Grooven im Funkhaus – Jazzanovas „Funkhaus Studio Sessions“

Ob Stefan Leisering und Axel Reinemer sich das jemals hätten träumen lassen? In den Rundfunkstudios an der Nalepa-Straße genau dort Musik aufzunehmen, wo die inzwischen untergegangene Deutsche Demokratische Republik das Staats-Radio organisierte? – Wohl kaum, selbst dann, wenn man die ideologisch-politische Note ganz unter den Tisch fallen lässt. Der Gebäudekomplex in Oberschöneweide ist, was man gerne als Relikt aus einer anderen Zeit bezeichnet: Große Studios (so groß, dass Daniel Barenboim und Kent Nagano hier problemlos Berlioz-CD-Aufnahmen realisieren), eine dank Holzböden, -decken und –wände beinahe perfekte Akustik und nicht zuletzt der großartige anachronistische Mief.


Jazzanova
Funkhaus Studio Sessions

 

Sonar Kollektiv / Alive
11. Mai 2012

 

Erhältlich bei:
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Aber: Mit Althergebrachtem hatten die Jazzanovisten noch nie ein Problem. Ganz im Gegenteil. Die von ihnen immer wieder neu unternommene Verschmelzung von musikalischem Erbe und klanglicher Gegenwart gipfelte vor einigen Jahren denn auch in der Gründung einer potenten Live-Band, die nicht nur in der Lage war, das kleinteilige Programmier-Gefrickel vor allem der frühen Jazzanova-Veröffentlichungen konzertant abzubilden. Die Einbindung der Instrumentalisten über Tour-Termine hinaus eröffnete dem Kollektiv auch bei der Studio-Arbeit neue Möglichkeiten.

Was auf dem 2008 erschienenen Album „Of All The Things“ schon ansatzweise zu hören war, findet in den „Funkhaus Studio Sessions“ nun seine konsequente Fortsetzung. Zusammen mit der schon live erprobten Truppe um Sänger Paul Randolph nahmen Produzent Leisering und der Master-Meister Reinemer in den Rundfunk-Studios 14 Tracks auf, von denen nur die Randolph-Komposition „I, Human“ nicht bereits zum Bühnen-Repertoire gehörte. Dass jede dieser Aufnahmen ohne Ausnahme live, also in einem zusammenhängenden Take aufgenommen sein soll, lässt sich nur durch den Höreindruck schwer belegen. Ist für den Hörspaß aber reichlich unerheblich. Was zählt ist, dass den insgesamt 9 Musikern gelingt, was sie sich auf die Hallfahnen geschrieben hatten: die Re-Organisierung der Musik in Zeiten der digitalen Reproduzierbarkeit.

Was die Umkehrung des Prinzips Akustik Goes Digital stehen Jazzanova längst nicht allein auf weiter Flur (siehe auch Christian Prommer). Und das Kollektiv hat’s auch nicht erfunden. Gelingen tut es ihnen nichtsdestotrotz ziemlich gut. Ironisch daran ist, dass dieselben Protagonisten noch vor 15 Jahren organische Musik von Schallplatten sampleten, um sie in ihre Produktionen einzubauen. Jetzt interpretieren sie eben jene Digital-Werke mit einer Live-Band. Das wohl perfekteste Beispiel für diese Art des Sound-Recyclings ist „Believer“, im Original ein House-Nummer von Sänger Randolph. Das Zusammenspiel von Live-Getrommel und Sequencer gesteuerten Handclaps ist großartig. Hier verschwimmen auf magische Weise die Grenzen zwischen den oft als kalt verschrieenen elektronischen und nur zu gern als schön warm euphemisierten organischen Klangquellen. „Let It Go“ und „Boom Clicky Boom Klack“ zeigen auf ebenso beeindruckende Weise, wie gut das gehen kann. Nur „Fedime’s Flight“ hilft das Organische nicht wirklich: Zu anders die Klangräume, zu wenig Maschine, zu rückwärtsgewandt das Klangfuturistische im Vergleich zum Original.

Die meisten anderen Songs finden sich nicht wesentlich unähnlich auf den anderen beiden Jazzanova-Alben. Gewinner gibt es dennoch. An erster Stelle zu nennen wären da das instrumentale „Theme From Belle Et Fou“ und das santanaeske „Look What You’re Doing To Me“. An vielen Stellen – und nicht nur bei diesen beiden Songs – ist eine große Klangnähe zu den Fantasy-Alben der Crusaders auszumachen. Ob das vorwiegend an dem mit Saxophon und Posaune ähnlich instrumentierten Bläsern liegt, muss jeder für sich entscheiden. Auch „I Can See“ hat Klasse – klingt allerdings zu sehr nach Barkley Gnarls.

Es bleibt dabei: Jazzanovas „Funkhaus Studio Sessions“ ist ein handwerklich großer Wurf, mit dem sich vor allem Reinemer und Leisering einen lang gehegten Wunsch erfüllt haben dürften. Klangrevolutionen aber hören sich anders an. Grüße in die Allee der Kosmonauten.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

One comment: On Grooven im Funkhaus – Jazzanovas „Funkhaus Studio Sessions“

  • Danke für deinen Komemntar zur Jazzanova Review bei http://www.unruhr.de. Da sind wir wohl der gleichen Meinung, auch wenn du die Funkhaus Sessions sehr viel umfangreicher, kompetenter und „euphemisierter“ kommentiert hast.

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