„Du bist schlimmer als Hitler“ – Maxine Kazis im Interview

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Es schickt sich eigentlich nicht, ein Interview mit der Beschreibung des Ortes zu beginnen, an dem das Interview stattgefunden hat. Das kann Moritz von Uslar sowieso am besten. Deshalb nur so viel: Seit fast 10 Jahren lebe und arbeite ich Berlin. Die Hinterhof-Fabriketagen-Fahrstuhl-Nur-Mit-Schlüssel-Und-So-Nummer, in der ich das wohl tanzaffinste Signing von Pop-Out Music – der Management- und Label-Agentur rund um das Songschreiber Trio Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Daniel Faust – mit Fragen löchern darf, war mir so auch noch nicht untergekommen. Als ich die drohende Mandelentzündung gerade noch abwenden konnte, indem ich einfach meinen Mund schloss, war der VIP-Elevator schon oben wie Rainald Grebe.

Kurz geradeaus, dann links und dann noch eine Tür et voila: Der Interviewraum in einem ausgebauten Dachstuhl. Auf dem Couch-Tisch stehen Schnickelidenzchen, Säfte und ein paar Exemplare des „Die Evolution der Maxine Kazis“ Debüt-Albums. Die Dame auf dem Cover führt einen Bibo gelben Umhang zwischen Bademantel, Poncho und Tagesdecke spazieren und weist mir einen Platz auf dem Sofa zu. Sie selbst setzt sich auf den Boden, positioniert den Ascher und luschert mich mit den zwei Bernsteinen, die sie anstelle von Augen im Gesicht trägt, an. Ernst und ruhig. Und nur ein klein wenig erwartungsvoll. Gut, dass ich Fragen vorbereitet habe.

JOINMUSIC: Was war am 30.09.2016 um zwei Uhr morgens – davon singst bzw. sprichst Du in „Ruine“?
MAXINE KAZIS: Mein 27. Geburtstag.

JM: Und wer ist da gestorben?
MK: Ich habe immer gesagt, mit 27 werd ich …

JM: … wie die Amy?
MK: Genau. Möchte da dazugehören. Ein Star [sie sagt „SCHTAR“] sein bis dahin. Und ich hab ja jetzt noch ein Jahr.

JM: „Die Evolution der Maxine Kazis“ ist Dein erstes Musikprodukt – von der EP im Sommer abgesehen. Dass es jemals ein Album von Dir würde geben können, damit hattest Du bis zu Deinem 20. Lebensjahr überhaupt nicht gerechnet. In der vorgefertigten Biografie heißt es aber, dass Du Dich mit 19 für den Gesang entschieden hättest. Entscheidet man sich einfach so für den Gesang?
MK: Ich musste. Mein eigentlicher Traum, Tänzerin zu werden, war mit 19 ausgeträumt. Wegen einer Verletzung, die auch noch falsch behandelt wurde.

JM: Schon klar. Aber vom Tanzen zum Singen ist’s ja doch ein Stück. Hattest Du denn auch was das Singen angeht Vorerfahrung?
MK: Ja, schon immer. Meine Mama ist Opernsängerin. Musik und Gesang begleitet mich schon mein ganzes Leben, war immer da im Haus. Das Klassische, bel canto und so, das hat mich nie interessiert, dafür aber alles andere. Querflöte habe ich acht Jahre lang gespielt, und dann habe ich später mit Klavier und Gitarre angefangen. Damit fällt das Songschreiben auch leichter, als mit einer Querflöte.

JM: Nach der verletzungsbedingten Zäsur bist Du dann nach Hamburg und Kiel gegangen und hast da Musical gemacht?
MK: Schauspiel. Am Schauspielhaus Kiel hatte ich eine Festanstellung.

JM: Wie kam das zustande? So was fällt ja normalerweise auch nicht vom Himmel.
MK: Ich hab ne Ausschreibung auf Theaterjobs.de gesehen. Nee, andersrum. Mein bester Freund hat mich angerufen und gesagt, die spielen in Kiel den „Black Rider“, von Tom Waits und Robert Wilson.

JM: Hab ich auch gesehen.
MK: Wie – warste in Kiel?

JM: Nee, aber am Thalia Theater in Hamburg wurde das in den frühen 1990ern auch gespielt.
MK: Die Inszenierung hast Du gesehen? – Wie geil!

JM: Ja, mit Dominique Horwitz als Teufel.
MK: Und – war gut?

JM: Klar.
MK: Geil. Naja. Auf jeden Fall hat mich mein bester Freund angerufen und meinte, das Mädchen, das die Käthchen spielen soll, ist abgesprungen, jetzt ruf da mal schnell an. Das ist Deine Rolle.

JM: Ruf da mal an?
MK: Hab ich auch gedacht. Und dann bin ich da irgendwie durchgekommen zum Operndirektor und der hat mir halt ’nen Finger gezeigt. Zu der Zeit am Schauspielhaus war ich ein KitKat-Girl in „Cabaret“ und hab an der Stange getanzt. Und der hat gesagt: Also nur, weil sie da jetzt tanzen, heißt das nicht, dass Sie hier für eine Rolle vorsprechen können. Wir haben am Dienstag 200 Mädchen zum Vorsprechen eingeladen. Mal schauen, ob Sie da auch kommen können. Und irgendwas in mir hat gesagt: nee, da musst Du jetzt Nachhaken. Und hab dann gesagt: Wenn’s geht, würde ich gern vorher vorsprechen. Keine Ahnung, was da in mich gefahren war, auf jeden Fall hab ich den weiter genervt und hab dann auch noch mit dem musikalischen Direktor gesprochen, und der meinte, er sei am Sonntag eh da, da könne ich ja dann auch vorbeischauen. Und als der sagte, ok, für mich würde das so passen, durfte ich am nächsten Tag beim Regisseur vorsprechen. Und das war Montag und am Dienstag sollten die anderen Mädels kommen. Und dann hat er nach meinem Vorsprechen den Daumen hoch gemacht und gemeint: Ok, machen wir.

JM: Nicht schlecht.
MK: Genau, das war dann so der Einstieg.

JM: Aber so ohne jede Erfahrung …
MK: Naja, ich hab ja eine Ausbildung gemacht: Schauspiel, Gesang und Tanz.

JM: Ah – jetzt wird ein Schuh draus.
MK: Genau – aber Tanz stand da an oberster Stelle. Es war ein sehr tanzlastige Schule.

JM: Zwei Jahre lang habt Ihr an der „Evolution der Maxine Kazis“ gearbeitet. Was hast Du während der Zeit gemacht, in der Du nicht im Studio an Tracks geschrieben und gefeilt hast?
MK: Als wir angefangen haben, habe ich in Kiel noch abgespielt. Ich hatte schon gekündigt, aber hatte noch zum Beispiel „Drei Schwestern“ von Tschechow zu spielen. Während der Zeit bin ich viel gependelt. Dann gab es eine Phase, da haben wir ganz intensiv gearbeitet. Und dann habe ich auch noch mit anderen Songwritern Dinge ausprobiert – das war dann aber eher so semi. Tja, was hab ich sonst gemacht?! Ich saß eigentlich immer hier und hab die Songs, die ich mit den Jungs geschrieben hab, mit einem jungen Produzenten zusammen überarbeitet. Also eigentlich habe ich tatsächlich die ganze Zeit an der Musik gefeilt, verschiedene Versionen angefertigt undsoweiter.

JM: Was sagen Deine Eltern zu dem Nackidei-Bild als Cover?
MK: Meine Mutter hat gesagt: Na, das sieht ja aus wie so ein Fleischhaufen. Und sie findet auch, dass ich aussähe wie eine Leiche. Mein Papa hat das Design gemacht. Da er selber Künstler ist, war das für ihn nicht irgendwie seltsam mit der Nacktheit. Das Foto hat Ferran Casanova gemacht und Peter und ich haben uns das ausgedacht.

JM: Schon bevor sich diese Entwicklung mit Peter Plate und Co hier in Berlin abzeichnete, hast Du Songs geschrieben, Texte verfasst. Wie viele davon haben es bis auf die Platte geschafft?
MK: Kein einziger. Muss ich ehrlich sagen.

JM: Woher stammt „Take Me Home“?
MK: „Take Me Home“ kommt aus dem Film-Soundtrack von „Coming In“. Das ist ein Film von Marco Kreuzpaintner, mit Kostja Ullmann und Aylin Tezel. Und nachdem der Soundtrack geschrieben war, hab ich den mit Chris als Duo schon mal eingesungen. Das hat aber nicht wirklich funktioniert.

JM: Hat das möglicherweise deswegen nicht funktioniert, weil Du schon immer auf Deutsch singen wolltest?
MK: Nee, überhaupt nicht. Ich hab den Song ja auch nicht geschrieben. Das war eine Auftragsarbeit. Einmal Soundtrack auf Englisch, bitte. Und ich hatte natürlich Bock mit denen zu arbeiten. Is doch klar. Seit sechs Jahren kenn ich die und wollte immer schon einen Plattenvertrag. Ich hab bei allem „JA“ geschrien. Deswegen haben wir auch noch kein Album gemacht, als ich 21 war. Der Peter hat gesagt, Du musst erstmal rausfinden, was Du für Mucke machen willst – dann können wir sprechen.

JM: Wow – so lange steht Eure Verbindung schon. Du bist als Tänzerin gestartet und über das Schauspiel zur Musik gekommen – was bist Du denn nu? Wirst Du auch als Schauspielerin wieder aktiv werden?
MK: Auf jeden Fall. Das ist der Plan für 2017. Dass ich das irgendwie schaffe, die beiden Dinge, Musik und Schauspielerei, noch besser unter einen Hut zu kriegen. Dass ich vielleicht was drehe, wie schauen uns jetzt auch gerade nach einer Filmagentur um – obwohl das Sprechtheater viel mehr meins ist. Also ich bin beides – Sängerin und Schauspielerin.

JM: Mit dem Tanzen hat sich ja nicht nur ein Lebenstraum verabschiedet. Ich unterstelle, dass Dir auch ein gewisser physischer Ausgleich fehlt. Wie kompensierst Du das?
MK: Kaffee und Kippen.

JM: Gut.
MK: Nein. Ähm, Yoga mach ich.

JM: Yoga?
MK: Mhmm. Ich geh laufen.

JM: Pilates.
MK: Nee. Ja. Das, was ich halt zu Hause, bevor ich herkomme, schnell machen kann. Genau. Yoga. Aber das ist ja nichts. Als ich getanzt habe, habe ich sechs Stunden getanzt. Am Tag.

JM: Tanz ist auch in Deinen Videos immer wieder ein wichtiges Element. Aber bis auf „Wer Wird Uns Sehen“ gibt es ausschließlich Solo-Performances. Ich hätte erwartet, dass Du wenigstens ein bisschen was in Richtung Paula Abdul und Beyoncé-Formationstanz bringst.
MK: Ja, klar, wenn ich mir irgendwann Tänzer leisten kann….

JM: Oh – stimmt – hatte ich ganz vergessen. Die kosten ja auch…
MK: Klar, natürlich hätte ich da Bock drauf. Kann ich mir gut vorstellen. Andererseits – Ich war immer so eine Ego-Tänzerin. Paartanz-Sachen fand ich schon immer schlimm.

JM: Die erste und einzige Geige also.,
MK: Ja.

JM: Warum gibt es „Wer wird uns sehen“ auf Französisch?
MK: Es gibt einige auf Französisch.

JM: Auf der Deluxe-Ausgabe von „Die Evolution der Maxine Kazis“ aber nur den.
MK: Nix, was schon veröffentlicht wäre. Aber das war der erste Text, den ich auf Französisch gemacht habe.

JM: Apropos Texte. Durch das ganze Album verläuft eine roten Faden voller formulierungstechnischer Idiosynkrasien. Ungewöhnliches, gewöhnungsbedürftiges.
MK: Zum Beispiel?

JM: Zum Beispiel „ich zünd alle Träume an“, „monogam macht mich monoton“, „untergehen wie ein Junkie“ – Imperien gehen unter, Schiffe auch. Aber Junkies? Sind das Dinge, über die Ihr Euch im Studio auseinandersetzt? Musstest Du für diese Formulierungen kämpfen?
MK: Peter hat gekämpft für den Junkie. In dem Fall war’s mal andersrum. Ich fand, dass das ein bescheuertes Wort ist. Aber es hat zu der Geschichte, die dahinter stand, gepasst.

JM: Worüber ist „U3“ – Ende mit Schrecken oder Ich bin die Stärkere?
MK: Häh, nee, eher die Schwächere!

JM: „Wenn Du glaubst, das war schwer, dann weißt Du nicht was hart ist?“
MK: [Pause] – das war so eine ganze miese Beziehung. Alkohol, Drogen und emotional verletzend. Wo ich eh von Anfang an keine Chance hatte. Alles, was ich möglicherweise falsch gemacht habe, war dann gleich so: Du bist der Horror, Du bist ein Albtraum.

JM: Ohwei.
MK: Auch ein gutes Zitat: Du bist schlimmer als Hitler.

JM: Hui.
MK: Ja, genau. Für den war ich halt eine einzige große Bürde.

JM: Von wem sind die Kommentare auf der Platte, die am Anfang von „Dreck“ und „Hinfalln, Aufstehn, Weitertanzen“ zu hören sind? Ist das die böse Tanzlehrerin?
MK: Also bei „Dreck“ am Anfang („Man kann immer was dafür“), das ist meine Mama. Die hat es gehasst, wenn wir früher gesagt haben: Es ist halt so passiert, ich kann nichts dafür. Man kann doch immer was dafür. Und bei „Hinfalln, Aufstehn, Weitertanzen“ ist es tatsächlich eine Tanzlehrerin, die ich hatte. Ein Drillmeister.

JM: In einer Deiner letzten Posts trägst Du einen Underground Resistance Hoodie – zufällig oder macht man das nicht zufällig, dass man so etwas in einem solchen Moment anzieht?
MK: Das war Zufall. Da drüben im Büro. Ich wollte halt bekanntgeben, dass ich auf Tour gehe und dann hatte ich halt den Pulli an.

JM : Aber Du weißt, wer oder was Underground Resistance ist?
MK: Ja.

JM: Hörst Du solche Mucke auch?
MK: Manchmal.

JM: Bist Du Clubberin oder warst Du’s?
MK: Ich war’s eher. Ich bin ein bisschen spießig im Moment.

JM: Wie trittst Du live auf – solo und mit der Mucke vom Band?
MK: Nee, mit Mucke von meiner Band. Was heißt „meiner“. Drummer, Keyboarder, Backing-Vocals.

JM: Wie waren die ersten Reaktionen bei Deinen Auftritten?
MK: Es war ein riesiger Luxus für mich, dass alle Beteiligten sehr hart daran gearbeitet haben, damit Leute kommen. Bisher habe ich in Berlin drei Konzerte gespielt und die waren voll. Mit der Tour sieht das ein bisschen anders aus.

JM: Toitoitoi – zum Abschluss hätte ich noch ein paar Begriffspärchen und Du musst Dich jeweils für einen davon entscheiden. In Ordnung?
MK: Ja.

JM: Gut – geht los: Kinder oder Haustiere?
MK: Haustier.

JM: Ballett oder Modern Dance?
MK: Modern Dance.

JM: Manolo Blahnik oder Stuart Weitzman?
MK: Also Manolo Blahnik Schuhe würde ich mir nie kaufen.

JM: Zigaretten oder Kaffee?
MK: Kippen

JM: Musical oder Oper?
MK: Oper

JM: Arsch oder Waschbrettbauch?
MK: Arsch.

JM: Nackt oder Kaschmir-Jumpsuit?
MK: Kashmir-Jumpsuit?

JM: Stadtwohnung oder Feld, Wald und Wiesen-Villa?
MK: Stadtwohnung.

JM: Ketten oder Ohrringe?
MK: Ohrringe.

JM: Pasta oder Reis?
MK: Pasta.

JM: Tampons oder Slipeinlage?
MK: Tampons

JM: Gras oder Koks?
MK: Gras.

JM: Alles klar. Danke für das Interview. 

Foto: Ferran Casanova

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