„Wir haben halt alle sehr tolerante Freundinnen“ – Moop Mama im Interview

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Am Ende sind wir alle gleich, wie die Lieder in den Charts“ – Keno Langbein weiß, wie man Meinungen transportiert, ohne dabei zu missionieren. Überhaupt gehört die Verbreitung von Denkhilfen zur Optimierung der Eigenhirn-Aktivität schon auch zum Selbstverständnis der Backpacker-Not-Backpacker-Band Moop Mama. Gerade erst haben die 7 Bläser, 2 Schlagwerker und 1 MC eine Tour mit Jan Delay zu Ende gespielt, da sind sie auch schon wieder mit ihrem jüngsten „Das Rote Album“ on the road. In Potsdam hieß die Schiffbauergasse. Im dortigen Waschhaus trafen wir zwischen spätem Frühstück und frühem Soundcheck auf MC Keno Langbein und Trompeter Menzel Mutzke. Und die hatten einiges zu berichten … 

JOINMUSIC: Moop oder Mopp Mama?
Keno Langbein: Moop.
Menzel Mutzke: Stell’s Dir Englisch vor.

JM: Okay – ich hatte mir so was schon gedacht. Was anderes: Habt Ihr heute schon gegessen?
KL: Ein bisschen.
MM: Frühstück. Ein kleines Frühstück.
KL: Wieso – willst Du uns was Ekliges sagen?

JM: Nee nee. Die Frage ist eher: Wenn Ihr auf Tour seid, legt Ihr dann besonderen Wert darauf, dass Ihr keinen Tour-Fraß zu Euch nehmen müsst?
KL: Ja.
MM:  Ja. Wir sind sogar auf’m Rider mehr Vegetarier als wir es in Wirklichkeit sind. Und auch mehr Veganer als wir in Wirklichkeit sind. Weil sich die Caterer dann oft mehr Mühe geben, haben wir gemerkt. Und es eben auch besser ist, Gemüse zu essen, als nur Fleisch und Nudeln.
KL: Aber es ist nicht immer einfach, das, was man sich so vorgenommen hat in puncto Ernährung, immer auch beizubehalten.

JM: Das heißt, Ihr seid gar nicht alle Vegetarier Schrägstrich Veganer?
MM: Nö.
KL: Ich bin Vegetarier.

JM: Deswegen auch „Esst mehr Tofu-Schnitzel“?!
KL: Is’n bisschen platt, oder?

JM: Ja. Nee. „Kilometer Fressen“ ist schon eine herbe Anklage, gegen die Art und Weise, wie hierzulande Essen konsumiert wird, aber es ist kein Pro-Veganer oder –Vegetarier-Track.
KL: Nicht zwangsläufig. Ich hab’s schon aus genau diesem Ansatz heraus geschrieben. Aber ich will nicht die ganze Welt zum Vegan-For-Fit-Abonennten missionieren.

JM: Aber mal auskotzen. Denn „Kilometer Fressen“ ist mit Abstand der wütendste Track auf dem „Das Rote Album“.
KL: Findest Du?

JM: Ja, schon.
KL: Naja – ist ja auch Scheiße.

JM: „Starkoch-Arschlöcher“ und so weiter.
KL: Stimmt. Da sind auch böse Wörter in dem Song. Meine Mutter hasst das.
MM: Echt?
KL: Mhmm. Die hat vor dem letzten Album gesagt, sie fändt’s echt gut, wenn ich auf dem Album mal nicht so Arschloch und so was sage. Dabei bin ich ja gar nicht so.  Aber die mag das einfach nicht. Und ich wiederum versteh’s auch. Mittlerweile bin ich sogar der Meinung, man sollte das nicht inflationär machen.
MM: Dann lass mich das nächste Mal Arschloch sagen auf der Platte.
KL: Okay. Abgemacht.

JM: Jetzt bist Du fein raus.
KL: Du kriegst sogar ein bisschen Gema von mir dafür.
MM: Geil, danke, bist Du großzügig.

JM: Apropos groß: Letzte Woche ging Eure Tour mit Jan Delay zu Ende – wie war das? Ich kenn‘ ja nur den Clip, bei dem Herr Eißfeldt Euch Backstage überrascht.
KL: Das war ja auch echt ne Überraschung.
MM: Ich wusste auch überhaupt nicht, wie mir geschieht.
KL: Im Ernst jetzt – das war richtig geil. Das muss man mal ganz ehrlich sagen. Das war für uns eine großartige Erfahrung, oder?
MM: Auf jeden Fall.
KL: Super Leute. Die ganze Crew Drumherum. Was ja auch enorm wichtig ist, man von außen aber oft gar nicht so wahrnimmt. Aber für uns ist natürlich auch dieser Hintergrund total wichtig. Und das ist auch gleichzeitig das, wovon wir am meisten  lernen können. Und wenn man dann jemanden hat, der einen mitnimmt und auch noch offen ist. Alle, vom technischen Leiter über die Monitor-Mischerin, die uns jeden Tag betreut hat über Licht und was es da sonst noch alles gibt – die waren alle wahnsinnig aufgeschlossen und haben uns mit offenen Armen aufgenommen. Ein Super-Erlebnis. Abgesehen davon, dass wir die größten Hallen hatten, in denen wir jemals gespielt haben.
MM: Genau: Ich fand vor allem auch so beeindruckend, wie unglaublich professionell das alles abgelaufen ist. So etwas haben wir live noch nicht gesehen: Mit zwei 40-Tonnern haben die die Bühne aufgestellt. Zwei Nightliner dazu. Von hinten bis vorne hat immer alles in time funktioniert. Es gab kein Verzögerung für irgendwas. Der Soundcheck war immer um 17:30. Und trotzdem war das alles locker, familiär und nett. Es war eine geile Mischung. Also, soweit oben sein und dabei trotzdem so entspannt.

JM: Haben Euch die großen Hallen Angst gemacht? Oder wie  ist es Euch damit ergangen? 
MM: Ich hatte mir vorgestellt, dass man Angst hat. Aber auf der Bühne war dann kein mehr ängstlich. Teilweise ist’s ja dann auch so, dass die Ausleuchtung sich ja auf die Bühne beschränkt und nicht aufs Publikum. So dass Du vielleicht nur erahnen kannst, wie riesig das eigentlich ist.
KL: Also ich hab da ganz unterschiedliche Sachen erlebt. Die meiste Zeit ging’s auch bei mir ohne Angst. Eigentlich habe ich mich gewundert, wie schnell man sich an dieses Format, an diese Ausmaße gewöhnt. Man sieht jeden Abend auf diese großen Hallen und der Blick ist irgendwie immer der Gleiche. Die großen Hallen gehen meistens links und rechts noch so nach oben, mit Tribünen. Und an diesen visuellen Grundeindruck gewöhnt man sich relativ schnell. Und anfangs hatte ich auch das Gefühl, das alles souverän runterreißen zu können. Bis mir dann einmal ein Fehler passiert ist auf der Bühne und ich über den Text gestolpert bin. Der war wahrscheinlich gar nicht so auffällig für das Publikum, aber mich hat’s für acht Takte rausgeschmissen und es gab auch in der Band einen kleinen Verwirrungsmoment. Und soviel Angst wie dabei, hatte ich bei einem Auftritt noch nie. Bis zum Ende unseres Sets hab ich so dermaßen geschwitzt, weil mir auf einen Schlag klar wurde: Sechstausend Leute, Sechstausend Leute. Und ich bin davon lange nicht mehr runtergekommen. Es hat dann auch noch 3-4 Shows gedauert, bis das wieder ganz weg war.

JM: Wie macht Ihr das überhaupt – Ihr seid zu zehnt auf der Bühne; wenn da jetzt einer, zum Beispiel Du Keno, als Frontmann, aus dem Rhythmus gerät, was macht Ihr dann?
KL: Das ergibt sich aus der Art des Fehlers.
MM: Genau. Außerdem haben wir jetzt so viel gemeinsam gespielt, dass selbst wenn es mal drei oder vier Takte bröckelt, dass wir uns dann wieder fangen. Es ist eigentlich noch nie passiert, dass wir abbrechen mussten. Obwohl wir so viele sind, oder?
KL: Nee.
MM: So kompliziert ist auch die Musik wiederum nicht. Das ist alles ziemlich klar. Und Keno passieren tatsächlich fast nie Fehler. Jedenfalls kaum solche, die die Band auseinander bringen könnten. Was Keno da eben meinte, das war halt im Break von „Roboter“, wo er wirklich ganz allein ist und das eigentlich mit „Arbeite, Konsumiere“ und so weiter beginnt. Aber Keno hat dieses eine mal mit „Konsumiere“ angefangen und sich überlegt, jetzt dreh ich’s aber doch noch mal um…
KL: Ja, das war blöd. Ich hatte gehofft, dass die anderen mitzählen. Aber die haben auf den Einsatz vom Schlagzeuger gewartet und dann passieren halt solche Sachen.
MM: Du willst jetzt aber wahrscheinlich wissen, ob es gefährlich ist, weil wir zu zehnt sind, richtig?

JM: Genau.
MM: Theoretisch sind die Risiken mehr. Aber weil wir so häufig miteinander spielen, können wir das ausschließen.

JM: Gibt es trotzdem einen, auf den alle gucken?
MM: Meistens ist es der Schlagzeuger, der die Cues gibt. Und in der vorderen Reihe ist es Markus Kesselbauer, der Saxophonist mit der Glatze. Der steht immer zentral und ist auf der Bühne so etwas wie unser Musical Director.

JM: Herrscht bei Euch im Bus Instrumente-Daddel-Verbot?
KL: Oh, Im Bus wird gar nicht gespielt.
MM: Wir haben gar keine Lust, im Bus zu spielen.
KL: Also diese Frage wurde uns echt noch nie gestellt. Wahrscheinlich, weil die Antwort derart offensichtlich ist …

JM: Schon gestrichen…. Ihr seid ja nun schon so etwas wie eine Marching Band, eine kleine zwar, aber eine Marching Band.
MM: Stimmt, das sagen wir ja auch von uns selber.

JM: Gehören bei Euch Marching Moves zum guten Ton?
KL: Klar bewegen wir uns.
MM: Aber marschieren tun wir eher nicht.
KL: Wir nutzen die Freiheit, die wir durch unsere spezielle Besetzung haben, um uns zu bewegen, Plätze zu tauschen, und alles Mögliche zu machen. Aber jetzt nicht so wie man das von den High School oder Football Kappellen aus den USA kennt. Unsere Choreographien haben eine etwas andere Ästhetik.
MM: Eigentlich bewegen wir uns zu jedem Song. Und Choreographien sind ein festes Element, aber es sind definitiv keine Marching-Choreographien.

JM: Warum habe ich das Gefühl, dass „Wo der Pfeffer wächst“ der einzig wirklich persönliche Song auf „Das Rote Album“ ist, bzw. der mit dem persönlichsten Inhalt?
KL: Ja, das kann man schon so sagen. Ich finde, dass es auch noch andere persönliche Songs gibt auf dem Album, die eben auch emotional begründet sind. Aber naja. Also erstens bin ich nicht so der EMO-Typ, beim Texte schreiben. Die Sachen, die mich meistens inspirieren fürs Texte schreiben, sind eher Gedanken, absurde Sachen, die ich so sehe, die mich umgeben. Und weniger die so genannten Gefühlswelten. Zwar schon auch, aber eben nicht vordergründig.

JM: Ist „Latte Macchiato“ Satire, Zustandsbeschreibung oder eine Liebeserklärung?
KL: Hehe – alles so ein bisschen. Die Liebeserklärung zum geringsten Anteil, denke ich. Oder anders ausgedrückt: Die Grundlage ist auf jeden Fall eine Zustandsbeschreibung, aber die Satire ist natürlich drin, weil’s alles überhöht ist, überzeichnet und ich mich ja auch schon lustig mache. Aber Liebeserklärung ist insofern auch drin, als dass ich mich schon auch als Teil von dem betrachte, was ich da beschreibe. Ich zeige nicht mit dem Finger auf jemandem und sage: „Aber die anderen sitzen im Cafe“. Ich sehe mich da selbst auch sitzen, mit meinem Laptop aufgeklappt. Ohne Kind zwar, aber …

JM: Seid Ihr alle noch ohne eigene Familienerfahrung?
KL: Wir haben einen ersten Papa in der Band.

JM: Dann erübrigt sich die Frage, wie Ihr das mit dem Touren unter einen Hut kriegt.
MM: Wir haben halt alle sehr tolerante Freundinnen. Dabei fällt mir auf: Wir sind tatsächlich alle vergeben.
KL: Pscht.

JM: Ihr kommt beim Touren viel rum. Reichen die Eindrücke, um das, was Ihr in „Latte Macchiato“ beschreibt, auch woanders fest zu stellen oder kriegt Ihr so was gar nicht mit?
MM: Also bei Jan Delay war’s halt so, dass diese größeren Hallen oft irgendwie außerhalb liegen. Da musst Du Dir dann echt schon so was wie einen Plan machen, damit Du das noch schaffst, wenn Du noch was anderes sehen willst. Eigentlich geht es schon. Wenn man will. Einige von uns machen das auch tatsächlich gerne, oder Keno?
KL: Ich versuch’s zumindest. Aber die Frage beschäftigt mich auch: Einerseits kommt man auf Tour sehr viel rum und man hat super viele Eindrücke. Die Kehrseite davon ist, dass die Eindrücke ganz oft dieselben sind. Man verliert auch manchmal wirklich den Faden. Wir sind jetzt gerade auf so einer Art Marathon, der längsten Tour, die wir je am Stück gemacht haben bisher – 30 Konzerte in 39 Tagen, die wir komplett zusammen im Bus verbringen. Und irgendwann ist der Blick halt kleiner. Man sieht jeden Tag einen Club von innen. Und schaut jeden Tag auf den Tourplan-Zettel mit den Städten, um sich das für die Moderation merken zu können… Naja. Was man – glaube ich – aber raushört auf dem Album ist, dass die Bewegung, das ständige Unterwegssein, Inspiration für einige Songs war. Das hört man auf mehreren Songs raus, auch wenn die Themen unterschiedlich sind. Auf-Tour-Sein gibt dem Leben eine bestimmte Grundstimmung.

JM: Wie entstehen die Songs überhaupt bei Euch? Beim klassischen Hip-Hop ist immer erst der Beat da. Und dann sagt der MC, ich hab da noch was in meinem Textbuch… Ist das bei Euch genauso?
KL: Nee, gar nicht.
MM: Ich glaube, das ist der seltenste Fall, dass die Musik fertig ist, und Keno nur noch einen Text schreiben muss.
KL: Ich glaube sogar, dass das noch nie passiert ist. Das, was dem am Nächsten käme ist, dass einer von uns eine musikalische Skizze vorlegt, die am Computer produziert ist, also eher so eine Stimmungsskizze – vielleicht sogar noch mit einem Sample dabei oder ein paar scheußlichen Midi-Tönen – und dann kann es passieren, dass ich da einen Text draufschreibe, aber der Prozess, der dann folgt, ist bei uns – egal wie’s angefangen hat – immer total mehrstufig. Weil wir die Idee mit in die Probe nehmen, sie weiterentwickeln, uns ein Arrangement dazu überlegen, das uns gefällt; manches davon machen Einzelne, manches davon machen wir gemeinsam in der Probe. Es geht aber immer durch mehrere Runden. Und irgendwann kommt dann die Aufnahme. Und auch nach der Aufnahme wird dann auch noch viel gemacht. Man tauscht einzelne Parts aus usw.

JM: Wie oft probt Ihr?
MM: So unregelmäßig. So unregelmäßig wie wir touren. Also, wir haben Phasen. Keine wöchentlichen Probentermine, weil wir über ganz Deutschland verteilt leben, mittlerweile treffen wir uns dann immer gleich für ein bis zwei Wochen, um zu proben und neue Songs zu machen.

JM: Aha – ich dachte, Ihr wärt alle Münchener Homies.
MM: Das war mal so. Alle von uns haben mal irgendwie in München oder genau bei München gewohnt. Und inzwischen sind wir über die ganze Republik verteilt. Aber bezeichnen tun wir uns immer noch als ursprünglich Münchener Band.
KL: Für das tägliche Tourgeschäft proben wir eigentlich so gut wie gar nicht oder eben unterwegs. Weil wir mittlerweile so eingespielt sind, dass wir die „alten“ Songs höchstens kurz vor einer Show, so auf Zuruf, noch verändern. Nach dem Motto: Lass uns das doch mal anders machen, dann spielt man’s einmal durch und macht’s dann einfach so auf der Bühne.

JM: Vom Proben zurück zur Entstehung von Songs. Ihr seid zu zehnt – kann da immer alles demokratisch ablaufen?
MM: Doch, eigentlich haben wir in allem eine Demokratie. Aber wie das immer so ist: Manche ergreifen die Initiative eher als andere und dann bringt vielleicht einer eine Idee mit, an der alle anderen mithelfen oder auch nur zwei mithelfen. Das kommt ganz auf die Situation an.
KL: Ja, und dann gibt es natürlich auch Phasen im Produktionsprozess, wo Aufgaben einfach verteilt werden. Also es kann zum Beispiel sein, dass wir eine Songskizze haben, an der wir rumprobieren, aber nicht weiterkommen – was oft passiert, wenn zehn Leute im Raum sind. Und dann sagen wir: Pass auf, der Menzel hatte die Idee mit der Melodie-Linie, die schreibt Ihr jetzt erst noch mal ordentlich auf. Und dann nehmen wir es das nächste Mal wieder mit rein. Oder so. Und wenn wir eine Platte machen, dann gab’s immer einen, der den Gesamt-Prozess sozusagen überwacht hat.

JM: Pfuscht Dir auch mal jemand in den Text rein und sagt: Das rappst Du nicht?!
KL: Sehr selten.
MM: Gab’s erst einmal. Die Papst-Zeile in „Liebe“.
KL: Der einzige, der mir immer mal wieder Feedback gegeben hat, kritisches Feedback, das ist der Jan. Der hat mir dann immer schon gesagt, was er nicht so gut fand. Aber eigentlich find ich das super. Manchmal würde ich mir davon sogar mehr wünschen, dass Sachen auch angegriffen werden, dadurch entsteht ja erst so eine gewisse Klarheit. Man schreibt manchmal einfach Sachen auf und macht sich gar nicht so viele Gedanken darüber. Und wenn’s dann jemand angreift, dann merkt man – kann man das argumentieren, kann man das nicht argumentieren; ist es einem überhaupt wichtig, muss das da rein? 

JM: Das ist ja die perfekte Überleitung zu „Roboter“ – einem der herausragendsten Songs auf dem Album. Nicht nur, weil musikalisch bzw. rhythmisch anspruchsvoll, sondern auch textlich. Wie wollt Ihr dem Roboter-Schicksal entgehen?
MM: Roboter-Schicksal. Meinst Du damit den Alltag?

JM: Genau. Mag sein, dass manch einer sagt: Ihr seid ja Musiker. Bei Euch läuft das eh alles anders. Aber eine Art Alltag kennt Ihr auch: Ihr fahrt irgendwo hin, es gibt einen Soundcheck, dann ist das Konzert und danach geht’s von vorne los.
MM: Das ist ja manchmal auch zäh. Stimmt. Aber nichtsdestotrotz: Auch ein zerpflücktes Leben kann sehr spannend sein. Find ich. Gerade als Musiker ist es manchmal sehr schön, so etwas wie einen Alltag zu empfinden. Oder irgendeine Art von Struktur.
KL: Also erstmal ist es ja so, dass jeder von uns die grundsätzliche Entscheidung getroffen hat für ein Leben außerhalb des Angestellten-Alltags in einem Büro. Für mich persönlich wäre genau dieser Alltag eine absolute Horrorvorstellung. Das würde ich nicht wollen. Andererseits muss man auch schon sagen, dass das, was wir machen, auch eine Gleichförmigkeit kriegen kann.  Und da auch Abhängigkeiten entstehen können, die unschön sind. Am Ende ist das wohl eine sehr persönliche Frage, die jeder mit sich selbst klären muss. Der Job an sich, das Ding, mit dem ich Geld verdiene – egal welcher – der wird davon immer Anteile haben. Mich hat mal jemand auf den „Roboter“-Text angesprochen, der sich davon angegriffen gefühlt hat, weil es bei ihm so rüberkam, ich würde Leute, die normal ins Büro gehen, eben Scheiße finden. Sehe ich aber gar nicht so. Für mich ist es eher so ein Bild von dem, was man halt macht, wenn man in so einen Groove reinkommt, in dem man sich nicht mehr wohl fühlt. Das kann uns genauso passieren.
MM: Auf jeden Fall, voll. Und es ist ja auch immer so ein Mitteldings. Gerade auf Tour braucht man ja auch eine gewisse Struktur, damit man nicht völlig den Faden und den Boden verliert. Und wenn’s zuviel Struktur ist, und immer die gleiche, wird man eben auch immer gelangweilt. Das ist aber in jedem Job das gleiche Ding.
KL: Wobei unser Job noch ein paar mehr offene Türen enthält.

JM: Der Kommentar wie der von dem Zuschauer – hat Dich das überrascht.
KL: Was heißt überrascht. Ich find’s eher schade. Aber man kriegt ja immer mal wieder so einen Kommentar ab. Das Ding ist: Mit Sachen, über die ich schreibe, habe ich mich ja auch beschäftigt. Manchmal trifft ein solcher Kommentar dann einen wunden Punkt und man sagt sich, okay, der hat jetzt nicht nur unrecht. Aber oft sind das eben auch einfach Leute, die den Text nicht bis zu Ende gehört haben. Oder den Witz nicht gepeilt haben. Oder nicht unterscheiden können zwischen sich selbst, mir und einer Kunstperson. Das ist auch der Grund, warum ich die meisten Sachen, die in eine solche anklagende Richtung gehen oder gehen könnten, nicht in der DU-Perspektive schreibe. „Roboter“ ist ja auch aus der Innenperspektive geschrieben. Es soll eben auch nicht nach einer Anklage klingen. Ich will nicht mit dem Finger auf Leute zeigen, und sagen, Du machst was falsch und Du machst was falsch und DU auch. Das ist gar nicht unser Ziel. Das Ziel ist eher, schon so eine Art Ertapptsein-Gefühl auszulösen, aber eher eine Frage aufzuwerfen, als Antworten zu liefern.

JM: Danke für das Interview!

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