Mit Hippie End – Hans Söllners Wirtshaustour

„Diese Gegend hat mich kaputt gemacht und ich bleibe solange, bis man ihr das anmerkt.“
Herbert Achternbusch


Hans Söllner
Wirtshaustour

Trikont
19. März 2012

 

Erhältlich bei:
Trikont | Hans Söllner


Die Besprechung der Söllner Wirtshaustour mit einem Zitat eines anderen Bajuwaren-Kultur-Derwischs zu eröffnen, mag nicht besonders stilsicher sein. Dass Herbert Achternbusch und Hans Söllner Brüder im Geiste sind, dagegen eine gut begründete Unterstellung. Der eigentliche Sinn und Zweck dieser Parallelziehung aber besteht in dem Versuch, deutlich zu machen, wie seltsam unpassend und zugleich typisch sowohl der eine als auch der andere für’s Franz-Josef Strauß-Land ist; paradox heißt so was im Fremdwörter-Duden.

Frei statt Bayern
Seit immerhin schon 1979 verunsichert Christkind Söllner (geboren an Heiligabend 1955) vor allem den bayerischen Sprachraum mit seiner kruden Mischung aus Dilettanten-Akkord-Arbeit und sich in Folklore hüllenden philosophischen Weisheiten. Auf gut zwei Dutzend Ton- und Bewegtbildträger hat er es seitdem gebracht. Und eine mittlere sechsstellige Summe an Strafbefehlen wegen Beleidigungen, Verunglimpfungen und dem Anbau von Marihuana. Dass er keineswegs vorhat, es dabei zu belassen, das zeigt auch die hier zur Debatte stehende DVD. Entstanden während einer ein klein wenig nostalgisch anheimelnden Zurück-Zu-Den-Wurzeln-Tournee durch insgesamt 13 Wirtshäuser in ganz Bayern, portraitiert sie den Liedermacher und Widersacher Söllner als den etwas anderen, nichtsdestotrotz gestandenen Alleinunterhalter. Bewaffnet nur mit einer taubenblauen Adidas-1949-Trainingsjacke und seiner Akustik-Klampfe zeigt sich Söllner liebenswert, schlagfertig und auch nach so vielen Jahren Routine wie immer noch genüsslich verwundert ob der Tatsache, dass er (zahlendes) Publikum anzieht. Je nach Wirtshaus ist das gar nicht mal so klein.

Hardcore Mundart
Ebenso erstaunlich ist der Anteil der älteren Teenager und Schüler in diesem Publikum. Sie singen genauso euphorisiert mit, wie die, die Söllner seit 33 Jahren kennen. Apropos Mitsingen. Nicht alles, was der Sänger so von sich gibt, macht Sinn. Oder anders formuliert: Nicht-Bajuwaren werden mit dem Verstehen ihre liebe not haben. Was aber nicht nur an der fehlenden Untertitel-Option liegt, sondern auch an der oft stark unwürdigen Tonqualität der mit nur 55 Minuten doch recht kurzen DVD (dafür kostet sie auch nur schlanke 10 Euro). Ansteck-Mikrophone? – Vergiss es! Ausleuchtung? – Es gibt wohl Wichtigeres. Des Bayerischen mächtige, Söllner-Fans und –Kenner werden dabei kaum Schwierigkeiten haben. Vielleicht sollte es aber auch so und nicht anders sein. Vielleicht haben er und sein Label Trikont es auch darauf angelegt. Man weiß es nicht. Prinzipiell nämlich wäre Die Hans-Söllner-Solo-Bayern-Wirtshaustour-2011-DVD sehr gut geeignet, den schon lange nicht mehr als Bürgerschreck agierenden, aber glücklicherweise noch immer mit starken Überzeugungen ausgerüsteten Söllner einem größeren Publikum vorzustellen. So bleibt es beim Prinzipiellen.

Hartz-IV Joints
Gut ausgerüstet ist Söllner auch in Beziehung auf rauchbare Kulturpflanzen. Und skurril daran ist nicht, dass Söllner kifft, sondern dass Söllner seine Kiffe von strammen bayrischen Wirten bezieht. Und dass ein Großteil seines liebenswerten und trotzdem professionellen Umfeldes damit nicht einmal ein Problem hat, wenn’s selber nicht mitdampft. Labelboss Achim Bergmann hat kein Problem. Weder mit dem einen noch mit dem anderen. Aber als er sich am Ende der Tour mit dem inneren Kreis und seinem Rastafari-Schützling zusammensetzt, um sich selber eine kleines Tütchen zu gönnen, wird er von Söllner verhöhnt – was das denn für ein Hartz IV-Joint sein soll, den er da gerade am Zusammenstückeln sei …

Zweites Zitat
Schon die Einführung in diese Besprechung war wegen des Achternbusch-Zitats – zugegebenermaßen – stilistisch unsicher. Dafür bekommt die stilistische Unsicherheit mit einem Zitat am Ende einen Rahmen. Willi „Wucher“ Winkler hat schon vor längerer Zeit in der Sueddeutschen Zeitung den Söllner auf den Punkt gebracht. Angesichts dieser kompakt-gelungenen DVD-Veröffentlichung erweisen sich Winklers Worte wahlweise als Prophezeiung oder Synopsis – und werden wahrscheinlich auch aus diesem Grund dem Söllner-Profil auf der Trikont-Homepage vorangestellt:

„Wir haben keinen Besseren als diesen kiffenden, fluchenden, Staat, Kirche, Religion und den gehobenen Geschmack beleidigendem [sic!] und dann auch noch das Hochdeutsche weiträumig umfahrenden Rastafari. Als Peter Sloterdijk noch ein Philosoph war und nicht Industrieberater, hat er die kynischen Tugenden des Diogenes als Hilfsmittel gegen die Mächtigen propagiert. Hans Söllner ist der Einzige, der sie praktiziert, der Einzige, der sich noch wehrt: Habe die Ehre, Herr Söllner.“
Willi Winkler

Foto: Thorsten Richter

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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