Lyrik & Rhythmus – „Man Müsste Klavier …“ von Beatpoeten

Wie es um den typischen Hannoveraner bestellt ist, dass fasste vor gut zwei Jahren niemand Unpassenderes besser zusammen als Barbara Schöneberger. Ob Jan Egge Sedelies sich „Zu Hässlich Für München“ fühlt, ist nicht überliefert. Man kann wohl davon ausgehen, dass weder er noch sein Bruder im Musikgeiste Costa Carlos Alexander sich mit solchen Kleinigkeiten auseinandersetzen. Bei denen steht ganz was anderes auf der Agenda – denn wenn „ein Vorstadt-Proll und ein Zoni, die noch nicht kapiert haben, dass Techno vorbei ist“ (Selbstportrait) sich zusammentun, ihre Musik als Elektro-Kabarett bezeichnen und vier Jahre nach ihrem Debüt das zweite Album herausbringen, dann, ja dann müsste man Klavier spielen können.


Beatpoeten
Man Müsste Klavier Spielen Können

 

Twisted Chords / Broken Silence
11. Mai 2012

 

Erhältlich bei:
Amazon | iTunes | Twisted Chords


Die beiden redaktionell bzw. journalistisch vorerfahrenen Elektro-Kabarettisten raufen sich seit 2006 immer wieder zusammen. Ihre Musik ist in erster Linie ein Amalgam aus den mehr oder minder unverdauten Einflüssen, denen sie sich mehr oder minder unbewußt aussetzen. Deswegen klingt sie auf „Zugvögel“ nach Patrick Chardronnet, bei „70.000“ nach einem Dave Clarke-Remix und „Gimmick“ hätte auch von Timbaland auf Speed sein können. Es knarzt und fiept, und breakt und schiebt – der Text ist wichtiger als die Musik. Und das hört man sogar den Interludes an.

Keine Frage, dass Sedelies den Ton bzw. das Wort angibt. Mit den Eigenheiten des nicht mehr ganz so neuen Bohemien-Lieblingssports Poetry Slam wohl vertraut, lässt sich das, was Sedelies so von sicht gibt, nicht einmal dann als Gesang bezeichnen, wenn man beide Ohren zudrückt. Sedelies deklamiert. Das tut er je nach textlicher Intuition auch auf durchaus vielfältige Weise. Und irgendwie beeindruckend ist es sowieso. Für einen durchschnittlich vernunftbegabten Normal-Hörer aber kommt die Überforderung mit Sieben-Meilen-Stiefeln. Was sagte der Kaiser Joseph noch zur „Entführung aus dem Serail“: „Gewaltig viel Noten, lieber Mozart“. Sedelies ergeht es ähnlich – gewaltig viel Silben.

Hinzu kommt, dass „Man Müsste Klavier Spielen Können“ manisch rastlos, panisch hektisch und auf unangenehme Weise to-go rüberkommt. Wenn auch artikulatorisch verbesserungswürdig – eine vergleichsweise in sich gekehrte Nummer wie „Gleichgültige Gleichzeitigkeiten“ sucht man auf dem neuen Album vergebens. Stattdessen klingt Sedelies immer öfter nach einem Straight-Edge-Hardcore-Schreihals, dessen Band mit den Instrumental-Mastern abgehauen ist und der jetzt zusammenmischt, was im Studio übrig blieb.

Mag sein, dass die Beatpoeten das alles genauso intendiert hatten – dem Autoren ist diese Unruhe ungeheuer. Es wäre doch immerhin möglich, dass die Texte Sedelies‘ in einem Gedichtband, man sagt ja heute gern auch Audiobook, viel besser und nachhaltiger zur Geltung kämen. Die gehetzte, silbenverschluckende Hysterie aber konterkariert die eigentlich gewichtige Aussage – als müsste man einem Volldeppen noch schnell Hegel auseinandersetzen, obwohl der Bus schon die Türen schließt …

Apropos gewichtige Aussage. Gesellschaftskritik ist bestimmt wichtig. Die Beatpoeten können sogar ganz ohne und zeigen auf „Zugvögel“, dass sie die persönliche Schiene ebenso sicher befahren können. Aber ist „70.000“ noch lustig? – Die Beanstandung sinnbefreiter Zeitgeist-Phrasen, die sich in aller Munde finden, noch relevant? – Und die Schadenfreude über Plappermäuler, die Helge Schneider für einen hervorragenden Jazzmusikern halten (aber gar nicht wissen, was das sein soll), noch zulässig? – Ich glaube, nein.

Die Beatpoeten bzw. ihr neues Album „Man Müsste Klavier Spielen Können“ ist vor allem anstrengend. Sedelies und Alexander haben sich dagegen entschieden, es ihren Hörern leicht zu machen. Das ehrt sie. Musik allein nach der Höhe ihrer (nennen wir es) Rezeptionshürden zu beurteilen, aber geht wohlmöglich über das eigentliche Ziel hinaus.

photo: Kevin Münkel

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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