„Wir lassen erstmal alles so fließen“ – Messer im Interview

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Hendrik Otremba, Philipp Wulf und Manuel Chittka zwängen sich in das winzige Separée, dass dem Band-Trio und dem Fragensteller als Interview-Raum zur Verfügung steht. Bassist Pogo McCartney Der erste Eindruck: Diese Post-Modernen-Post-Punk-Protagonisten haben mit den kostümierten Charakteren zwischen New York Dolls, Ramones und Rancid nichts mehr gemein. Zumindest nicht phänotypisch. Stattdessen: Aufmerksame und ausgesprochen höfliche Gesprächspartner, die nicht mit Irokesen und sicherheitsbenadelten Ohrläppchen auffallen, sondern mit Eloquenz und gut-argumentierten Überzeugungen. Das Gespräch ist ebenso handfest wie das Album, um das es geht: Messers drittes heißt „Jalousie“ und markiert nicht nur wegen band-interner Fluktuation einen Wendepunkt. Der Weggang von Gründungsmitglied Pascal Schaumburg, die Erweiterung der Band um den Percussionisten Manuel Chittka, aber auch der Wechsel zum Trocadero-Label haben die Perspektiven der Band neu geeicht: Messer sind scharf wie nie.

JOINMUSIC: Schon ungewöhnlich, dass das Interview mit einer dem Punk zugerechneten Band in einer Anwaltskanzlei stattfindet.
PHILIPP: Du weißt aber, dass das das Labelbüro ist und nicht die Kanzlei, in der wir hier sitzen.

JM: Schon klar. Ich bin nur vom fiesen ersten Klingelschildeindruck ausgegangen. Und da steht in fetten Lettern Kanzlei und nicht Label.
HENDRIK: (klärt kurz über die Verbindung zwischen Label und Kanzlei auf.)

JM: Alles gut. Allerdings war das eine Spitze, die ich mitnehmen musste. Und gleich noch eine. Im Einladungsschreiben zum Interview war explizit vermerkt: Bitte beachte, dass die Interviews von der Band freigegeben werden müssen, bevor sie veröffentlicht werden. Danke. Habt Ihr schon mal schlechte Erfahrungen gemacht?
HENDRIK: Da haben wir gerade noch drüber gesprochen, lustigerweise. Es ist ja gar nicht so, dass das programmatisch entschieden ist, aber bei einem transkribierten Interview, gerade wenn man lange gesprochen hat und man aber schon vorher weiß, dass in dem Medium, in dem es stattfinden soll, eher wenig Platz ist, bedeutet das, dass man viel redet und das am Ende sehr stark vereinfacht wird. Manchmal stehen dann Sachen unter dem Namen von jemand, aber diese Person hat das so überhaupt nicht gesagt. Wie gesagt, da haben wir gerade noch drüber gesprochen: Manchmal ist man froh, wenn man nochmal drauf gucken kann.
PHILIPP: Es ist kein Muss, nein. Aber es gab schlechte Erfahrungen, das schon. Ich wusste jetzt aber gar nicht, dass es da drinsteht. Das hat das Label wahrscheinlich als so eine Art Standard-Textbaustein mit drin. Aber ich find’s auch nicht so schlecht. Zum Beispiel kann man so bestimmte Sachen auch noch mal schärfen und präzisieren. Da kannst Du als Interviewer ja auch von profitieren.

JM: Bin bei Euch. Ich biete das ja eh immer an und so…
HENDRIK: Aber du wähntest schon wegen der Konstellation Anwaltskanzlei und Korrekturlese-Androhung….

JM: … dass bei Messer hier die Musikindustrie von der ganz krassen Sorte am Start ist …
PHILIPP: … und wir hier alle verklagen.

JM: Ganz genau. So, wo wir das Rechtliche nun geklärt haben: Kennt Ihr die Hamburger Stolper-Pop Band AB Syndrom und ihr „Jalousien“-Video? Daran erinnert mich das Cover eures neuen Albums „Jalousie“.
HENDRIK. Uns ist nur aufgefallen, dass Jalousie ein Stück weit ja schon auch ein pop-kulturelles Zitat ist. Is‘ ja klar: Jalousien gibt’s halt auch woanders. Aber wirklich witzig fand ich – Rüdiger hat mir das irgendwann per Mail geschickt – Candelilla, eine Band aus München, mit der wir befreundet sind, die haben vor kurzem so eine Art GIF auf ihrer Homepage gehabt, wo sie mit einer Jalousie, in der Art, wie wir sie auf dem Cover haben, durch München gelaufen sind – Koinzidenz. Das ist schon interessant, weil wir mit denen ja irgendwie verbunden sind, uns aber lange nicht mehr über solche Sachen ausgetauscht haben. Ein witziger Zufall.

JM: Gleiches Mindset.
HENDRIK: Vielleicht.

JM: Zur Musik: „Jalousie“ ist euer erstes Album mit dir, Manuel, als vollumfängliches Bandmitglied. Findet ihr das für eine Band von eurem gefühlten Schlag/Genre genauso ungewöhnlich wie ich?
MANUEL: Am Anfang liegt natürlich eine Art Verortung – wo sieht man sich persönlich. Also: Ich als rhythmus-interessierter Mensch würde mir generell wünschen, dass bei Bands, mit denen uns andere vergleichen, mehr Wert auf Rhythmus gelegt würde. Philipp und ich spielen das Schlagwerk gemeinsam und wir verstehen uns auch als zwei Menschen, die im Grunde ein Instrument bedienen, d.h. Elemente sollen ineinander greifen, miteinander verzahnt werden. Von der Funktion her, die die Percussion in der Musik hat, ist es eigentlich das Gleiche. So haben wir einfach einen größeren Spielraum und es gibt einem die Möglichkeit, mit anderen Klängen und Sounds zu arbeiten, und auf diese Weise das Thema Rhythmus prominenter und elaborierter zu gestalten.
HENDRIK: Was Hartes und was Filigranes nicht gegenüberstellen, sondern viel mehr…
PHILIPP: … in eins zu denken.
HENDRIK: Genau.
PHILIPP: Also wenn man das mal als Alleinstellungsmerkmal sieht: Es ist halt auffällig, dass bei Musik mit deutschen Texten in der Wahrnehmung ein ganz starker Textfokus vorhanden ist – egal ob bei den Journalisten oder den Hörern. Oft einhergehend mit dem Versuch, sich mit den Texten zu identifizieren. Bei Messer – abgesehen davon, dass es bei uns eigentlich keine Identifikationstexte gibt – war uns von Anfang an wichtig, dass wir uns auch als Soundband begreifen, die halt auf Deutsch singt, aber eben nicht nur beliebig dazu rumschrammeln will.
HENDRIK. Ja.
PHILIPP: Und dabei eigentlich – auch was die Einflüsse angeht – viel internationaler denkt. Das ist uns bei den Vergleichen immer aufgefallen: Da fallen ausschließlich Namen von deutschsprachigen Bands. Es spielt natürlich überhaupt keine Rolle, wo wir uns selbst lieber sähen. Aber als während der Produktion des letzten Albums Manu mit seiner Percussion dazukam, haben wir das schon als einen Ansatz gesehen, allein durch die Besetzung zu einem zumindest im deutschsprachigen Raum eigenen Sound zu kommen. Das war schon ein Gedanke oder Wunsch von uns. Ob das aufgeht, sollen andere entscheiden.
MANUEL: Ich fand es auch interessant, dass bei der letzten Platte die Percussion als Produktionselement dazukam, so wie es halt sehr oft der Fall ist: Um da Texturen drüber zu legen, Sachen anzudicken oder dergleichen. Und diesmal wurde der Fokus daraufgelegt, dass die Percussion Teil des Songwritings ist und dass eben auch rhythmische Melodien gefunden werden, die den Song anreichern, die dem ganzen eine neue Ebene geben.
PHILIPP: Nicht nur als Beiwerk oder i-Tüpfelchen, sondern als essentielles Element. Was bedeutet, dass man die Songs nicht mehr ohne Percussion spielen könnte.
MANUEL: Genau.

JM: Was dem Endergebnis ja auch hervorragend anzuhören ist. Das musikalische Material ist im Vergleich zu den beiden Vorgängeralben – wertfrei – von ganz anderer Qualität. Was mich gleich zur nächsten Frage bringt: Beim Jammen oder Komponieren oder wie auch immer das bei euch abläuft – müsst ihr euch in dieser neuen Konstellation manchmal zurückhalten oder beherrschen, dass der Fokus auf den Rhythmus nicht Überhand nimmt? Bei einer Passage von „Detektive“ ist das beispielsweise sehr auffällig – die könnte genauso eigentlich auch sieben Minuten dauern, ohne dass irgendjemand was dazu sagt bzw. singt.
PHILIPP: Nee, eigentlich nicht. Wir lassen erstmal alles so fließen. Wenn wir beim Komponieren gemeinsam im Raum sind, dann entsteht erstmal so ein Grundrhythmus oder eine Grundfigur des Songs aus der Improvisation heraus. Diese wächst dann so peu à peu zu einem Song heran. Und bis dahin kann Manu regelrecht ausrasten.
HENDRIK: Gerade bei „Detektive“ war es so, dass der in einer früheren Version sogar kürzer war. Da wurde recht spät noch ein kurzer Part ohne Gesang eingefügt, damit man sich dem Rhythmus noch ein Stück mehr hingeben kann. Da war es quasi andersherum, da wurde anders entschieden.
PHILIPP: Aber trotzdem ist die Frage richtig gestellt. Denn wir haben ziemlich früh – schon auf den Demoversionen – gedacht, dass der Song schwer zu mischen sein würde, weil da sehr viel rhythmische Information drinsteckt. Wie auch immer wir an den Reglern gedreht haben – das klang immer chaotisch und überladen. Da wir die Platte zum Mischen aber Tobias Levin gegeben haben, dem wir großes Vertrauen schenken, hat jetzt jedes Element seinen entsprechenden Platz, den richtigen Ort im Mix. Und das war, glaube ich, schon eine Herausforderung. Zumindest hab ich es als eine solche wahrgenommen.

JM: Wovon handelt „Meine Lust“ – ist das ein Morgenlatten-Protestsong? Oder hat das mit Libido gar nichts zu tun?
HENDRIK: Morgenlatten-Protestsong?!

JM: Ich weiß es halt nicht…
HENDRIK: Der Text ist eine Auseinandersetzung mit Lust. Ich finde, manchmal ist Lust etwas total Schönes und Intensives, meistens eigentlich. Es kann aber auch irgendwas sein, was einen verrückt macht. Ich fand die Idee mal reizvoll, das möglichst einfach zur Sprache zu bringen. Man könnte jetzt sicherlich hochtrabende Begriffe heranziehen und von der Dialektik der Lust sprechen, aber das will ich eigentlich gar nicht so wirklich. Ich habe halt beobachtet, wie unterschiedlich sich Lust anfühlen kann und dass man es sich aber sowieso nicht aussuchen kann. Und dann habe ich versucht, das zusammenzubringen. Und das war einer der wenigen Texte, die sehr schnell und spontan entstanden sind. Ein Text, der einfach so – „puff“ – passiert ist. Das musste bei dem Thema aber vielleicht auch so sein.

JM: Ist „Schaumbergs Vermächtnis“ Messers „Shine On You Crazy Diamond“ – eine Ode an oder Hymne auf ein Bandmitglied vergangener Tage?
HENDRIK. Es ist schon ’ne Danksagung und eine Hommage und eine Verbeugung vor Palle. Der Song ist das letzte, was gemeinsam mit Pascal entstanden ist. Und zwar unabhängig vom Text. Es gab eine Art Skizze, ein musikalisches Motiv. Und dann kam’s dazu, dass Pascal die Band verlassen hat. Aber das, was da war, haben wir aufgegriffen. Es ist letztlich ganz anders geworden, aber das war das letzte Mal, dass wir als Künstler zusammengearbeitet haben. Und das reicht ja bis sonst wann zurück. Mit Philipp und Palle habe ich seit Teenagertagen Musik gemacht. Und das war für uns ’ne krasse Zäsur, dass er die Band verlassen hat. Deshalb ist „Schaumbergs Vermächtnis“ auch total bewusst ans Ende der Platte gestellt: als ein riesengroßes Dankeschön und Tschüss. Egal, wie unterschiedlich die Gefühle auch gewesen sein mögen. Wenn so was passiert, sind ja auch negative Gefühl dabei. Trotzdem finde ich, muss man einen Punkt finden, an dem man mit dem, was da ist, also Musik und Text, jemandem etwas widmen kann. Oder? Wie seht ihr das?
PHILIPP: Ja, wobei das mit dem Text ja eine gewisse Zufallshaftigkeit hat, also dass der Text dann auch so lesbar wird, als sei er jetzt auch Pascal gewidmet.
HENDRIK: Genau, haste recht, das ist wichtig zu erwähnen: Das ist kein Text über oder für Pascal. Der ist entstanden, als Palle noch da war. Der war schon fertig. Aber dann ist es halt wie so oft, oder generell bei Musiktexten, insbesondere bei unseren Texten, wie es mir scheint, dass Dinge erstmal so passieren und man mit einer gewissen Distanz merkt, was für Bedeutungen entstehen können, die für einen selber dann auch natürlich erstmal eine Entdeckung sind. Ich habe unterschiedliche Modi, in denen ich Texte schreibe. Es gibt nicht immer dieses Intentionale. Manchmal glaube ich, da ist was, dann stelle ich aber später erst fest, was das möglicherweise sein könnte. Dazu hat natürlich jeder Mensch, der sich das dann anhört, eine ganz eigene Meinung. Soll er ja auch. Ich würde niemals sagen: Richtig oder falsch, wenn jemand mir seine Eindrücke von einem Text schildert. Ich würde immer sagen: Interessant.

JM: Interessant. Ist „Die Hölle“ mit einem Drumcomputer aufgenommen?
PHILIPP: Ja, das ist so eine Rhythmusmaschine aus den frühen Siebzigern, wie es sie von der Sorte oft integriert in Orgeln gab.

JM: Gut, dass der Lambada da drauf ist.
PHILIPP: Ja, die hier ist aber schon ein wenig avancierter. Man kann verschiedene Rhythmen mischen und einzelne Elemente rein- und rausdrehen. Und das ist ja auch, was in „Die Hölle“ passiert: Ein Grundrhythmus, der sich nach und nach aufschichtet. Ich habe da eine große Faszination für entwickelt und hatte deswegen große Lust, das Ding auch zum Einsatz zu bringen. Im Zusammenspiel mit Pogos Orgeln, die ein neues Element auf „Jalousie“ darstellen und auch prominent vertreten sind, ergibt sich irgendwie eine ganz stimmige Kombination. Nach zwei Platten, die man mit den herkömmlichen Mitteln einer klassischen Rockband gemacht hat, dachte ich: Ich hätte einfach total Bock, auch mal ein anderes Instrument in die Hände zu nehmen. Das hat dann irgendwie auch jeder in der Band so gemacht.
HENDRIK: Wenn ich das höre, muss ich immer an Phil Collins’ „In The Air Tonight“ denken.
PHILIPP: Ich muss immer an „Hiroshima Mon Amour“ von Ultravox denken. Deswegen wollte ich so ein Ding überhaupt auch ausprobieren.
HENDRIK: Ja, Young Marble Giants auch.
PHILIPP: Stimmt, die haben auch so Zeug gemacht.

JM: Wo ihr jetzt alle multiinstrumentale Cracks seid und auch die entsprechende Technik beherrscht – habt ihr eigentlich selber mal versucht, Remixe anzufertigen, bevor ihr welche delegiert habt?
HENDRIK: Auf der „Kachelbad EP“ hat ja Milek, das neue Bandmitglied, das nach Pascals Weggang als fester Bandbestandteil zu uns gestoßen ist, einen Remix gemacht. Der heißt da allerdings Thomas Moebius, das ist also ein bisschen irreführend. Ich hab so was noch nie gemacht. Ich beherrsche aber auch keine Geräte. Ich bin da sehr Ich-kann-das-nicht.

JM: Du hast ja aber immerhin schon eine Drummachine, Philipp?!
PHILIPP: Mhmm. Ich habe mir auch vor ein paar Jahren einen Sampler gekauft, mit dem ich so ein bisschen rumprobiert habe und da hatten wir tatsächlich mal so ein paar Ideen. Das hat dann dazu geführt, dass wir ein paar Mal, nicht oft, auf Konzerten ein Stück vom ersten Album –
HENDRIK: „Was man sich selbst verspricht“
PHILIPP: – mit elektronischen Mitteln interpretiert haben. Und da gab’s dann auch mal die Idee, das aufzunehmen und bei den Aufnahmen haben wir dann gemerkt: Ey, das wird gerade ein eigener Song. Der ist dann auf einem Sampler unseres alten Labels gelandet. Aber der Impuls, so was zu machen, ging eigentlich von einer Art Remix-Idee aus. Das hat sich aber dann ein wenig verselbstständigt. Aktuell ist das für uns, die wir außer Milek eigentlich keine elektronische Musik machen, wahrscheinlich nicht mehr so interessant. Aber für Milek umso mehr.
HENDRIK: Und Manu ist auch bei der Band Love-Songs, die sowieso immer klingt wie ein Remix von sich selbst. Weil ihr immer Versionen von euren Stücken entwickelt. Und da kann ich mir total gut vorstellen, dass es da mal so eine Zusammenarbeit geben könnte, von Messer und Love-Songs, mit dir Manu, sozusagen als man of both worlds. Ich finde das durchaus reizvoll, sich zu seinem eigenen Werk zu verhalten. Ich bin da leider technisch nicht in der Lage zu. Aber wenn das geschieht, find ich das eine interessante Sache.

JM: Wie gefallen euch denn – ihr müsst die Frage nicht beantworten – die Remixe, die für euch angefertigt worden sind? Also abgesehen davon, dass man sagt: Oh, interessant, das kann man also auch noch alles von unserem Material ausgehend anfertigen…
HENDRIK: Genau das hab ich gedacht.

JM: Okay. Seid Ihr denn Clubgänger?
PHILIPP: Absolut. Der Wunsch, nach einem Factory Floor Remix bestand ja nur deshalb, weil wir dachten, wenn die da dran gehen, passiert da bestimmt was Interessantes. Ich hab eine Zeitlang sehr viel Techno und House gehört und mich damit stark auseinandergesetzt. Und da nach draußen hin auch so eine Art Offenheit zu markieren, dass wir das als Band auch interessant finden, was sich dann auch in Form von diesen Remixen äußert, finde ich eigentlich ganz gut. Es ist zwar klar, dass man am Ende nicht von all unseren Hörern verlangen kann, dass auch sie alle auf Techno abfahren, aber das muss ja auch nicht sein.
HENDRIK: Als wir uns für den Bandnamen Messer entschieden haben, war das, als wir zusammen im Zug von Münster nach Köln auf eine Technoparty gefahren sind.
PHILIPP: Ahja, stimmt.
HENDRIK: Soviel dazu.
PHILIPP: Von uns aus besteht da eh so eine Offenheit und es hat ja auch eine gewisse Tradition. Es gibt ja auch aus den Neunzigerjahren viele deutschsprachige Bands, die mit diesem Technokontext verbandelt waren.
HENDRIK: Die Verbindung von Techno und Punk führt ja sogar noch weiter zurück. Also so Leute wie Motte oder Westbam und all solche wichtigen Protagonisten der Geschichte von elektronischer Musik waren Leute, die zum Beispiel noch bei „Geniale Dilletanten“ [sic!] eine Rolle gespielt haben, im Punk von Westberlin.
PHILIPP: Moritz von Oswald und Thomas Fehlmann haben beide bei Palais Schaumburg gespielt.
HENDRIK: Das hat sich eh alles berührt.
PHILIPP: Oder Ende der Neunziger der Umschlag von Lage D’Or zu Ladomat 2000 ist ja auch so ein Beispiel.

JM: Hamburg war, was das angeht, ja auch immer schon fruchtbarer Boden. Was mir bei „Jalousie“ noch aufgefallen ist: Die quasi soundgewordene Niedergeschlagenheit der ersten beiden Alben ist einer Art neuen Lässigkeit gewichen. Nicht, dass jetzt alles Friede Freude Eierkuchen ist – aber tendenziell ist das Glas jetzt eher halbvoll. Woher kommt das?
PHILIPP: Ich weiß es gar nicht. Anders als vielleicht so eine krasse Düsterheit, die vielleicht vorher vordergründiger war, gibt’s da jetzt so was wie eine neue Melancholie. Ich könnte jetzt gar nicht unbedingt sagen, dass die Platte positiver ausgefallen ist.
HENDRIK: Ich würde schon sagen. Oder sag du mal!
MANUEL: Ich glaube, man kann das so ein wenig von der Produktionsweise herleiten. Die ersten Platten sind im Proberaum entstanden – daher stammt wahrscheinlich auch der Eindruck dieser gewissen Rauheit.
HENDRIK: Und jetzt die Platte ist halt eher produziert.
MANUEL: Genau. Deswegen glaube ich, ist dieses Sturm und Drang-Ding, das man vielleicht über die ersten beiden Platten stülpen kann, dieses Live-Moment mehr auf den beiden Platten spürbar.
HENDRIK: Durch den längeren Zeitraum und durch andere Aufnahmebedingungen, nämlich dass wir selber mit ganz viel Geduld aufnehmen konnten, haben wir einfach die Möglichkeit gehabt, bestimmte Dinge auszudifferenzieren, was irgendwie auch Energie bedeutet, aber keine, die schnell explodiert, sondern mit der man ein Stück weit sogar künstlerisch haushaltet. Was ich aber in jedem Fall sagen kann, was sich sowohl textlich als auch vom Gesang her äußert, ist, dass es absolut so war, auch durch die lange Zeit, in der man sich damit beschäftigt hat und auch durch die Möglichkeit, immer wieder aufzunehmen und auch mit der Stimme anders zu arbeiten, was dann auch wieder mit den Texten was macht – dass sich unser Sound schon stark verändert hat. Und zwar auch, weil ich so ein paar Schlüsselmomente hatte – ich war früher immer fest davon überzeugt, dass es die große Herausforderung ist, sich mit dem Dämonischen, Abgründigen, Kaputten, Schrecklichen, Schlimmen und düsteren Dingen auseinanderzusetzen. Aus einer künstlerischen Perspektive habe ich aber gemerkt, dass es manchmal der viel größere Anspruch ist, Glück und positive Dinge zu formulieren und dabei aber den eigenen Ansprüchen an Sprache und Ausdruck treu zu bleiben. Eben nicht zu verkitschen, nicht den Rückzug ins Private zu propagieren und all sowas, sondern es trotzdem zu schaffen, mit einem Bewusstsein und einer Einfühlsamkeit gegenüber den Zuständen auf der Welt kurz auftauchen zu lassen, dass man auch Liebe empfindet. Das ist für mich neu. Und das ist bestimmt auch auf der Platte spürbar.
PHILIPP: Textlich empfinde ich das absolut genauso.
HENDRIK: Auch im Hinblick auf den Versuch, Liebeslieder zu schreiben, ohne dabei in gewisse Fallen zu tappen, die so ein Versuch mit sich bringt.

JM: Na – ganz so schlimm kann die Gesamtsituation ja tatsächlich nicht sein: Melancholische Miesepetrigkeit und Tamburin aka Schellenkranz gehen sich zusammen nicht aus, wie die Österreicher sagen würden… Zu einer anderen Klangerweiterung, die man auf „Jalousie“ nicht überhören kann: Das Orgelige bzw. die Tasteninstrumente. War das eine kollektive, bewusste Entscheidung, es jetzt mal damit zu probieren?
HENDRIK: Nee, Pogo, unser Bassist, war vor allem immer Bassist. Und das war für ihn auch voll wichtig, also: Bassist zu sein. Ist es auch immer noch. Aber der hat irgendwann günstig eine alte Orgel gefunden und einfach Lust bekommen, sich auszuprobieren. Das war in einer Zeit, in der wir auf eine Art in der Krise steckten, weil unser Gitarrist da schon erste Anzeichen von Ich-zieh-mich-zurück gezeigt hat, wir mittlerweile in verschiedenen Städten wohnten und einfach generell in ganz vielen anderen Sachen drinsteckten. Und Pogo hatte sich ein Stück weit vielleicht nicht gelangweilt, aber auf jeden Fall Lust, schon weiterzumachen. Und die Orgel hat ihm gewährt, sich schon ans Songwriting zu machen, ohne in der Konstellation wie sonst im Proberaum zu sein, d.h. Skizzen auf ’nem Tasteninstrument anzufertigen, die man dann als Band im Proberaum weiterbearbeitet. Und weil die in der Mehrheit orgelbasiert waren, ist die Orgel mit drin geblieben, und weil wir sie als neue Soundsphäre sehr zu schätzen gelernt haben. Oder? So ist zumindest meine Wahrnehmung.
PHILIPP: Bei den ersten beiden Alben war es auch einfach so, dass die zeitlich sehr nah aneinander entstanden sind und sehr aus einem Flow von Songwriting oder zumindest aus einem homogenen Entstehungskontext stammen. Und jetzt, wo wir für unsere Verhältnisse sehr lang gebraucht haben, war uns wichtig, dass man die Platte auf all ihren Ebenen noch mal abgrenzt von dem, was bisher war. Nach dem Motto: So, hier ist jetzt wirklich ein neuer Abschnitt.
HENDRIK: Wobei: Ob das dann so ein programmatischer Entscheid ist? Solche Dinge ergeben sich ja auch einfach.
PHILIPP: Ja, natürlich, sie ergeben sich, weil auch so viel Zeit vergeht und man sich unweigerlich entwickelt. Es gab aber sehr bewusste Ideen à la: Wir müssen das jetzt weiter spinnen.
HENDRIK: Genau. Es gab auf jeden Fall die bewusste Entscheidung, dass man nicht eine dritte Rockplatte machen will. Weil uns das künstlerisch alle sehr gelangweilt hätte.
PHILIPP: Wir haben in der Zeit auch angefangen, an einem Album zu arbeiten, das wir eigentlich schon von Anbeginn der Bandgeschichte planen, als eine Art experimentelles Nebenalbum. Für das haben wir auch etwa zwölf Skizzen gesammelt und es dann doch wieder auf Eis gelegt, um am regulären dritten Album weiterzumachen. Das sind ja alles auch so Entwicklungsschritte gewesen, wo man sagen kann: Ja, damit sind wir zwar vorerst gescheitert, aber sie haben uns dazu gebracht, die Platte „Jalousie“ auf diese Art und Weise zu machen.
HENDRIK: Genau. Wie bei Boris Vian, da haben wir so eine musikalische – äh, Revue klingt so seltsam … Wir haben musikalisch so ein paar Motive entworfen, die wir durchprobiert haben und haben damit was mit Texten von Boris Vian gemacht. Vorher gab’s das noch mit Romy Schneider. So experimentelle Sachen sind ja auch Versuche, sich als Künstler neu zu entdecken, neue Perspektiven einzunehmen. Die müssen dann gar nicht immer so stattfinden oder ausgeschlachtet und vermarktet werden oder so was. Manchmal ist das dann einfach auch eine Laborsituation.

JM: Es scheint, als wäre für euer drittes Album ganz viel zusammengekommen. Das sieht und hört man auf allen Ebenen: Das fängt nicht bei der gänzlich anderen Covergestaltung an, und hört auch nicht bei den neuen Bandmitgliedern oder eurem neuen Label auf. Insgesamt also eine Mischung aus Abschluss und Aufbruch.
Alle: Ja. So ungefähr.

JM: Danke für das Interview.

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