Orakel und Spektakel – Frittenbudes „Delfinarium“

„Nur wegen dem Eiskonfekt“ ist grammatikalisch natürlich optimierbar. Aber wegen die Grammatik so einen Aufriss zu machen, kann man sich trotzdem schenken. Frittenbudes drittes Album „Delfinarium“ bietet viel mehr als nur korrekter Deutsch …


Frittenbude
Delfinarium

 

Audiolith / Broken Silence
11. Mai 2012

 

Erhältlich bei:
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Johannes Rögner, Martin Steer und Jakob Häglsperger haben sich mächtig ins Zeug gelegt. Mussten sie auch. Ließen sich die ersten beiden Alben noch als Kollateralschaden der 2006 zufällig stattgefundenen Bandgründung verklären, sind aller guten Dinge noch immer drei – aber kein Zufall. Den drei von der Frittenbude ist das natürlich selber klar. Wohl aus diesem Grund haben sie die neu erworbene Seriosität gleich mal auf’s Cover gepackt – so gut sie das eben konnten. Dass das jetzt aussieht wie eine nordkoreanische Raubkopie einer Deutschen  Grammophon-Platte, war fast zu erwarten. Dass Titel, Cover-Abbildung und Namensgebung so dermaßen unabhängig von- und nebeneinander stehen, nicht. Vielleicht klebt auch nur zu wenig Bratfett im Gehörgang – wer weiß das schon.

„Delfinarium“ – so viel steht immerhin fest – unterscheidet sich wohltuend, wenn auch nicht grandios  von seinen beiden Vorgängern „Katzengold“ und „Nachtigall“. Überwogen auf dem Debüt noch Geknarze und Gebratze, das auch T.Raumschmiere und Misc. hervorragend zu Gesicht gestanden hätte, geht „Delfinarium“ eher noch weiter in die Richtung, in welche auch schon „Katzengold“ lugte. Elektro ja, aber Gitarren-Indie bitteschön auch. Bedenkt man dabei, dass die Berliner Münchener einst mit Kettcar-Remixen reüssierten, wundert einen schon fast nichts mehr.

Auch nicht, dass sich auf jedem der drei Alben dieselben Muster wiederfinden: 1x Schaffel („Amsel“, „Ein Mensch rennt“, „Superschnitzellovesong“) – 1 x Indie-Power-Stadion-Hymnen-Ballade („Wings“, „Vom Fliegen“, „Mindest in 1000 Jahren“) – 1 x Dub-Grime-Halftime. Für die lyrischen Inhalte gilt das selbstverständlich auch. Und so wartet „Delfinarium“ mit 15 Songs zwischen elektropunkiger Nabelschau und technopoppiger Weltverbesserungsattitüde auf; 15 Ausreden für den Eskapismus und gegen den Schlaf (Beischlaf ausgenommen); 15 Angebote zwischen Abfahrt und der Angst, nirgendwo ankommen zu können. 15 mal der bessere Soundtrack für „Absolute Giganten“.

Frittenbude machen Jungs-Musik und texten auch so. Konsumkritk und Antifaschismus gut und schön – überzeugender sind Frittenbude, wenn sie begründen, warum eine Sonnenbrille selbst im Darkroom noch wichtig ist. Und authentischer, wenn sie zugeben, auch schon mal unglücklich verliebt gewesen zu sein. Und dennoch geht die Adoleszenz auch an der Pommesschänke nicht spurlos vorüber. Aus feierwütig wird partybegeistert, aus Krawall ein kathartischer Ausbruch und Francoise Hardy samplen sie auch noch.

Musikalisch ist „Delfinarium“ ein großer Schritt in Richtung Professionalität. Ausgewogener die Abmischung, abgeklärter die Arrangements und konsistenter das Klangergebnis. Warum das Album an manchen Stellen dennoch dünn klingt, und der The Streets DIY-Ansatz gegenüber dem Mode Selektor Kinnhaken überwiegt, kann sich der Autor nicht erklären. Vielleicht ist das ja auch so gewollt. Woher soll man’s auch wissen. Es steht ja nicht drauf. Der Titel des Hidden Track „Einfach nicht leicht“ übrigens ebenso wenig.

„Delfinarium“ ist gut, lustig und tanzbar. Ein Tick mehr Eleganz hätte aber auch nicht geschadet. Auf der anderen Seite: Das Label heißt Audiolith – nicht Audiokiesel …

photo: Audiolith

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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