit mit anderen gemacht und immer selber die Verantwortung getragen. Da jetzt noch ein Live-Projekt dranzuhängen, wäre zeitlich gar nicht möglich.

JM: Hast Du denn Erfahrung mit Live-Auftritten, der Bühnen-Situation?
BRANDO: Nichts Nennenswertes, womit ich mich jetzt brüsten könnte. Aber ich habe natürlich ein Umfeld an Musikern, mit denen das theoretisch machbar wäre. Aber die haben natürlich auch ihre eigenen Dinger laufen. Am Ende des Tages muss sich so was eben rechnen.

JM: Zum Songschreiben kommt man nicht einfach so. Welche Faktoren waren es, die bei Dir den Ausschlag gegeben haben – die berühmte Blockflöte? Und wann kam der Sprechgesang aka Rap dazu? Wann und wie hast Du Deinen Flow entwickelt?
BRANDO: Das hat ganz früh angefangen. Aber um es nicht ausufern zu lassen: In der dritten Strophe vom Titeltrack von „Nur Der Anfang“ sag ich so was wie „mich haben ganz viele Sachen geprägt, aber ich will kein Name-Dropping machen, und dann nenn’ ich doch einen“, nämlich Flipstar von Creutzfeld & Jakob. „Gottes Werk & Creutzfelds Beitrag“ war so ein Album, das mich unglaublich geprägt hat. Da war ich so 14, 15 Jahre alt und das hat mich wahnsinnig beeindruckt. Ich hab zwar auch schon früher Beginner und „Bambule“ und so gehört, aber wahrscheinlich war ich noch zu jung, um das richtig richtig zu feiern. Aber Creutzfeld & Jakob hat mich richtig geflasht. Und das war dann auch die Zeit, in der ich die ersten eigenen Stolper-Versuche unternommen haben. Bei meinen Eltern türmen sich die alten Schulhefte und was ich sonst noch alles vollgekritzelt habe. Und das hat sich dann einfach gesammelt und gehäuft und dann, sicherlich angestoßen vom Reifeprozess des Erwachsen-Werdens thematisierst Du dann Dinge, die sich dann natürlich auch in Deiner individuellen Wortwahl widerspiegeln. Und am Ende steht dann das, was Du mit Flow meinst. Eine Technik, ein Handwerk, das Du erlernst, indem Du Deine Reime suchst und findest. Indem Du Fährten legst, Quellen aber unerkannt bleiben. Indem Du auslotest, welche Sinn-Risiken Du eingehen kannst und dann auch mal einen Insider bringst auch wenn den niemand versteht. Das war und ist eine lange Entwicklung. Ein paar Jahre eher in meiner Entwicklung würde sich das Album auch glatt schlechter anhören.

JM: Aber schon immer konsequent auf deutsch?
BRANDO: Ja. Also ich habe englische Sachen gehört und französische. Bei den Franzosen habe ich auch immer mal versucht, Parts mitzurappen. Auch wenn ich kein Wort verstanden habe – ich habe die so gefeiert, dass ich sie fehlerfrei nachrappen konnte.

JM: Nicht schlecht. So – was wollte ich denn jetzt eigentlich fragen?
BRANDO: „Schwanenlied“ ist immer auch schön, so als Aufhänger.

JM: Warum?
BRANDO: Weil das mit einem ganz tollen Komponisten zusammen entstanden ist: Manfred Hübler. Der hat ganz viele Soundtracks und so ein Zeugs komponiert, unter anderem auch für Jess Franco, ein Regisseur und B-Movie-Legende. Für den hat Hübler zusammen mit dem Gitarristen Siegfried Schwab die Musik für „Vampyros Lesbos“, „Sie Tötete in Ekstase“ und „Der Teufel Kam Aus Akasava“ gemacht. Die beiden sind für mich absolute Legenden. Aber jetzt nicht unbedingt im Sinne musikalischer Vorbilder, weil ich ja ganz andere Musik mache. Auch das, was die auf den Soundtracks gemacht haben, spricht so gar nicht für deren Gesamtlebenswerk. Egal: Mit denen beiden hatte ich verlagstechnisch zu tun und habe den Manfred dann einfach mal angesprochen. Bei ihm zu Hause habe ich ihm dann den Text zu „Schwanenlied“ gezeigt und dann haben wir das Ding an Ort und Stelle komponiert. Also: Wir haben noch an dem Tag angefangen, eine Melodie zu entwickeln und dann kam ich noch ein paar Nachmittage mehr und so ist dieses Ding entstanden. Für mich hat das Stück eine ganz besondere Magie, weswegen wir es auf dem Album auch zum Herzstück gemacht haben. Im Studio hat das dann eine befreundete Pianistin – Anna – eingespielt und dann war das eine Ansage von Flo, meinem Sound-Engineer, der gesagt hat, das Ganze ist ja schon so reduziert auf Stimme und Klavier, lass das doch als One-Take aufnehmen, also an einem Stück und nicht wie sonst, dass man die besten Teile aus sieben, acht, neun Versuchen zu einem Lead-Take zusammenklebt. Naja, und dann haben wir erst das Klavier als One-Take aufgenommen, stundenlang, und Anna schon völlig am Ende ihrer Kräfte – so einen Flügel zu spielen, ist ja auch körperlich anstrengend – wollte sich aber immer noch einmal selber übertreffen. Und irgendwann ging’s dann auch nicht mehr für sie und von da an haben wir die Vocals aufgenommen. Auch da gab’s dann wieder eine Ansage von Flo: Lass ma nicht machen, bis wir glauben, den perfekten Take gemacht zu haben, sondern lass so lange machen, bis wir nicht mehr können. Immer One-Takes. Wenn einer in der Mitte verkackt, dann wird halt von vorn angefangen. So kamen wir auf insgesamt 119 angefangene Versionen. Ich hab auch versucht mich so method-actingmäßig in Situationen reinzudenken, in denen es mir irgendwann mal echt schlecht ging, um da echte Emotionen mit reinbringen zu können – was Flo nicht wusste. Und das ging auch nur, weil wir nur noch zu zweit im Studio waren, alles war dunkel. Und dann hock ich da in einer finsteren Studio-Ecke, emotional komplett aufgelöst, aber auch total angestrengt, weil ich mich auf den letzten Metern noch mal ordentlich konzentriert hab, um nichts zu verreißen und dann hörst Du im Kopfhörer, wie der Flo den Kanal hochzieht und bierernst meint: „Schleeeeecht. Kannst Du Dich das nächste Mal ein bisschen mehr anstrengen, bitte? Und bitte hinten raus die Energie nicht verlieren. Aber den Refrain habe ich Dir geglaubt.“ Das war also sehr aufwendig. In jeder Hinsicht. Lief aber auch nicht immer so – bei dem letzten Titel „Nur der Anfang“ zum Beispiel, haben wir nur vier Takes gebraucht. Dann war der im Kasten. Und so ist „Schwanenlied“ entstanden. Das haben wir am Ende sogar analog gemischt. Wie früher. Mit Spurenplan, hochfahren, runterfahren. Außerdem hat sich der Flo dann noch so ein paar Gimmicks einfallen lassen, mit Verstärker und Mikrofon davor im Nebenraum, durch den die Klavierspur gespeist und gleich wieder aufgenommen wurde. So halt.

JM: Abgefahr’n. Ich möchte aber noch einmal zurückkommen auf „Stella“ – das Thema Party-Girl-Gone-Bad ist ein gern genutztes sprachliches Motiv. Hast Du den Song gemacht, weil Du persönliche Erfahrungen mit eben jenem Thema gemacht hast, oder ist das eine – sagen wir – sprachliche Fingerübung?
BRANDO: Also: Sicher muss man solche Situationen – sich von bunten Lichtern blenden zu lassen – gesehen oder erlebt haben, um sie so beschreiben zu können. Den Namen Stella aber habe ich mir ausgedacht. Und eigentlich ist es ja auch eine klassische Tragödie in drei Akten über jugendliche Naivität. Und das war etwas, was mich von der Bildsprache ergriffen hat. Zuerst hatte ich ja versucht, ganz andere Sachen auf dieses Instrumental zu schreiben. Und dann war ich aber so mitten bei der Arbeit und ich kann von meinem Schreibtisch aus auf einen Park schauen, und da gab es diesen einen Dämmerungs-Abend-Moment, in dem ein – aus der ferne – charismatisches Mädchen mit Hoodie, zerschlissener Jeans, wilden Haaren und ’ner Kippe in der Hand, irgendeinen wildfremden Typen mit einer Handbewegung nach Feuer fragte, ohne was zu sagen. Und dieses Bild war der Auslöser: Skinny Jeans zerschlissen, Hoodie zwei Größen Oversized. Auf einmal hat der Track schon in meinem Kopf Sinn gemacht. Und dann habe ich natürlich über echte Momente und Erlebnisse und Menschen nachgedacht und dann sind wir wieder bei dem Thema man legt eine echte Fährte, verrät aber am Ende nicht, wo genau die Fiktion beginnt oder was einem wirklich passiert ist.

JM: Ist „Trip“ autobiografisch?
BRANDO: Nein.

JM: An so vielen Orten kann man ja gar nicht gewesen sein.
BRANDO: Ich habe mal eine Reise von zwei Monaten gemacht und gerade der Asien-Teil davon war echt abgefahren. Der Text zu „Trip“ ist aber lange lange vorher entstanden. Der wurde zu den Aufnahmen zwar noch mal getuned, aber eigentlich ging es darin ursprünglich um meine damalige Vorstellung von: Was will ich auf einer solche Reise oder auf solchen Reisen erleben, wie möchte ich, dass das abläuft. Und der erzählerische Kniff war dann einfach, das irgendjemandem erleben zu lassen und den durch die Welten fliegen zu lassen. Nicht von mir zu erzählen.

JM: Hast Du denn Fernweh oder reicht Dir Berlin?
BRANDO: Reicht mir voll.

JM: Echt jetzt?
BRANDO: Klar.

JM: Also Urlaub machst Du in Mahlsdorf?
BRANDO: Nein. Hehe. Natürlich nehme ich irgendwelche Möglichkeiten war. Neulich war ich in Kopenhagen, EasyJet, 30 Euro, hin und zurück. Klar mach ich so was. Aber es ist schon so, dass ich es hier ganz gut finde – und das wäre jetzt eigentlich ’ne gute Überleitung zum Track „Urban“, es sei denn, ich bringe Dir damit wieder Deine Frage-Dramaturgie durcheinander –

JM: Nee-nee, alles gut…
BRANDO: Also das Berlin-Gefühl, dem ich in „Urban“ Ausdruck verleihe, das ist so erst entstanden, als wir im Rahmen der Album-Fertigstellung kreuz und quer durch die ganze Stadt gerauscht sind: Equipment oder Leute befördern, Location checken, Drehzeiten recherchieren. Ich meine so eine Zuhause-Nostalgie im Bezug auf Orte in einer Stadt mit denen man Erinnerungen und Momente verbindet. Wir waren beispielsweise neulich in Mitte für einen Dreh unterwegs, mitten in der Nacht im Regierungsviertel. Und dann saßen wir da nachts um eins auf den Treppen am Ufer hinter dem Reichstagsgebäude, mit was zu Essen in der Hand und keine Sau zu sehen. Normalerweise wälzen sich ja massenhaft Touristen dort entlang. Und sich in einem solchen Moment dann bewusst zu machen, dass von hier aus quasi das Land gesteuert wird, und Du sitzt in einer Samstag-Nacht an so einem Ort – hast ihn quasi einen Moment lang für Dich – während die meisten Deiner Freunde sich wahrscheinlich gerade in Clubs oder so rumtreiben.. das ist dann schon eine witzige Feststellung.

JM: Das ist aber ein Gefühl, was man nicht bekommen kann, wenn Ulm, Regensburg oder Konstanz für sich entdeckt hat?
BRANDO: Ich glaube jeder kann so ein Gefühl von Zuhause bekommen. Aber das hier ist natürlich schon eine andere Dimension. Hier liegt vieles einfach auf ’nem silbernen Tablett. Ich muss allerdings auch sagen: Wenn ich nicht hier gewohnt hätte, die Jungs nicht als Freunde gewonnen hätte, dann wäre es zu all dem nie gekommen. Und da hat der spezielle Berlin-Vibe natürlich eine wesentliche Rolle gespielt.

JM: Wir reden ganz viel von Deinen tollen Texten – warum sind die im Booklet nicht abgedruckt?
BRANDO: Weil man bei so einem Aus-Spaß-Mach-Ernst-Projekt immer auch ans Budget denken muss. Konkret heißt das: entweder die Texte im Booklet oder das nächste Video fetter machen. Es ist schlicht eine Kostenfrage. Ich hatte auch daran gedacht, die auf der Website zu integrieren. Mich dann aber dagegen entschieden, weil das alles zu überladen wirkte; wer klickt sich schon durch so viel Content und Text… Das ist aber eine Sache, die man später auch noch gut inszenieren kann. Über Umsonst-Download oder irgendwie so.

JM: Zum Cover – äh…
BRANDO:…ich kann’s vorwegnehmen: Das ist unser alter WG-Tisch.

JM: Das heißt, das ist ein ganz altes Bild?
BRANDO: Nee. Aber der alte WG-Küchen-Tisch ist von einem der alten WGler gerettet worden und nachdem wir lange erfolglos überlegt haben, was wir als Cover machen, ob wir irgendwas designen, bauen oder was auch immer, sagte einer: Bart hat doch den alten WG-Tisch gerettet – warum nehmen wir nicht einfach den? Und machen einen Abend dran. Und am nächsten Tag kam dann Carsten Sander, ein befreundeter Fotograf und hat das Cover-Foto geschossen. Für mich war das ne runde Sache.

JM: Ah ja – ich hatte zunächst vermutet, dass der Tisch eine zugespitzte Momentaufnahme Deiner Arbeitssituation ist – aber Du sitzt ja wohl eher zu festen Zeiten an einem gut aufgeräumten Schreibtisch, Thomas-Mann-Style, oder?
BRANDO: Tatsächlich brauch ich eher ein cleanes Umfeld, um mich auch noch auf die dreckigsten Fantasien einlassen zu können. Der klassische Musiker-Wirrwarr, das ist nichts für mich. Ein cleanes Umfeld ist für mich auch die beste Voraussetzung, um nicht abgelenkt zu werden und mich tatsächlich nur mit meinen Gedanken zu beschäftigen.

JM: Mit den großen Themen wären wir soweit durch. Ganz kurz noch: Du hast die Tora nicht auf Vinyl?
BRANDO: Nein – weiß gar nicht, ob’s die überhaupt auf Platte gibt.

JM: Wär‘ wahrscheinlich ein Box-Set. Kommt denn „Nur der Anfang“ auf Vinyl?
BRANDO: Das ist ein großer Traum, das kann ja später noch kommen. Jetzt haben wir erstmal ganz anderen Kram, um den wir uns kümmern müssen.

JM: Na denn: Viel Erfolg und Danke für das Interview.

Foto: Caspar Hees

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