Kurzweiliges Vergnügen – „Malen Nach Zahlen“ von Montreal

Bis vor kurzem hörte die Demokratie bei Punk bzw. punkverwandter Musik aus Deutschland auf. Eine Wahl hatte man jedenfalls lange so gut wie gar nicht. Entweder Doktoren und abgehangene Beinkleider oder Schleim und Zitrusfrüchte. Seit einem knappen Jahrzehnt allerdings wird dagegen basisdemokratisch aufbegehrt. Zu diesen Aufrührern gehören seit offiziell 2003 auch Montreal.


Montreal
Malen Nach Zahlen

 

Amigo / Soulfood
18. Mai 2012

 

Erhältlich bei:
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Sie haben alles, was es braucht, um sich als deutschsprachige Punkband zu etablieren: oft schwarz an, Pulswärmer, keine echte Namen, 8-Takte-Soli, ein eigenes Indie-Label und eine wunderbar elegante „Ja-die-Politik-die-gibt-es-ja-auch-noch“-Attitüde. Und natürlich Punk-Musik. „Malen nach Zahlen“ ist bereits das vierte Album der Nordlichter. Aber das erste auf dem eigenen Label, das – soviel darf unterstellt werden – von den drei Musikfreunden nicht umsonst Amigo genannt.

„Ich sage nicht, dass früher alles besser war – aber sie waren’s leider schon.
Ihre Texte waren frisch und man spürte den Druck in jedem einzelnen Ton.
[…]
Neulich traf ich einen von ihnen inner Kneipe auf dem Kiez
er hat mich doch tatsächlich nicht erkannt,
obwohl ich vor vier Jahren fast ein halbes Konzert
vor ihnen in der dritten Reihe stand“
(Wie Kann Man Nur)

Warum die drei jetzt so viel eher Punk sein sollen, wie er im Buche stehen könnte, lässt sich hier nicht so einfach erklären. Nur soviel: da ist natürlich auch eine Menge Intuition bei dem Urteil bei. Und die hat vor allem damit zu tun, dass auch Punker zzum Lachen nicht ins Souterrain müssen. Selbst dann nicht, wenn man sich doch mal politisch äußert oder so genannte ernsthafte Themen anspricht. Was heißt hier überhaupt ernsthafte Themen – wenn eines Punk ist, dann doch ein fröhliches „Scheißdrauf“. Je möchtegern-wichtiger die Themen, desto scheißegaler. Hauptberuflich dagegen sein macht keinen Sinn.

„Das kleine weiße Tütchen, oh nein, was macht sie da,
steck deine Karte ein, das sind hier nicht die 80er.
Du bist ja so von gestern, wenn du noch immer spritzt,
mach nen Domestos-Aufguß, wenn Du in der Sauna sitzt.“
(Neues Aus Der Hobbythek)

Punk 2: dass Punk mit vergleichsweise einfachen musikalischen Mitteln auskommt, heißt noch lange nicht, dass sich jeder Hans-Wurst-Dilettant dafür qualifiziert. Montreal aber sind Erste Sahne-Instrumentalisten. Und tolle Shouter. Im Chor jedenfalls. Nur das mit dem Solo-Gesang, das ist noch so, naja. Glücklicherweise lenken die meisten der oft humorigen, gerne selbstironischen, aber nie anklagenden oder beleidigenden Texte von speziell diesem Defizit ab. Hand in Hand mit den gutgelaunt gasgebenden Tracks machen Montreal es einem nicht leicht, sich ihrem Rotzlöffel-Charme zu entziehen.

„Er zahlt nicht in die Rente oder Steuern auf sein’ Lohn,
denn er ist Bankräuber und das aus Tradition. […]

Richtig gut geeignet war er für den Job ja auch noch nie,
denn er hat im Gesicht ne Nylonallergie“
(Bernd, der Bankräuber)

Einziges Manko: Mit kaum 30 Minuten Spielzeit für das gesamte Album nähern sich Montreal gefährlich nah der Spielzeit einer Langspiel-Schallplattenseite. Das ist fast frech. Für halbe Sachen waren bislang doch andere berühmt-berüchtigt?! Kann sein, dass es zum Gesamtkonzert gehört – der Panzerknacker auf dem Cover ist ja auch noch nicht fertig gemalt.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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