Musikalischer Kawenzmann -„An Awesome Wave“ von alt-J

Die Überraschungsmomente werden nicht mehr. Das Provokations-Potential nimmt ab. Zu viele vermeintliche Tabus sind angeblich schon gebrochen. Wie bitte? – Nein. Um’s so genannte deutsche Regie-Theater geht es nicht. Parallelen sind dennoch vorhanden. Aber ist das alles nicht nur Geseiere von Altvorderen, die jede nachwachsende Generation um die Gnade der späten Geburt beneiden? Wer bitteschön hätte ahnen können, das Jimi Hendrix‘ brennende Gitarre noch nicht alles gewesen sein konnte? – Dass einem solche Gedanken ausgerechnet bei den vier besserwissrigen Schmalhänsen aus England kommen, mag übertrieben sein. Und dann auch wieder nicht. Tatsache ist, dass alt-j auf ihrem Debüt-Album dermaßen viele pomusikalische Traditionen als Ballast haben über Bord gehen lassen, dass kaum mehr auffällt, wie sehr Joe Newman, Gwil Sainsbury, Thom Green und Gus Unger-Hamilton dennoch Teil von ihr sind.


alt-J
An Awesome Wave

 

Infectious / Pias
25. Mai 2012

 

Erhältlich bei:
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Da wäre zum Einen ihr wohlerzogener, bürgerlicher Hintergund. Als Studenten nicht weiter spezifizierter Geisteswissenschaften traf man sich an der Uni. Und verbrachte eben nicht nur besoffen und sonst wie druff Zeit im Proberaum. Sondern machte sich auch sonst Gedanken um Konzeptionelles, Metaphysisches und anderes, was klug und verkopft zugleich rüberkommt. Quasi: wo der Hintersinn im Vordergrund zu stehen scheint. Es fängt nicht beim Namen an, der eigentlich ∆ ist, aber mit der Buchstabenkombination für eben jenes Delta auf einer Mac-Tastatur mit UK-Belegung umschrieben wird; und hört nicht mit befremdlichen Songtiteln wie z.B. „Ms“ oder „Fitzpleasure“ auf.

Der intellektuell gut bereitete Boden, der spätestens seit Brian Ferrys Roxy Music-Tagen als strategischer Ansatz wahrgenommen und bis ins heute – von Vampire Weekend bis alt-J – erfolgreich angewandt wird, hat selbstverständlich auch sein Gutes. Die Überzeugung, mit der sich alt-J und ihre Musik präsentieren, wirkt authentisch, kein bisschen gewollt. Angesichts der Klangeindrücke auf „An Awesome Wave“ erstaunlich: Nur schwer lässt sich vorstellen, dass diese Musik das Ergebnis ausufernder Jam-Sessions und des sich Verlierens im Band-Flow sein kann und soll. Stattdessen dürfte der (vielleicht sogar steinige?) Weg über kleinteilige Tüftelei, detailliertes Sound-Design und Trial-And-Error-Arrangements geführt haben. So ganz ohne Satzlehre-Kenntnisse ist zum Beispiel das „Interlude I“ bestimmt nicht entstanden.

Dass man dem Vierer einen eher analytischen denn intuitiven Zugang zu ihrer eigenen Musik unterstellt, muss aber 1. nicht richtig sein. Und soll 2. auf keinen Fall implizieren, die Band könne sich der Musik anderer (die sie bestimmt auch hören) nur dekonstruktivistisch nähern. Sicher, in der Lage dazu wären sie. Das bestätigen nicht nur die anspruchsvollen Texte, sondern vor allem die Anstrengungen, die unternommen wurden, um den möglichen oder unmöglichen Sinn dieser Texte zu verschleiern, zu kaschieren, für neugierige Medienpartner zu verrätseln. Und sie damit erst recht anzuheizen, die Diskussion um die neuen Professor Dr. Dr. Pop.

Was war jetzt noch mal mit der Musik? – Unglaublich, fast unbeschreiblich, trotz Hirn-Faktor. Harmonisch so reich ausgestattet wie alles zwischen Fleet Foxes und Mumford And Sons, lassen alt-J es in Sachen Struktur und Aufbau ähnlich lässig angehen wie zum Beispiel James Blake: was Strophe, was Refrain und C-Teil oder doch schon wieder neuer Song ist, wird nicht endgültig geklärt. Anders formuliert: dem Hörer werden Mitspracherechte eingeräumt. Ähnlich offen ist, ob die Band sich als Elektronika-Projekt sieht oder sich näher am klassischen Akustik-Quartett glaubt. Klanggestalterisch wäre prinzipiell beides möglich. Oder wer kann mit Sicherheit sagen, dass „Tarot“ eher nach Dublin und weniger nach Delhi klingt ….

Mindestens genauso beeindruckend ist das Spektrum, das Frontmann Joe Newman bedient – trotz seiner begrenzten vokalen Möglichkeiten. Antony And The Johnsons lassen sich nicht weniger zum Vergleich heranziehen („Tessellate“ + „Dissolve Me“ + „Ms“ + „Boodflood“) als beckscher Wannabe-Rap („Breezeblocks“); sogar Postal Service Erinnerungen melden sich („Fitzpleasure“). Das – ab von allen kreativ gesehen mutigen Entscheidungen, der großartigen, klanglichen Eigenständigkeit und allen wohldosiert gestreuten Irritationen – Allergrößte an alt-J ist, dass sie ohne Posen auskommen. Und ihre Musik auch. Photoshop-Cover, Band-Pics, vom Ghostwriter erfundene biografische Anekdoten – Fehlanzeige. Gut möglich, dass sie noch in diesem Jahr auf großen Festivals gebucht werden – aber egal zu welcher Tageszeit: keines davon ist klein genug für die Musik von alt-J. Heftigst empfohlen!

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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