„Wir denken, dass wir Pop-Songs schreiben“ – Lowlakes im Interview

Lowlakes band colour

Bevor das Dockville so richtig losgehen sollte, stimmte JOINMUSIC sich mit einem Interview mit den sympathischen Australiern von Lowlakes ein. Sänger Tom verriet uns, was ihnen so an Europa gefällt und warum man dennoch nach Alice Springs reisen sollte. Natürlich sprachen wir auch über ihre Musik und das aktuelle Album „Iceberg Nerves“.

JOINMUSIC: Ihr kommt quasi grade erst von der Bühne. Wie war es? Lief alles zu Eurer Zufriedenheit? Genießt Ihr das Festival?

Tom: Ohja, ich finde das Festival echt fantastisch. Ich habe vorhin noch zu jemandem Backstage gesagt, dass es ein wenig ironisch ist, dass die industrielle Umgebung hier für einen so beeindruckenden Ausblick sorgt. Man würde ja Industrie-Gebäude normalerweise niemals als schön bezeichnen. Aber für dieses Festival ist das einfach eine wunderbare Kulisse. Und auch das Wetter. Erst sah es aus, als würde es den ganzen Tag regnen, aber jetzt scheint die Sonne. Also wirklich eine einmalige Atmosphäre.

JM: Das ist schön zu hören. Aber Ihr habt ja nicht nur hier gespielt, sondern wart zuletzt ja ein wenig in Deutschland unterwegs und habt auf ein paar Festivals gespielt.

T: Ja, genau. Wir sind jetzt für insgesamt dreieinhalb Monate in Europa. Wir spielen ein paar Festivals und haben unser Album in Großbritannien rausgebracht. Und auch noch in ein paar anderen Ländern. Und dann schreiben wir momentan auch Songs für unser nächstes Album. Das macht echt Spaß. Und mittlerweile sind wir schon das dritte Mal in Hamburg. Es ist echt super, wieder hier zu sein.

JM: Gefällt Euch Hamburg denn?

T: Na, klar. Zuletzt haben wir nur rund um die Reeperbahn gespielt. Und man hatte das Gefühl, das ist der einzige Teil von Hamburg. Und darum ist es jetzt echt super, auch mal ein bisschen mehr von Hamburg zu sehen.

JM: Um auf Europa-Tour zu gehen, habt ihr eine Pozible-Kampagne gestartet und Geld gesammelt. Warum habt Ihr das gemacht? Also, klar, ihr brauchtet Geld, aber warum habt Ihr Euch dafür entschieden?

T: Ich finde Pozible ist wirklich eine beeindruckende Plattform. Es gibt Leuten, die Interesse daran haben,  Dinge zu unterstützen, die sonst vielleicht niemals zustande kommen würden, die Möglichkeit, einen Unterschied zu machen und wirklich etwas zu tun, damit Projekte stattfinden und Pläne umgesetzt werden können. Und wir haben die Chance bekomme, unser Netzwerk zu vergrößern und Leute zu erreichen, die unsere Musik mögen, oder auch Freunde und Kollegen, die helfen möchten. Für gewöhnlich kann man halt „nur“ eine Platte kaufen, um die Band zu unterstützen. Und das ist ja auch genug und echt super. Aber für Independent Künstler, wie wir sie sind, die alles selbst finanzieren müssen, ist es echt schwierig und auch sehr anstrengend, eine Tour zu planen und diese durchzuziehen. Und diese Pozible-Kampagne fanden wir alle echt super und am Ende waren wir sehr erfolgreich. Wir konnten uns einen Tourvan kaufen und auch ein paar Amps und sowas. Und darum ist so eine Plattform eine wirklich starke Sache. Und für Bands perfekt, Leute zu erreichen, die sie sonst vielleicht nicht erreicht hätten.

JM: Und gebt Ihr den Leuten dann auch etwas zurück, wenn sie Euch Geld gegeben haben?

T: Jaja, auf jeden Fall. Es läuft so ab, dass man sich ein Ziel setzt und dann tauschen die Leute quasi das Geld gegen etwas ein. Angenommen jemand gibt 100 Dollar, dann kochen wir vielleicht ein Abendessen für ihn. Oder vergeben signierte CDs oder sowas. Also es ist wirklich ein Austausch von Geld gegen Ware, wie in einem Online-Shop. Nur, dass die Leute wirklich wissen, wo ihr Geld hingeht und die Leute wissen wirklich, wofür sie jetzt zahlen. Man weiß dann, dass die 50€ gut investiert werden in einen Tourvan oder in Amps, weil wir das benötigen.

JM: Ich habe gehört, dass Ihr Australien nicht nur verlassen habt, um durch Europa zu touren, sondern auch um Euch ein wenig in Österreich niederzulassen.

T: Ganz genau, momentan sind wir beheimatet in diesem kleinen Dorf in den Alpen, Göfis. Es ist wirklich ein wunderschöner Ort. Wir haben da im März gespielt, als wir vorher schon einmal in Europa waren. Und die Leute dort waren wirklich so unglaublich nett und haben uns sofort angeboten: wenn ihr wiederkommen wollt, wir können Euch auf jeden Fall eine Unterkunft besorgen und so. Und wir dachten uns, dass das in der Tat eine sehr schöne Möglichkeit ist, neue Musik zu schreiben. Und wenn wir hier fertig sind, dann gehen wir auch wieder zurück nach Göfis, in dieses kleine, süße Haus und diese supernette österreichische Nachbarsfamilie sorgt sich dann wieder um uns. Und ja, das ist wirklich fantastisch. Letzte Woche erst haben wir da auch auf einem kleinen Festival gespielt und es hat einfach die ganze Zeit geregnet. Aber die Leute standen da in ihren Gummistiefeln und Regenjacken und waren total gut drauf.

JM: Das ist so eine witzige Geschichte. Welche Band würde aus Australien nach Österreich in ein kleines Dorf „ziehen“.

T: Auf jeden Fall. Aber die Leute, die wir dort getroffen haben, waren einfach so reizend und darum mussten wir unbedingt zurückkommen.

JM: Und Du sagtest ja vorhin, dass Ihr dort jetzt neue Songs schreibt. Wie genau läuft das ab?

T: Genau, wir arbeiten an neuen Songs und sammeln eine Menge neuer Ideen und produzieren auch schon ein wenig. Bill und ich schlafen dann im Band-Raum, machen zwischen all dem Musik-Equipment ein bisschen Platz für unsere Betten. Und ja, dann kommen die Ideen und wir nehmen sofort ein paar Demos auf und dann senden wir sie den anderen per Mail zu und jeder für sich arbeitet dann ein bisschen an den Songs. Und dann kommen wir wieder zusammen und arbeiten gemeinsam daran weiter.

JM: Ist es denn auch so, dass die Landschaft vielleicht ein bisschen inspirierend ist?

T: Absolut. Ein wenig isoliert zu leben und abgeschottet zu sein von dem hektischen Leben in den Großstädten, ist auf jeden Fall eine gute Sache. Und die Alpen, das sind dann halt quasi einfach nur Berge und Wälder und das genießen wir wirklich sehr. Und wir kommen ja auch alle aus Kleinstädten in Australien. Und diese Atmosphäre und Umgebung gibt uns darum wirklich das Gefühl, zu Hause zu sein.

JM: Und was inspiriert Euch sonst noch? Es ist ja wahrscheinlich nicht nur die Landschaft und die Einsamkeit?

T: Ne, es ist natürlich nicht so einfach. Wir gehen nicht einfach in die Einsamkeit und schreiben dann neue Songs. Wir werden alle von unterschiedlicher Musik inspiriert und wir informieren uns dann über neuentdeckte Sachen. Brent zum Beispiel ist immer auf der Suche nach neuer Musik und neuen Bands. Und er schickt uns dann viele Sachen und irgendwas bleibt immer hängen. Und wenn wir uns dann zu Writing-Sessions treffen, dann sagt immer einer: Hey, das erinnert mich daran! Das erinnert mich hieran. Oder: Das ist eine tolle Ästhetik in diesem Song, das könnte auch hier funktionieren. Und ja, also, wir hören alle unterschiedliche Musik, aber laufen doch irgendwie auf demselben Pfad und wissen, wo wir an sich gemeinsam hinwollen.

JM: Inspirieren Euch eigentlich auch Filme?

T: Auf jeden Fall. Wir finden auch, dass unsere Musik sehr visuell wirkt.

JM: Ja, das ist genau das, was ich sagen wollte. Eure Musik würde perfekt zu Bildern und vielen Filmszenen passen.

T: Ja, unbedingt. Also, wenn Du irgendwelche Produzenten kennst, dann erzähle ihnen bitte von uns. Es ist auf jeden Fall so, dass wir unsere Musik als etwas sehr verträumtes sehen. Introspektion ist ein Wort, das ich gerne nutze. Denn wir möchten, dass die Leute, wenn sie unsere Musik hören, ihre Augen schließen und dann in eine andere Welt abtauchen.

JM: Absolut.

T: Wir versuchen das wirklich zu erreichen, wenn wir unsere Musik schreiben. Und darum sind wir auch wirklich sehr zufrieden mit dem Album „Iceberg Nerves“, weil wir das damit für uns sehr gut erreicht haben.

JM: Wie würdet Ihr selbst denn Eure Musik beschreiben? Du sagtest bereits „verträumt“…

T: Ich würde sagen, es ist atmosphärisch-dunkler Pop. Naja, also eigentlich ist es so, dass wir unsere Musik für Pop-Musik halten, aber das ist es ja nicht. Leute sagen uns dann, Eure Musik ist sehr langsam, sehr bedacht und man kommt nicht immer so einfach rein. Das ist kein Pop. Aber trotzdem denken wir, dass wir Pop-Songs schreiben.

JM: Ich würde schon sagen, dass viele Leute die Musik doch eher als sehr… melancholisch beschreiben würden.

T: Ja, irgendwie schon. Das ist halt die Musik, die wir gerne schreiben. Es ist ja nicht so, dass wir uns hinsetzen und traurige Songs schreiben. Es ist mehr so, dass wir Melodien schreiben, die dann für viele etwas melancholisch klingen. Wir haben auch schon mal versucht, fröhlich, also wirklich offensichtlich fröhliche Songs zu schreiben. Das hat auch Spaß gemacht, aber das sind wir nicht. Wir sind zufrieden mit dem, was auf „Iceberg Nerves“ zu hören ist.

JM: Und das könnt Ihr auch. Warum habt Ihr das Album „Iceberg Nerves“ genannt?

T: Der Titel dreht sich um den Titelsong „Iceberg Nerves“. Das war nämlich der erste Song, den wir geschrieben haben, und darauf hat sich dann der Rest aufgebaut. Das Konzept und der Sound und diese Weite und Entwicklung, all das mögen wir alle sehr gern. Das ist wirklich das, was Lowlakes ausmacht. Nachdem wir die EP veröffentlicht haben, wollten wir etwas weiterkommen und noch mehr in diese Dream-Pop-Richtung und noch mehr dieses Atmosphärische und diese Andere-Welt-Elemente spüren. Und bei „Iceberg Nerves“ hat dann alles gepasst und darum hat der Song dann den Ton für den Rest des Albums vorgegeben. Und alle Songs haben sich dann sowohl textlich, als auch klanglich darum entwickelt. Also, „Iceberg Nerves“ war wie der erste Baustein und dann haben wir einen Song als Veranda rangesetzt und einen Song als Dach. So hat das Ganze dann Form angenommen.

JM: Klingt wirklich spannend. Habt Ihr eigentlich schon ein paar deutsche Bands kennengelernt, oder Euch vielleicht sogar schon mit welchen angefreundet?

T: Wir haben schon mit einigen deutschen Bands zusammengespielt in der letzten Zeit. Das ist ja mittlerweile schon unserer vierter Trip nach Europa. Zuletzt haben wir mit einer Hamburger Band zusammengespielt, die ähnliche Dark-Electro-Musik macht wie wir. Und ja, insgesamt kann man in Europa echt viele verschieden Musikrichtungen und Bands entdecken. Und wenn man dann in Europa unterwegs ist, hat man das Gefühl, mit einem wirklichen Grund zu reisen: man teilt seine Musik und tauscht sich darüber aus.

JM: Würdest Du empfehlen, mal nach Alice Springs zu reisen?

T: Auf alle Fälle! Alice Springs hat eine der atemberaubendsten Landschaften auf der ganzen Welt. Das Stadtgebiet ist interessant, aber die Farms und die Sonnenuntergänge und diese wirklich prähistorischen Elemente dort, das ist wirklich zauberhaft an Alice Springs. Und wer nach Australien kommt, sollte sich auch auf den Weg nach Alice Springs machen, auch wenn’s ein echt weiter Weg ist.

JM: Okay, dann weiß ich, wo ich jetzt hinmuss.

Entdeckte Musik durch ihre Oma, die mit ihr Kinderlieder am Telefon sang. Damals, irgendwo zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein. Dann für's musikorientierte Studium in die Niederlande und nach Finnland. Derzeit wohnhaft in Hamburg. Und die Liebe zur Musik nicht verloren.

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